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4.3.1.3 Die Einschätzung der gewaltpräventiven Wirkung des Platzverweises

Im Folgenden wird erörtert, wie die Interviewpartner/innen die gewaltpräventive Wirkung der Maßnahme Platzverweis einschätzen. Zwei Fragen stehen hierbei im Fokus: Kann ein Platzverweis ihres Erachtens häusliche Gewalt beenden? Und: Gibt es Fallkonstellationen, in denen den Befragten ein Platzverweis sinnlos erscheint?

• Einschätzung der Möglichkeit der Gewaltbeendigung durch den Platzverweis

Bei der Frage, ob die Verwaltungsfachkräfte den Platzverweis für geeignet halten, zur Gewaltbeendigung beizutragen, finden sich verschiedene Aussagen in den Interviews – oft auch in ein und demselben Interview. Zur Sprache kamen Hoffnungen wie Befürchtungen. Die Befragten stützten sich auf Vermutungen, welche sie aus ihren persönlichen Eindrücken während des kurzen Kontaktes mit den Beteiligten gewannen, sowie auf eigene Deutungsmuster über die Erscheinung und Dynamik häuslicher Gewalt. Da sie in der Regel keine Kenntnis darüber erhalten, ob sich Gewalt in den einzelnen Fällen nach Ablauf eines Platzverweises wiederholt, bleiben ihre Einschätzungen Vermutungen.

Es findet sich in den Interviews die Annahme, dass der Platzverweis als eine Maßnahme von außen kurzfristig die Gewaltdynamik in Beziehungen unterbrechen kann. Er setzt dem Täter –oder auch beiden Beteiligten – einen heilsamen „Schuss vor den Bug“ (OPB 4, Abs. 54). Die Intervention schafft dieser Begrifflichkeit zufolge eine kraftvolle Zäsur und stoppt zunächst sowohl die Gewaltausübung als auch die konfliktreiche Dynamik innerhalb der Partnerschaft. So beschrieb ein Befragter, dass der Platzverweis eventuell einen Täter

„aufwecken“ könne, so dass er sich – zumindest für einen gewissen Zeitraum – wieder auf die „Spielregeln in einer Partnerschaft“ (OPB 5, Abs. 61) besinne. Ein anderer vermutet, dass die eindrückliche Intervention bei beiden Partnern dazu führen kann, dass sie sich um eine Besserung der Partnerschaft bemühen, und der Täter sein Unrecht erkennt. Eine Dritte stellte die Vermutung an, dass mancher Täter, wenn er einmal einen Platzverweis erfahren hat, zukünftig von der Anwendung von Gewalt abgehalten werden kann. Hier steht nicht das Bemühen um eine Besserung der Beziehung im Vordergrund, sondern das Vermeiden einer Wiederholung dieser einschränkenden Maßnahme. Die Befragten stellten bei ihren Ausführungen jedoch in Frage, ob das Besinnen, das Bemühen oder die Abschreckung von dauerhafter Wirkung sein könne.

Neben diesem Potential der Maßnahme Platzverweis, Gewalt eindämmen zu können, steht die Konstruktion der Interviewpartner/innen, dass häusliche Gewalt grundsätzlich eine Wiederholungstat ist. Glaubenssätze der Interviewpartner/innen wie: „Wer's einmal macht, der macht's auch wieder.“ (OPB 4, Abs. 8), zeugen von starken Zweifeln hinsichtlich einer langfristigen Wirkung polizeilicher Interventionen. Gewaltanwendung ist entsprechend dieser Auffassung eine schwer veränderbare Charaktereigenschaft.

Führt man diese Einschätzungen zusammen, so kann man auf eine Sichtweise dieser Expert/innen schließen, nach der eine Gewaltbereitschaft allein von außen kaum dauerhaft verändert werden kann. Staatliche Interventionen wie der Platzverweis vermögen eventuell abzuschrecken und Normen zu verdeutlichen. Sie sind möglicherweise in der Lage die Hemmschwellen einer Person vor einem erneuten Zuschlagen wieder zu stärken. Der Platzverweis bleibt jedoch in seiner Wirkung begrenzt und ändert die Gewaltbereitschaft nicht grundsätzlich, hält sie im besten Fall eine Zeit lang im Zaume.

Aufgrund der Einschätzung einer fragilen Wirksamkeit des Platzverweises ist es nicht verwunderlich, dass die Befragten „weitere Schritte“ (OPB 3, Abs. 65) von Opfer und Täter als entscheidend für eine langfristige Gewaltbeendigung erachten. Mehrere Interviewpartner/innen setzen ihre Hoffnungen diesbezüglich auf Beratung, insbesondere auf die Opferberatung im Rahmen des Platzverweisverfahrens. So kann ihrer Vorstellung nach Opferberatung Veränderungen anregen, „Weichen stellen (...) für das spätere Leben der Frau“ (OPB 4, Abs. 54) und Frauen „überzeugen“ (OPB 4, Abs. 54) zivilrechtliche Schritte einzuschlagen. Sie kann nach Ansicht eines anderen Interviewpartners zudem dazu beitragen, Partnerschaften, die Frauen aufrechterhalten wollen, zu verbessern. Aber auch auf Täterberatung, welche zum Zeitpunkt der Befragung noch nicht als spezialisiertes Angebot in der Interventionskette der Untersuchungsregion integriert war, wurden große Hoffnungen gesetzt. Es wurde angenommen, dass manche Täter durch dieses Angebot in ihrem Verhalten beeinflusst werden und eventuell einen anderen Umgang mit Aggressionen lernen könnten – zumindest diejenigen, die einen gewissen Grad an Einsicht zeigen. Beratung als gerichtliche Auflage wurde von allen Befragten begrüßt und als chancenreich bewertet.

„Wenn die Beratung nicht funktioniert, dann ist das Ganze – das ganze Verfahren zum Scheitern verurteilt. Insofern denk ich, dass die – sowohl die Opferberatung als auch die Täterberatung auf jeden Fall im Mittelpunkt unseres Interesses stehen muss. Alles andere, denk ich, funktioniert mittlerweile.“ (OPB 4, Abs. 120) [1]

Spezialisierte Beratungsangebote für Opfer und Täter im Rahmen des Platzverweisverfahrens werden laut diesem Interviewten als der Motor betrachtet, von dem das Gelingen dauerhafter Gewaltbeendigung abhängt. Der Platzverweis schafft kurzfristig eine Unterbrechung der Gewalt, er ist aber Ausgangspunkt des vernetzten institutionellen Handelns gegen häusliche Gewalt und somit auch des Tätigwerdens der spezialisierten psycho-sozialen Hilfen.

• Der sinnlose Platzverweis

Die Frage, ob es bestimmte Fälle gibt, in denen ihnen ein Platzverweis sinnlos erscheint, wurde von den Interviewpartner/innen in zweierlei Hinsicht verstan den und beantwortet: zum einen hinsichtlich einer Gefahrensituation und zum anderen in Bezug auf eine generelle Gewaltbeendigung.

Drei der Verwaltungsfachkräfte betonten auf diese Frage den unzweifelhaften Sinn eines Platzverweises bei Vorliegen einer akuten Gefährdungslage. Eine Befragte stellte geradezu seine Notwendigkeit heraus: In vielen Fällen ist der Platzverweis ihres Erachtens „die einzige Möglichkeit“ (OPB 1, Abs. 19), um eine Gefährdung rasch abwenden zu können. Dabei ist es für sie unerheblich, ob die Gefahrenlage einer Frau zum Ersten Mal bekannt wird oder sich bereits des Öfteren wiederholt hat. Eine Unterscheidung der Sinnhaftigkeit des Platzverweises in Erstfällen – im Vergleich zu Wiederholungsfällen – wird von ihr in diesem Zusammenhang abgelehnt. Dementsprechend umgekehrt schätzten die Mitarbeiter/innen der Ortspolizeibehörden den Platzverweis dann als sinnlos ein, wenn keine aktuelle Gefahrenlage gegeben ist. Dies kann, wie sie ausführten, beispielsweise dann der Fall sein, wenn der Vorfall aus „Kleinigkeiten“ (OPB 5, Abs. 37) bestand. Dies kann auch der Fall sein, wenn beide Beteiligte überzeugend von einer Versöhnung berichten – sofern der vorangegangene Gewaltvorfall nicht „massiv“ (OPB 2, Abs. 29) war.

Wurde die Frage nach einer denkbaren Sinnlosigkeit des Platzverweises von den Befragten auf die Möglichkeit einer grundsätzlichen Beendigung häuslicher Gewalt bezogen, wurden insbesondere Wiederholungsfälle thematisiert. So bezweifelten zwei Interviewpartner/innen den Sinn des Platzverweises bei Paaren, die scheinbar durch keine Intervention zu beeindrucken sind. Partner, die weder durch Worte noch durch Maßnahmen erreichbar scheinen und bei denen polizeiliche Einsätze wiederholt notwendig werden. Gewalthandeln und Gewalterdulden beruhen ihrer Vorstellung nach in diesen Fällen auf einem verfestigten

„Verhaltensmuster“ (OPB 2, Abs. 29), in dem keinerlei Änderungsbereitschaft der Partner erkennbar wird. Solche Fälle kennen sie nicht aus ihrer eigenen Erfahrungspraxis, sondern nur aus Erzählungen von Kolleg/innen. Sie lassen offen, ob eine solche Einschätzung der Gewaltbeziehung – als unveränderbar – Einfluss auf ihr Entscheidungshandeln nehmen würde.

Eine Interviewte bezeichnete sich diesbezüglich als „Optimist“ (OPB 1, Abs. 17). Auch wenn ein Platzverweis ohne erkennbare langfristige Handlungsfolgen der Beteiligten bleiben kann, verliert er für sie dennoch nicht an Sinn und Potential:

„Ich bin da vielleicht Optimist, aber ich denk Sinn macht's immer. (...) jeden Tag läuft alles so ab, aber an dem Tag ist was anders, es wird irgendwas gemacht, es wird was unternommen. Und es ist – auch wenn sie keine Handlung draus ziehen, denk ich erreicht man schon das Bewusstsein, dass von außen in irgendeiner Form reagiert wird. Einfach schon der Gedanke, okay es wird von außen in irgendeiner Form eingegriffen. Mal unabhängig da davon, ob der Eingriff eine Wirkung hat aber er ist schon einmal vorhanden. Ich setz da einfach mal drauf, dass das schon eine gewisse Änderung vielleicht im Bewusstsein hervorrufen kann. Wenn es vielleicht auch dauert.“ (OPB 1, Abs. 17)

Hier zeigt sich ein Vorstellungsbild der Befragten von einer Problematik häuslicher Gewalt, welche für die Beteiligten eine gewisse Normalität besitzt. In ihrer Anschauung prägt seine Dynamik deren Alltag, und die Beteiligten scheinen sich damit arrangiert zu haben, sie handeln ihr nicht oder nicht mehr zuwider. Durch die Intervention Platzverweis wird ihnen nun vor Augen geführt, dass der Staat diese Normalität häuslicher Gewalt nicht duldet. Sie hofft, dass diese Erfahrung des Eingreifens und der Normsetzung von außen das Bewusstsein der Beteiligten erreicht und hierdurch Veränderung angestoßen wird. Sie will optimistisch sein – vielleicht im Gegensatz zu manch anderen Kolleg/innen, vielleicht aber auch im Gegensatz zu den Beteiligten selbst, welche die Hoffnung auf Veränderung aufgegeben haben.

  • [1] Die indirekte Aussage in der Interviewpassage, Beratung würde noch nicht „funktionieren“ bezieht sich auf das Fehlen eines Täterberatungsangebots sowie auf die damals nur temporär gesicherte Finanzierung der Opferberatung.
 
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