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4.3.2.4 Zusammenfassung

Die Ermittlung des jeweiligen Sachverhalts bei häuslicher Gewalt ist für die Expert/innen die Grundlage für eine gewissenhafte Entscheidung über die Befristung des Platzverweises. Sie versuchen, das Gewaltgeschehen durch den Polizeibericht, die Anhörung der Beteiligten sowie durch Hinterfragen aufzurollen und sich zu erschließen. Ein Erfassen der Schlüssigkeit eines Falles, der Glaubwürdigkeit und Realitätsnähe der Aussagen von Opfer und Täter sind für sie von zentraler Bedeutung. Sie versuchen zu verstehen, was geschehen ist, geraten aber bei diesem Versuch, die Wahrheit zu ergründen, an Grenzen.

Die Praxis der Ortspolizeibehörden, eine Entscheidung über Aufhebung oder Fortführung bzw. Erlass eines Platzverweises zu treffen, steht in erster Linie in Abhängigkeit der Schwere des Gewaltvorfalls. Je schwerer und widerspruchsfreier ein Sachverhalt häuslicher Gewalt vorliegt, desto einfacher ist es für die Behörde, eine aktuelle Gefahrensituation zu bejahen und die Fortsetzung des Platzverweises zu veranlassen. Bei leichter Gewaltschwere und unklarer Gefährdungslage werden weitere Aspekte verstärkt herangezogen, so insbesondere die Mitbetroffenheit von Kindern und die Haltung der geschädigten Frau zum Platzverweis sowie zur Partnerschaft.

Das Entscheidungshandeln der Expert/innen erfordert die Deutung der Informationen, die sie über einen Fall erhalten: zum einen die Deutung, wann ein Gewaltvorfall als ein leichter bzw. als ein schwerwiegender einzustufen ist. Diese Bewertung ist von der rechtlichen Seite her im Rahmen des Ermessensspielraumes dem einzelnen Akteur überlassen. Zum Zweiten jene, wie Aussagen des Opfers und des Beschuldigten zu werten sind. Sind berichtete Versöhnungen, gezeigte Reue oder anderslautende Darstellungen tatsächlich ein Indiz für eine veränderte Gefahrenlage oder nicht? Zum Dritten ihre subjektive Vorstellung über die Möglichkeit einer Gefährdung noch hoffnungsvoller Partnerschaften durch die Maßnahme Platzverweis und welche Berücksichtigung dieser Aspekt in ihrem Handeln erhalten soll.

Die Ergebnisse machen deutlich, dass für die Professionellen die Vorstellung, ein Platzverweis müsse erfolgreich sein, von Bedeutung sein kann. Und zwar erfolgreich in dem Sinne, dass die Beteiligten, insbesondere die Gewaltbetroffenen, durch die Maßnahme und die sich anschließende Interventionskette einen Weg zur Beendigung der Gewalt finden. Daher versuchen sie, neben der Befristung des Platzverweises auch Veränderungen bei den Frauen anzustoßen. Durch Informationen und Appelle wollen sie einer Haltung des Verharrens in Untätigkeit vorbeugen, einer vermuteten Tendenz zur Verdrängung der Gewaltproblematik entgegenwirken und scheinbare Illusionen der Frauen über ihre Partnerschaft aufbrechen.

 
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