< Zurück   INHALT   Weiter >

4.3.3 Die Ortspolizeibehörde im Kontakt mit gewaltbetroffenen Frauen

Dieses Kapitel untersucht Aspekte des Kontaktes der Mitarbeiter/innen der Ortspolizeibehörde mit den gewaltbetroffenen Frauen aus Sicht der Expert/innen. Zuerst wird dargestellt, welche Haltungen zum Platzverweis sie bei gewaltbetroffenen Frauen wahrnehmen. Es wird anschließend beleuchtet, wie sie den Kontakt zu den Frauen in der Anhörung auf dem Amt erleben. In einem nächsten Abschnitt wird herausgearbeitet, welche Möglichkeiten der Unterstützung ihrer Einschätzung nach ihre Behörde für gewaltbetroffene Frauen bieten kann. Anschließend werden die gegenseitigen Erwartungen aus der Wahrnehmung dieser Professionellen erörtert. Den letzten Abschnitt dieses Kapitels bildet die Einschätzung des Unterstützungsbedarfs von gewaltbetroffenen Frauen durch die befragten Verwaltungsfachkräfte.

4.3.3.1 Die Haltung von Frauen zum Platzverweis aus Sicht der Ortspolizeibehörde

Die Verwaltungsfachkräfte berichteten insgesamt von drei verschiedenen Haltungen, welche sie bei Frauen gegenüber dem Platzverweis des Partners wahrnehmen: eine Haltung des Befürwortens, eine des Ablehnens und jene eines Wechsels von der Befürwortung hin zur Ablehnung. Letztere wurde von zwei Interviewpartnerinnen sehr eindrücklich geschildert und soll hier als erstes dargestellt werden:

Diese beiden Befragten berichteten von einer Wende in der Reaktion der Frauen auf den Platzverweis. Zu Beginn, insbesondere direkt nach der Gewalttat, reagieren diese ihrer Beschreibung nach erleichtert. Der Platzverweis wird als eine „gewisse Befreiung“ (OPB 3, Abs. 15) erlebt. Sie sind „froh, (...) dass sie jetzt geschützt sind“ (OPB 1, Abs. 26) und nun „den Täter in Distanz (...) wissen“ (OPB 3, Abs. 31). Kurze Zeit später – und diese Gefühlsverfassung zeigt sich nun auf der Ortspolizeibehörde – dämpfen Überlegungen, wie ein Leben nach einer Trennung vom Partner aussehen wird, diese Gefühle der Erleichterung. Die Expert/innen erhalten Kenntnis von verschiedenen Ängsten und Unsicherheiten, denen Frauen nun gegenüberstehen: Zweifel, ob sie den Alltag ohne den Mann überhaupt bewerkstelligen können sowie Befürchtungen hinsichtlich ihrer finanziellen Lebensgrundlage stehen im Vordergrund. Bei Migrantinnen werden „zum Teil natürlich auch sehr realistisch(e)“ (OPB 3, Abs. 15) Sorgen hinsichtlich der Reaktion der Familie auf den Platzverweis bzw. auf eine Trennung der Frau und hinsichtlich der Auswirkungen einer Trennung auf ihren Aufenthaltsstatus wahrgenommen. An die Stelle von Befreiung tritt nun „eine gewisse Verunsicherung, so ein Ausdruck an Ängsten: Was jetzt kommt“ (OPB 1, Abs. 26). Die beiden Interviewpartnerinnen berichteten, dass diese „verunsicherten“ Frauen den Platzverweis nun häufig als „Belastung“ (OPB 1, Abs. 26) erleben und nicht selten um seine Aufhebung bitten.

Deutlich wird in dieser Beschreibung die Beobachtung der Befragten, dass sich Frauen bereits kurz nach Erlass des vorläufigen Platzverweises durch den Polizeivollzugsdienst mit Fragen über die Zukunft ihres Lebens und ihrer Partnerschaft beschäftigen. Diese Überlegungen werden stark geprägt durch die Anforderungen, vor welche sie eine Trennung stellen würde. Die Haltung vieler Frauen zum Platzverweis steht der Wahrnehmung der beiden Expertinnen entsprechend unter dem Einfluss eines geringen Selbstvertrauens in die eigenen Fähigkeiten, ein Leben als getrennt lebende Frau mit all seinen Schwierigkeiten meistern zu können. Werden die Anforderungen, die eine Trennung in der Vorstellung der Frauen aufwirft, als nicht zu bewältigen eingeschätzt, wird der Platzverweis von ihnen als Belastung erlebt. Die vorgetragene Bitte, den vorläufigen Platzverweis nicht fortzusetzen, deutet an, dass diese Frauen den Platzverweis auch nicht als Auszeit zur Beruhigung der Situation nutzen wollen und können.

Dieser Wechsel von der Befreiung zur Belastung kann unter Umständen auch durch das Gespräch bei der Ortspolizeibehörde selbst ausgelöst werden. So erzählte ein Interviewpartner, der in seiner Arbeit generell Wert darauf legt, Frauen die Notwendigkeit eigener Schritte in Richtung Gewaltfreiheit zu verdeutlichen:

„Ich denke, dass vielen dann erst da in dem Gespräch [mit der Ortspolizeibehörde, Anm. Verf.] bewusst wird, welche Konsequenzen so ein Platzverweis mit sich bringt, dass das schon irgendwo halt auch ein erster Schritt oder ein wesentlicher Einschnitt ist – zur TREnnung der Partnerschaft oder der Ehe. Und da wird ´s vielleicht dem ein oder anderen mulmig oder wie man das auch immer so bezeichnen will.“ (OPB 5, Abs. 11)

Deutlich wird in diesem Zitat das Verständnis des Professionellen über den Platzverweis als ein amtlich getätigter „erster Schritt“ zur Beendigung einer gewaltbelasteten Partnerschaft. Seiner Wahrnehmung entsprechend assoziieren jedoch viele Frauen den Platzverweis zunächst nicht mit Trennung. Vermutlich bezieht er sich auf Frauen, die sich über die Zukunft der Partnerschaft unschlüssig sind sowie jene, welche die Partnerschaft aufrechterhalten wollen, den Platzverweis aber dennoch bejahen. Sie befürworten den Platzverweis aus anderen Motiven – nicht jedoch, um in diesem Zuge die Partnerschaft aufzulösen. Aufgrund dieser vermeintlichen Fehleinschätzung der Frauen vermittelt dieser Experte gewaltbetroffenen Frauen seine Auffassung: Ein Platzverweis ist der Anfang vom Ende einer Beziehung. Mit diesem Verweis werden Frauen in ihrer Haltung zum Platzverweis seiner Beobachtung nach verunsichert.

Neben dieser Reaktion werden noch weitere Haltungen von Frauen gegenüber dem Platzverweis beschrieben. Es finden sich in den Interviews Berichteüber Frauen, die den Platzverweis „wollen“ (OPB 3, Abs. 17) bzw. „akzeptieren“ (OPB 2, Abs. 69). Diese geben bei der Ortspolizeibehörde an, die kurzzeitige Distanz durch den Platzverweis zum Partner nutzen zu wollen, um über die Beziehung, deren Fortbestand oder Auflösung, nachzudenken. Es wurde diesbezüglich angemerkt, dass es sich hierbei um Fälle handelt, bei denen Gewalt „ganz ganz eindeutig“ (OPB 3, Abs. 17) vorliegt oder in denen die Gewaltproblematik bereits über einen längeren Zeitraum besteht. Für die beiden Interviewpartnerinnen, welche diese Haltung beschrieben, scheint der Wunsch von Frauen nach einer gewissen Zeit des Überlegens seine Berechtigung zu haben. Die Frauen...

„...brauchen diese Zeit auch um drüber nachzudenken, um prüfen zu können für sich selbst, ob diese Beziehung noch Sinn gibt, ob sie rettbar ist und da ist die Distanz für die Frauen sehr, sehr wichtig.“ (OPB 3, Abs. 17).

Hier wird das Bild eines Scheidewegs entworfen, auf dem sich gewaltbetroffene Frauen befinden: Sie stehen vor der Anforderung abzuwägen, ob die Gewalterfahrung innerhalb der Partnerschaft bewältigt werden kann oder nicht. Anders als der vorher Zitierte begegnen sie dieser Haltung nicht mit der Darlegung von Trennung als Konsequenz im Zuge des Platzverweises. Eine „Distanz“ der Partner durch den Platzverweis erscheint ihnen vielmehr als eine „Möglichkeit, dass jeder für sich klären kann, wie geht ´s weiter.“ (OPB 2, Abs. 21). Ihrer Auffassung entsprechend steht nicht nur die gewaltbetroffene Frau vor dieser grundlegenden Frage, sondern auch der Gewalttätige.

Bei jenen Frauen, welche die Fortsetzung des Platzverweises ablehnen, erachten die Befragten Konflikte und Gewaltproblematik keinesfalls als gelöst. Wenige Tage nach dem Gewaltvorfall angegebene Versöhnungen entbehren ihres Erachtens der Ernsthaftigkeit, mit der eine Gewaltproblematik betrachtet werden sollte. Sie interpretieren den Wunsch nach Aufhebung als einen Versuch, die Gewaltproblematik zu verdrängen.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >