< Zurück   INHALT   Weiter >

4.3.3.2 Der Kontakt – zwischen Distanz und Offenheit

Der Kontakt zwischen gewaltbetroffenen Frauen und den Mitarbeiter/innen der Ortspolizeibehörde gestaltet sich der Wahrnehmung der Befragten entsprechend unterschiedlich: zum einen in Abhängigkeit der Gesprächsbereitschaft der Frauen – zum Zweiten in Abhängigkeit ihrer Gestaltung des Gesprächs. Beide Aspekte weisen in der Darstellung der Interviewpartner/innen eine große Spannbreite auf und beeinflussen sich gegenseitig.

Zur Wahrnehmung der Gesprächsbereitschaft der Frauen: Die Mehrheit der befragten Mitarbeiter/innen gab an, die meisten Frauen im Kontakt mit ihnen als „offen“ (OPB 5, Abs. 53) und „gesprächsbereit“ (OPB 4, Abs. 22) zu erleben. Gelegentlich gezeigte anfängliche „Zurückhaltung“ (OPB 2, Abs. 53) oder „Verstocktheit“ (OPB 4, Abs. 42) löst sich den Beschreibungen nach jedoch meist relativ schnell auf. Es wurde von einzelnen Frauen berichtet, die sich gegenüber den Befragten durchgehend verschlossen zeigten und denen „man praktisch jedes Wort rausziehen“ (OPB 5, Abs. 53) muss. Demgegenüber wurde auch vom anderen Extrem berichtet: Manche Frauen erscheinen den Befragten geradezu mitteilungsbedürftig: „das sprudelt richtig aus ihnen heraus.“ (OPB 3, Abs. 25)

Zwei Erklärungen für eine hohe Mitteilsamkeit gegenüber der Behörde werden in den Interviews benannt: So nimmt eine Interviewpartnerin bei vielen dieser Frauen das „Bedürfnis“ wahr, mit der Ortspolizeibehörde als einer „neutralen Instanz“ (OPB 3, Abs. 35, 71) sprechen zu können. In diesem Deutungsmuster steckt die Vorstellung, dass Frauen von einer Behörde, von welcher sie gerechtes und unparteiisches Handeln erwarten, eine objektive Beurteilung des Gewaltvorfalls erhoffen. Frauen zweifeln dieser Konstruktion entsprechend an ihrem eigenen Urteilsvermögen und erhoffen sich durch eine neutrale Person eine Validierung ihrer eigenen Einschätzung der Gewaltproblematik. Als weiterer Grund wird die Vermutung eines Fehlens von Vertrauenspersonen benannt, mit denen die Frauen über die Gewalt sprechen können. Diese Einsamkeit im sozialen Umfeld wird zum einen darauf zurückgeführt, dass viele Frauen sich schämen und davor zurückschrecken, das Bild der heilen Familie nach außen aufzugeben. Eine solche Barriere scheint ihres Erachtens gegenüber Fremden weniger stark ausgeprägt zu sein. Zum Zweiten wird von den Befragten bezweifelt, ob Personen aus der Familie oder dem Freundeskreis mit anvertrauten Gewalterfahrungen immer angemessen umgehen können. Sie vermuten diesbezüglich zum Teil berechtigte Befürchtungen von Seiten der Frauen.

Zeigen sich gewaltbetroffene Frauen gegenüber der Ortspolizeibehörde mitteilsam, umfasst diese Gesprächsbereitschaft die „Vorgeschichte“ (OPB 4, Abs. 44) des Gewaltgeschehens mit möglicherweise zurückliegenden Gewaltvorfällen sowie unterschiedlichen Eheproblemen. Sie bezieht sich weiterhin auf den Gewaltvorfall selbst. Opfer (wie auch Täter) „spucken schon aus was gewesen ist“ (OPB 4, Abs. 22) – eine Formulierung, in der anklingt, dass die Beteiligten die Gewaltgeschehnisse eventuell nach einem ersten Zögern dann doch aufrichtig zur Sprache bringen. Die Offenheit der Frauen richtet sich außerdem auf Themen, die mit dem Platzverweis des Mannes verbunden sind: Zum einen berichteten die Befragten hier von Erzählungen der Frauen über praktische Schwierigkeiten, wie ein plötzlich fehlender Zugang zu finanziellen Mitteln oder wegfallende Kinderbetreuung durch den Partner. Zum Zweiten sprechen manche Frauen über ihre Beziehung zum Partner angesichts des gewalttätigen Vorfalls; über Angst und Ambivalenzen. Die wenigsten Frauen haben nach Einschätzung der Befragten bereits eine Entscheidung über die Zukunft der Partnerschaft getroffen, sie suchen ihrer Wahrnehmung entsprechend vielmehr nach einem Umgang mit der Situation.

Insgesamt wird in den Interviews deutlich, dass die einzelnen Mitarbeiter/innen mit der unterschiedlich ausgeprägten Erzählbereitschaft der Frauen unterschiedlich umgehen. So betonte ein Befragter, die Frauen zu ermuntern,

„ein bisschen mehr aus dem Nähkästchen (zu) plaudern“ (OPB 4, Abs. 44). Deutlich wird in dieser Formulierung, dass es dem Befragten um ein Verständnis darüber geht, welche individuellen Probleme zur Entstehung von Gewalt beitragen. Eine andere Interviewpartnerin versucht, den Erzählfluss zu stoppen, indem sie der Frau die Aufgabenteilung der in der Interventionskette involvierten Institutionen darlegt. In einer ausgeprägten Offenheit von Frauen vermutet sie eine Hoffnung auf psycho-soziale Unterstützung, welche sie weder leisten kann noch will, da diese in den Aufgabenbereich der Opferberatung fällt. Eine Kollegin dagegen scheint Opfer wie Täter im Erzählen zwar nicht zu stoppen, betont aber die Notwendigkeit der Bewahrung einer eigenen distanzierten Haltung, um nicht in die Dynamik hineingezogen zu werden:

„Also Distanz ist da sehr wichtig, weil dann auch die Parteien, sowohl der Täter als auch das Opfer, wirklich intimste Dinge dann auch berichten wollen, die mit der eigentlichen häuslichen Gewalt jetzt nicht unmittelbar in Zusammenhang stehen, und da ist Distanz, also innere Entlegenheit auch entsprechend wichtig, sonst – und auch vor allem auf die Beratungsstellen zu verweisen. (OPB 3, Abs. 23)

Vorgetragene persönliche Probleme der Beteiligten bringen sie in Konflikt wenn sie ihnen empathisch begegnet. Ohne Wahrung der „inneren Distanz“ – so lässt sich interpretieren – läuft sie Gefahr, dass sie sich vom Sachverhalt des Gewaltvorfalls entfernt und sich auf einen anderen Schauplatz begibt als dem von ihr geforderten polizeirechtlichen Handeln. Ein Hilfebedarf wird offenbar, der eine andere Begegnung erfordern würde als ihr Verwaltungshandeln. Sachlichkeit in der behördlichen Auftragserfüllung zu wahren und über eine restriktive Maßnahme zu entscheiden lassen sich ihres Erachtens nicht vereinbaren mit Anteilnahme und Eingehen auf persönliche Nöte. Distanz versucht sie durch ein Anhören ohne innere Beteiligung herzustellen.

Öffnen sich Frauen gegenüber den Verwaltungsfachkräften, wird diesen häufig eine Vielzahl an Gefühlsverfassungen gegenüber der erlebten Gewalt offenbar. Es wurden Frauen beschrieben, die „total aufgelöst“ (OPB 4, Abs. 42) sind, große Ängste vor dem Partner oder der Familie des Mannes zeigen oder bei denen „eine richtige Depressivität“ (OPB 3, Abs. 71) erkennbar wird. Manche werden, was die Konsequenzen des Platzverweises betrifft, wie unter „Schock“ (OPB 4, Abs. 54; OPB 5, Abs. 63) stehend erlebt oder als eindeutig „überfordert“ (OPB 2, Abs. 11). Den Mitarbeiter/innen wird häufig ein hohes Mitteilungsbedürfnis entgegengebracht – unabhängig davon, ob sie dies wollen odernicht. Die Einblicke in das persönliche Erleben gehen hier über die notwendigen Informationen, die sie für die Gefährdungseinschätzung brauchen, hinaus. In Abhängigkeit dessen, wie sie ihren Handlungsauftrag auslegen, lassen sie die Beredsamkeit zu oder grenzen ihn ein.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >