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4.3.3.4 Erwartungen der Ortspolizeibehörde an gewaltbetroffene Frauen

Ersichtlich wurde, dass sich eine Erwartung der Expert/innen an gewaltbetroffene Frauen auf eine Auseinandersetzung mit dem Gewaltvorfall und der problematischen Partnerschaft bezieht. Dies beinhaltet einer Befragten zufolge auch eine Beschäftigung mit den bindenden Gefühlen an den Partner, welche ihres Erachtens durch die räumliche Distanz der Partner während des Platzverweises besonders spürbar werden können. Die Verwaltungsfachkräfte berichteten außerdem alle von ihrer Überzeugung, dass gewaltbetroffene Frauen aktiv werden müssen, damit Gewalt aufhört.

„Ich erwart einfach, dass sie sich ihrer Situation bewusst werden in der sie drinnen stecken, und dass sie versuchen an der Situation etwas zu ändern. Egal ob das jetzt der Versuch ist mit dem Partner das gemeinsam zu machen, indem er dann ähm – irgendwo eine Paartherapie dann macht bei Pro familia oder wo auch immer. Oder dass sie den Mut auch aufbringen, wenn es extrem gewesen ist und sie selbst keine Chance mehr sehen, auch die Trennung zu vollziehen. Mhm Aber ich erwart auf jeden Fall von diesen Frauen, dass sie an ihrer Situation was ändern. Weil einfach weiterwursteln, das bringt nichts, das sind dann die Fälle, wo man sagt okay, denen geben wir ein halbes Jahr, dann stehen sie wieder da.“ (OPB 4, Abs. 68)

Die Formulierung einer Erwartung zeugt immer auch von gegenläufigen Erfahrungen, Vorstellungen oder Befürchtungen. Diese bestünden hier im „Weiterwursteln“, d. h. in der Vorstellung, dass gewaltbetroffene Frauen ihre Augen vor der Problematik ihrer Lebenssituation verschließen. Seiner Vorstellung nach bedarf es der Paartherapie oder der Trennung um häusliche Gewalt zu beenden. Er erwartet von Frauen den „Mut“ zur Trennung.

Die hier vorgetragene Überzeugung, dass es der Aktivität der Frau bedarf um die Gewaltproblematik aufzulösen, wird in den einzelnen Interviews oft wiederholt vorgetragen. Die unterschiedliche Verbalisierung weist jedoch darauf hin, dass diese Sichtweise im Kontakt zu den Frauen unterschiedlich stark einfließt. Eine Befragte sprach eher milder von einem „Hinweis“ (OPB 3, Abs. 21), den sie gelegentlich ambivalenten Frauen mitgibt. Eine andere beschrieb, mit den Frauen über die Notwendigkeit, Veränderungen in die Wege zu leiten, zu „diskutieren“ (OPB 2, Abs. 23). Sie geht damit in die Auseinandersetzung und versucht Frauen von ihrer Auffassung zu überzeugen. Schärfere Formulierungen kommen insbesondere dann zum Tragen, wenn im Gespräch eine länger währende Gewaltproblematik offenbart wurde.

Unterschiede finden sich in den Vorstellungen der Expert/innen, wie diese Veränderung der Situation, die eine gewaltbetroffene Frau zu bewerkstelligen habe, konkret aussehen sollte. Der eben Zitierte konkretisiert die Erwartung der Veränderung in zwei alternative Richtungen: entweder als Trennung oder im Versuch einer Paartherapie. Mehrheitlich benutzen die Interviewpartner/innen jedoch unkonkrete Begrifflichkeiten: „weitere Schritte“ (OPB 3, Abs. 65), „was verändern im Leben“ (OPB 4, Abs. 122), „Handlungsstrategien entwickeln“ (OPB 1, Abs. 15) und ähnliches – die Interviewten bleiben in dieser Wortwahl abstrakt. Nur selten wird konkret benannt, was meiner Interpretation nach darunter verstanden wird: die Trennung der Frau vom gewalttätigen Mann, eventuell gerichtliche Schritte zum eigenen Schutz, gelegentlich auch eine Paartherapie, wobei diese nur eingeschränkt als Erfolg versprechend eingeschätzt wurde. Es bleibt in den Interviews weitgehend offen ob, wie und mit welchem Nachdruck sie diese konkreten Anforderungen im Gespräch gegenüber den Gewaltbetroffenen zum Ausdruck bringen. Nur ein Interviewpartner berichtete davon, seine Erwartung, das Opfer möge den vorgezeichneten Weg der Interventionskette des Platzverweisverfahrens durchlaufen, gegenüber diesem regelmäßig eindrücklich zu artikulieren.

 
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