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4.3.3.5 Wahrgenommene Erwartungen der gewaltbetroffenen Frauen an die Ortspolizeibehörde

Insgesamt nehmen die Verwaltungsfachkräfte nur wenige Erwartungen wahr, die gewaltbetroffene Frauen im Kontakt an die Behörde richten. Eine Befragte erklärte dies damit, dass es den Frauen ihres Erachtens bewusst ist, dass sie sich auf einer Behörde befinden, die einen „formalen polizeilichen Akt“ (OPB 1, Abs. 28) auszuführen hat und kein Angebot an Unterstützung offeriert. Andere beobachten eine Erwartungslosigkeit insbesondere bei den Frauen, die die Beziehung grundsätzlich aufrechterhalten wollen und den Platzverweis ausschließlich als „Verschnaufpause“ (OPB 2, Abs. 59) nutzen möchten. Bei denen, die dagegen bereits zum Zeitpunkt des Gesprächs auf der Behörde wissen, dass sie sich trennen möchten, werden zweierlei Erwartungen wahrgenommen: zum einen, dass „wir dafür sorgen, dass er nicht mehr zurückkommt“ (OPB 4, Abs. 54), im Sinne davon, dass der Platzverweis fortgeführt wird, zum Zweiten Informationen über rechtliche Möglichkeiten hinsichtlich Trennung und Gewaltschutz.

Drei der Befragten nehmen gelegentlich den Wunsch wahr, die Behörde möge auf den Mann verhaltensändernd einwirken. Dies betrifft den Wunsch, die Sachbearbeiterin möge dem Mann vermitteln, dass er nicht gewalttätig werden darf. Er bezieht sich einer Befragten zufolge auch auf die Herstellung von Gerechtigkeit in Form einer Bestrafung für die ausgeübte Gewalt:

„Von mir oder von uns wird dann erwartet, dass der böse Ehemann endlich in die Schranken kommt. (...) JETZT BEKOMMT ER DAS, WAS ER SCHON LANGE VERDIENT. Sag

ich jetzt bewusst etwas plakativ.“ (OPB 3, Abs. 37)

4.3.3.6 Der Unterstützungsbedarf gewaltbetroffener Frauen aus Sicht der Ortspolizeibehörde

Die Interviewpartner/innen diagnostizierten insgesamt einen sehr hohen Bedarf an Unterstützung für gewaltbetroffene Frauen. Es wurden in den Interviews mehrere Formen und Intensitäten des Bedarfs an Unterstützung formuliert sowohl hinsichtlich notwendig erscheinender Hilfen aufgrund der Gewalt und des Platzverweises als auch allgemein hinsichtlich persönlicher Lebensprobleme. Zwei der Befragten berichteten, dass Frauen auf der Ortspolizeibehörde selten selbst einen eigenen Unterstützungsbedarf formulieren. Das Wissen der Befragten zum Unterstützungsbedarf gewaltbetroffener Frauen entspringt daher hauptsächlich ihrem persönlichen Eindruck, den sie in dem kurzen Kontakt gewinnen, sowie ihren eigenen Vorstellungsbildern von Opfern häuslicher Gewalt. In den Interviews kommen außerdem Auffassungen über professionelle Hilfen als auch über Unterstützungspotentiale des persönlichen Umfelds der Frauen zur Sprache.

• Ein Bedarf an rechtlicher Information, zukunftsweisender Beratung und Begleitung zivilrechtlicher Verfahren

Hinsichtlich des speziellen Hilfebedarfs gewaltbetroffener Frauen im Zuge des Platzverweises finden sich in den Interviews mehrere Aspekte: So brauchen Frauen einer Interviewten zufolge sofort verschiedene Informationen auf Fragen, die die abrupt eingetretene neue Alltagssituation während des Platzverweises aufwirft. Dies betrifft beispielsweise Erläuterungen, welche finanzielle Unterstützung Frauen zustehen oder Hinweise, wie sie sich gegenüber Kontaktversuchen des Mannes während des Platzverweises verhalten können.

Ein weiterer Aspekt bezog sich auf umfassende Informationen über rechtliche Möglichkeiten hinsichtlich Gewaltschutz, Trennung und Scheidung sowie einer langfristigen finanziellen Absicherung im Falle einer Trennung. Eine Befragte erklärte, dass viele Frauen eine Trennung zwar erwägen, diese Option jedoch schnell wieder verwerfen, da die mit ihr verbundenen Unsicherheiten und Ängste als zu groß erscheinen, um bewältigt werden zu können. Sie vermutet, dass eine Vermittlung der bestehenden Rechtslage, wie die eigene Existenz und die der Kinder im Falle einer Trennung geschützt und materiell gesichert werden kann, helfen können diese Befürchtungen abzuschwächen.

Der Information über die Rechtslage folgend, benötigen Frauen nach Ansicht der Mitarbeiter/innen eine gemeinsame Reflektion, was sie nun tun können und wollen, um die Gewalt zu beenden. Sollten sie sich für Anträge nach dem Gewaltschutzgesetz entscheiden, so beschrieben einige Befragte den Bedarf an enger Begleitung dieser Prozesse. Einigen Frauen ist es ihrer Einschätzung nach kaum möglich, ein solches Verfahren mit den damit verbundenen Anforderungen ohne Begleitung zu bewältigen.

• Ein Bedarf an einer professionellen Analyse der Situation ihrer Partnerschaft

Eine Befragte bewertete eine sorgfältige Analyse der Partnerschaftssituation von Seiten einer psychologischen Einrichtung als einen dringenden Bedarf gewaltbetroffener Frauen. Die Befragte versteht hierunter die Klärung der Frage, ob es sich für die Frau „lohnt [an der Beziehung, Anm. Verf.] weiterzuarbeiten“ (OPB 2, Abs. 71) oder ob die Konsequenz einer Trennung gezogen und ein neuer Lebensweg eingeschlagen werden muss. Für diese Analyse der Partnerschaft sowie für das Aufzeigen von Lösungswegen bedarf es ihres Erachtens einer psychologisch geschulten Expert/in. Sie begründete diese Verortung mit ihrer Vorstellung, dass viele Frauen eine solche „intime Angelegenheit“ (OPB 2, Abs. 73) nicht mit Personen aus ihrem sozialen Umfeld teilen wollen. Sie haben ihres Erachtens über längere Zeit hinweg eine „Scheinwelt“ (OPB 2, Abs. 75) um sich aufgebaut, welche ein positives Bild nach außen sichern soll, für den Preis, dass ihnen nun Vertrauenspersonen in der Not fehlen und sie selbst irgendwann nicht mehr erkennen können „was ist eigentlich wirklich?“ (OPB 2, Abs. 75). Hier zeigt sich zum einen die Vorstellung, häusliche Gewalt und Platzverweis stelle die Partnerschaft für eine Gewaltbetroffene grundsätzlich auf den Prüfstand. Zum Zweiten spiegelt sich darin die Anschauung wieder, gewaltbetroffenen Frauen sei möglicherweise die Fähigkeit abhanden gekommen, aus eigenen Ressourcen die Partnerschaft und deren Chancen auf eine gewaltfreie Zukunft realistisch bewerten zu können.

• Ein Bedarf an einem vertrauensvollen und stärkenden zwischenmenschlichen Kontakt

Ein weiterer Bedarf, der sich aus dem zuvor genannten ergibt, lässt sich zusammenfassend als eine stärkende Beziehung zu einer „Vertrauensperson“ (OPB 4, Abs. 64) beschreiben. Die Befragten begründeten dies wieder damit, dass viele Frauen ihrer Einschätzung nach aufgrund der Gewalt innerlich vereinsamen und keine sozialen Kontakte haben, mit denen sie offen über die Gewalt, ihre Sorgen und Ängste sprechen können. Die Vertrauensperson sollte den Befragten zufolge mit den Nöten, welche die häusliche Gewaltproblematik für die Frau aufwirft, angemessen „umgehen“ können, so dass es der Frau möglich ist, sich ihr „Herz aus(zu)schütten“ (OPB 2, Abs. 57; OPB 4, Abs. 64).

Interessant ist bei diesen Ausführungen zur vertrauensvollen Beziehung, dass diese unterschiedlich verortet wird. Die beiden männlichen Interviewpartner vermuten diese eher im privaten und weniger in einem professionellen Umfeld.

Einer von ihnen betont, dass professionelle Beratung diesen Bedarf nicht leisten kann, weil diese Hilfe seiner Vorstellung entsprechend weit über den Leistungskatalog von Beratung hinausginge:

„Ich denk einfach, die Beratungen allein langt mal gar nicht. Vielleicht brauchen sie einfach wenn sie relativ einsam sind – dass sie jemanden haben, mit dem sie einfach darüber reden können. Einfach eine Freundin oder ein Blitzableiter oder was weiß ich wie man's ausdrücken will (...). So ´ne Art Vertrauensperson halt einfach, wo man – wo man das Erlebte dann loswerden kann! Weil das sitzt ja auch irgendwie in den Personen drin.“ (OPB 4, Abs. 64)

Diese nahe Person müsste damit seines Erachtens entsprechend einem „Blitzableiter“ eine gewisse Schutzfunktion ausüben. Sie müsste in diesem Sinne in der Lage sein, mit heftigen Gefühlen umgehen zu können, auf die Frau beruhigend wirken und sie in gewisser Weise wieder erden. Es zeigt sich in diesem Zitat das Bild eines Bedarfs an beständigem schützenden und beruhigenden Kontakt, welcher in seinen Augen mehr bedeutet als Beratung anbietet.

Die beiden Frauen dagegen, die diesen Aspekt erörterten, verorten die Vertrauensperson gerade nicht im privaten Bereich, sondern gezielt in einem professionellen Setting von Beratung oder „Betreuung“ (OPB 2, Abs. 71). Eine Befragte begründete dies damit, dass Freundinnen zwar oft hilfreich, aber genauso oft „emotional ungünstig“ (OPB 3, Abs. 33) auf das Opfer einwirken können, weil es ihnen an Objektivität fehle. Ihrer Anschauung nach besteht die Gefahr, dass Freundinnen aufgrund mangelnder Sachlichkeit unangenehme Gefühle der Frau eher verstärken, wenig beruhigend wirken und damit in der Folge möglicherweise die Konflikte noch verschärfen. Als bedeutend stellte sie heraus, dass diese professionelle Unterstützung zeitnah zum Gewaltgeschehen einsetzen und je nach „Konstitution der Frau“ (OPB 3, Abs. 31) ausgestaltet werden sollte.

• Ein Bedarf an Lebensschule und Persönlichkeitsentwicklung

Darüber hinaus wurde für manche Frauen ein Bedarf an Unterstützung hinsichtlich persönlicher Probleme unabhängig vom Ereignis des Platzverweises formuliert. Hier wurden die Hilfen stärker auf Probleme bezogen, die die Entstehung häuslicher Gewalt begünstigen können. Die eine Befragte sprach dabei von einer

‚Schulung der Beziehungsfähigkeit' (OPB 2, Abs. 130), und zwar sowohl für Opfer als auch Täter häuslicher Gewalt sowie auch allgemein für konfliktreiche Paarbeziehungen:

„Jetzt sag ich mal mit einem bestimmten Niveau kann ich mich mit den Problemen auseinandersetzen. Aber es gibt welche, die brauchen echte Hilfe! Sie brauchen sie nicht nur bei Hartz IV oder bei der Arge oder dass man sie da an die Hand nimmt, sondern sie brauchen sie vielleicht auch bei den alltäglichen Dingen des Lebens: Wie gehe ich mit meinen Kindern um? Wie gehe ich mit meinem Partner um? (...) Die brauchen einfach Anleitung dazu. Deswegen sag ich ja muss es in der Schule halt mal ein Fach geben.“ (OPB 2, Abs. 132-134)

In diesem Zitat wird dargestellt, dass die Interviewte die Fähigkeit, sich mit den eigenen Problemen auseinanderzusetzen an ein „bestimmtes Niveau“ gebunden sieht. Menschen müssen ihres Erachtens bestimmte grundlegende soziale Fähigkeiten besitzen, um zwischenmenschliche Kontakte angemessen zu gestalten und Lösungen für Konflikte zu finden und umzusetzen. Diejenigen, die diese Kompetenz nicht haben, brauchen in ihren Augen „echte Hilfe“ in Form einer konkreten Anleitung, wie familiäre Beziehungen geführt werden. Die Wahl der Bezeichnung „Niveau“ könnte darauf hindeuten, dass sie diese Kompetenzen mit einer gewissen sozialen Reife von Menschen verbunden sieht. Sie sieht es nicht mehr als gewährleistet an, dass Kinder in ihrer Herkunftsfamilie diese Reife erwerben können.

Die zweite Befragte erklärte die ‚Entwicklung der Persönlichkeit' (OPB 1, Abs. 30) zu einem gestärkten Selbstwertgefühl als den entscheidenden Bedarf gewaltbetroffener Frauen. Defizite in der Ausbildung einer eigenen „Wertigkeit“ aus der Kindheit der Frauen, deren Existenz sie „fast generell“ (OPB 3, Abs. 32) bei gewaltbetroffenen Frauen vermutet, müssen aufgearbeitet werden. Gleichzeitig betonte sie, dass es für Frauen zum Zeitpunkt des Platzverweises „zu schwierig“ sei, sich dieser Arbeit an sich selbst zu stellen, weil „es eine unwahrscheinlich starke Kraft und Intention der Frauen erfordert, eine persönliche Entwicklung zu machen.“ (OPB 1, Abs. 32). Sie konnte im Interview auf die Frage, wie die Hilfe gestaltet sein müsse, um Frauen auf diesem Weg zu unterstützen selbst keine Antwort finden und bezweifelte, dass öffentliche Einrichtungen diese Aufgabe erfüllen könnten.

• Ein Bedarf an Traumatherapie

Eine einzige Befragte sprach im Zusammenhang mit einer Fallbeschreibung von der Notwendigkeit einer traumatherapeutischen Behandlung für Opfer schwerer häuslicher Gewalt. Sie beschrieb in diesem Zusammenhang den „Leidensweg“ (OPB 3, Abs. 13) einer muslimischen Migrantin, welche über Jahre hinweg unter der Herrschaft des Mannes ohne jeglichen anderweitigen sozialen Rückhalt zu leben hatte. Der Täter, der mit einem Beil auf seine Frau einschlug, bestand in der Anhörung auf der Behörde auf seinem religiös und kulturell fundierten Recht der Züchtigung, wenn die Ehefrau ihm nicht gehorche.

Insbesondere die letztgenannten Punkte machen deutlich, dass es in der Anschauung der Verwaltungsfachkräfte zumindest einem Teil der gewaltbetroffenen Frauen an Persönlichkeitsentwicklung, Lebenskompetenzen und einem gesunden sozialen Umfeld fehlt. Die Befragten äußern sich insgesamt sehr positiv in Bezug auf die Opferberatung im Landkreis. Sie sehen zumindest den akuten Bedarf nach vielfältigen praktischen Informationen im Zusammenhang mit dem Platzverweis dort gut verortet und schätzen das Angebot der Begleitung zivilrechtlicher Verfahren. Hörbar werden jedoch auch die Grenzen, die sie in diesem Angebot vermuten: Opferberatung kann ihres Erachtens das Erzählbedürfnis von Frauen nicht umfänglich auffangen, sie leistet keine kontinuierliche Anleitung für die Gestaltung eines konfliktreichen familiären Beziehungsalltags und kann auch nicht die Entwicklung eines stabilen Selbstwertgefühls fördern. Hilfe hierfür müsste langfristig angelegt sein.

 
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