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4.3.4 Handlungsorientierungen der Ortspolizeibehörde – Zusammenfassung der Ergebnisse

Im Folgenden werden nun die Handlungsorientierungen der Mitarbeiter/innen aus den Ortspolizeibehörden dargestellt, wie sie aus den Interviews herausgearbeitet werden konnten. Auffallend ist bei dieser Expertengruppe, dass ein und dieselbe Handlungsorientierung zu recht unterschiedlichen Bearbeitungspraktiken führen kann. Hier zeigt sich, dass die Verwaltungsfachkräfte stark auf ihre subjektiven Theorien und Auslegungen über das Aufgabenfeld häusliche Gewalt und Platzverweis angewiesen sind. Dies verwundert wenig, wenn man bedenkt, dass dem Handeln dieser Behörde in Fällen häuslicher Gewalt weder von Seiten wissenschaftlicher Studien noch von Seiten der Landespolitik große Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde. Die erstellten Schriften, Handreichungen und Arbeitsmaterialien der Polizei wenden sich vornehmlich an den Polizeivollzugsdienst. Die Ortspolizeibehörde findet nur am Rande Erwähnung. Zum einen – so kann man annehmen, weil deren Einbezug eine baden-württembergische Besonderheit darstellt. Zum Zweiten, weil ihr Auftrag dem des Polizeivollzugsdienstes entspricht: Gefahrenabwehr – diese jedoch außerhalb der Gefahrensituation, auf Grundlage einer vorangegangenen polizeilichen Intervention. Außer den allgemeinen Grundsätzen des Verwaltungshandelns haben die Verwaltungsfachkräfte wenig, auf das sie zurückgreifen können.

• Handlungsorientierung: Differenzierung des Gefährdungspotentials

Für die Einschätzung der aktuelle Gefährdungslage des Opfers ist für die Mitarbeiter/innen die Schwere der Gewalthandlung ein zentrales, wenn nicht das ausschlaggebende Kriterium (vgl.: Kap. 4.2.2). Sie versuchen auf der Grundlage des Polizeiberichtes und der Aussagen der Beteiligten die Qualität eines Vorfalls zu erfassen. Die Fragen, welche sie sich stellen, werden in ihren Fallbeschreibungen deutlich: Liegt körperliche Gewalt vor oder bewegte sich der Vorfall im Rahmen verbaler Streitoder Bedrohungssituationen? Welche Schwere haben körperliche Gewaltübergriffe? Welches Gefährdungspotential liegt in den verbalen Angriffen und Auseinandersetzungen? Ein Befragter beschrieb:

„Also in dem speziellen Fall, was ich gerade erzählt hab, hat der Mann sie wirklich bloß gepackt. Sie hat zwar so ein paar blaue Flecke am Oberarm gehabt, aber er hat sie nicht geschlagen, ja? Ja Wenn der Mann jetzt natürlich ihr eine zentriert oder sie mit ´nem blauen Auge daherkommt, dann sag ich: jetzt ist gut. Weil – es ist offensichtlich, dass er keine Hemmungen hat, Frauen zu traktieren. (...) aber da muss man natürlich auch gewisse Abstufungen dann treffen zwischen Gewalt und Gewalt. Ja? Dann der andere Fall vorher: wenn der zu seiner Exfrau sagt: „Du blöde Schlampe!“ und „Du bist ja nicht ganz klar im Kopf!“ und rumkrakeelt, dann hat es für mich immer noch eine andere Qualität, als wenn der ihr jetzt wirklich eine runterhaut oder so was, ne? Und ich denk das muss man – das muss man entscheiden – oftmals auch aus dem Bauch raus, was einem das Gefühl sagt...“ (OPB 4, Abs. 8)

Dieser Interviewpartner betont die Wichtigkeit der Differenzierung der Schwere des Vorfalls. Während bei einem blauen Fleck am Arm infolge Packens seines Erachtens durchaus noch ein Spielraum für die Abwägung der Maßnahme Platzverweis besteht, ist dies bei heftigem Zuschlagen oder der Verletzungsfolge eines blauen Auges nicht mehr gegeben. Aus einer solchen Tatschwere schließt er auf eine Skrupellosigkeit des Mannes, welche eine weitere Gefährdung wahrscheinlich macht. Der point of no return ist hier seines Erachtens erreicht.

Weniger eindeutig ist die Gefährdungslage – für ihn als auch für die anderen Interviewpartner/innen – dann zu bestimmen, wenn leichte körperliche Übergriffe ohne oder mit geringen Verletzungsfolgen oder ausschließlich verbale Ausfälligkeiten vorliegen. Hier muss „aus dem Bauch raus“ bestimmt werden, ob diese Formen der Gewalt zu einer Gefährdungslage der Frau führen können. Sein „Gefühl“ ist hier gefragt, was bedeutet, dass in diesen Fällen keine vorgefertigten Schemata helfen, den Gefährdungsgehalt zu erfassen. Er ist auf seine subjektive Empfindung und Deutung des Vorfalls angewiesen. Die in den Interviews herausgearbeiteten Entscheidungskriterien zeigen, dass in dieser Abwägung weitere Kriterien wie die Gefährdungseinschätzung der Frau, ihre Wünsche hinsichtlich des Fortgangs des Verfahrens, berichtete Versöhnungen, die Haltungdes Mannes zum Vorfall oder auch die Gefahrenprognose des Polizeivollzugsdienstes stärker zum Tragen kommen. Eine Bedeutung scheint in diesen Fällen aber auch in der Frage der Sinnhaftigkeit des Platzverweises für ein Paar zu liegen, wie in der folgenden Handlungsorientierung erläutert wird:

• Handlungsorientierung: Welche Entscheidung dient den Beteiligten?

Ein Aspekt, der bei manchen Interviewpartnern in jenen Fällen weniger schwerer Gewalt bei Vorliegen eines Wunsches der Partner nach Aufrechterhaltung der Beziehung aufscheint, ist die Einschätzung des Nutzens eines Platzverweises für diese Partnerschaften. Die Frage, welche Wirkung ein verlängerter Platzverweis möglicherweise auf die Partnerschaft hat, schiebt sich neben die Frage nach einer aktuell bestehenden Gefährdung der Frau. Zwei unterschiedliche Argumentationslinien finden sich hier in den Interviews: zum einen jene, nach der ein Platzverweis für diese Beziehungen eine zusätzliche Belastung darstellt. Hier kommt die Konstruktion zum Tragen, dass ein verlängerter Platzverweis einer Verständigung und Konfliktbeilegung des Paares im Wege stehen kann. Möglicherweise erschwert er die Beruhigung der Situation und trägt zu einer Dramatisierung bei. Die andere Argumentationslinie bezieht sich auf die Chancen, welche ein Platzverweis dennoch für tendenziell versöhnungswillige Paare haben kann. Der Anschauung einer Verwaltungsfachkraft zufolge hat ein Platzverweis das Potential, zunächst „etwas Luft aus dem Ganzen raus zu nehmen, dass sich jeder klar werden kann, wie soll es weitergehen“ (OPB 2, Abs. 17). Die Situation kann sich durch den Platzverweis entspannen und den Partnern eine Gelegenheit eröffnen, sich konzentriert auf die eigene Person und Befindlichkeit mit den Problematiken in der Beziehung auseinanderzusetzen und nach Lösungen zu suchen. Was ist „besser für das Ganze“? (OPB 2, Abs. 57) ist die Frage, die sich den Mitarbeiter/innen stellt.

In manchen dieser Fälle wird jedoch ein Entscheidungsspielraum von den Expert/innen gar nicht mehr als gegeben angesehen. Es handelt sich dabei um jene Fälle, bei denen die Partner die Klärung des Konflikts auf der Behörde überzeugend vortragen, sich gegen die Maßnahme Platzverweis aussprechen und ein Unterdrucksetzen der Frau so weit wie möglich ausgeschlossen werden kann. Einzelne dieser Paare haben den vom Polizeivollzugsdienst ausgesprochenen Platzverweis ohnehin nicht eingehalten, so dass es ihnen unsinnig erscheint, auf dieser Maßnahme zu beharren. Sie beenden ihn ihren Beschreibungen zufolge meist guten Gewissens. Eine akute Gefährdung in naher Zukunft ist ihnen nicht ersichtlich.

Eine einzelne der Befragten ist wichtig, dass die Ernsthaftigkeit des Wunsches nach Versöhnung durch „irgendein aktives TUN“ (OPB 1, Abs. 13), beispielsweise durch einen bereits vereinbarten Beratungstermin, offensichtlich wird. In diesem Fall ist sie bereit „Entgegenkommen“ (OPB 1, Abs. 13) zu zeigen, indem sie nicht die maximale Frist des Platzverweises ausspricht, sondern diese beispielsweise auf eine Woche beschränkt. Die anderen Interviewpartner/innen knüpfen hieran keine Bedingung, sie fordern aber die Partner auf, Beratung in Anspruch zu nehmen. Dies zeigt die Skepsis der Befragten, dass von Versöhnungen per se keine nachhaltige Wirkung zu erwarten ist.

• Handlungsorientierung: Häusliche Gewalt setzt sich im Regelfall fort

Durchgängig findet sich in den Interviews die Konstruktion, dass sich häusliche Gewalt im Regelfall fortsetzt. Diese Einschätzung sehen sie in den Berichten vieler Opfer, welche über wiederholt gewaltsame Übergriffe in der Vergangenheit berichten, bestätigt. Die Konstruktion beruht auf ihren Vorstellungen über die Entstehungszusammenhänge von häuslicher Gewalt. Genannt wurden vielfältige soziale und persönliche Faktoren, welche ihrer Anschauung nach die Beziehungen von vornherein konfliktreich und gewaltanfällig machen. Neben Alkoholund Drogenproblematiken des Mannes wurden missliche und gewalttätige Kindheitserfahrungen angeführt. Diese können ihres Erachtens zu einem Mangel an Selbstwertgefühl bei Gewaltbetroffenen und einem Mangel an Respekt gegenüber anderen bei Gewalthandelnden führen.

Eine Interviewpartnerin kritisierte außerdem die Vermittlung einer traditionellen weiblichen Geschlechterrolle im Elternhaus. Sie sprach von einer elterlichen Erziehung, die wenig Wert auf die Bildung und Eigenständigkeit von Töchtern legt und stattdessen die Bedeutung von Ehe und Familie für die Frau überbetont. Hierbei wird ihres Erachtens Frauen die Pflicht auferlegt, den Vorstellungen und Wünschen des Mannes Vorrang über eigene Bedürfnisse einzuräumen:

„Das Rollenbild, in das sie hineinerzogen worden sind, dass man eben als Frau bestimmte Aufgaben zu erfüllen hat, dass man eben als Frau manchmal auch eben auf die Zähne beißen muss, manche Dinge auszuhalten hat.“ (OPB 3, Abs. 57)

Die Interviewten sprachen in diesem Kontext auch von einem für sie erstaunlichen „Willen unbedingt die Harmonie herbeizuführen“ (OPB 3, Abs. 17) bzw. von einer ‚Harmoniesüchtigkeit' (OPB 2, Abs. 92). Dieser ihres Erachtens erlernte geschlechtstypische Charakterzug führt ihrer Vorstellung nach dazu, dass diese Frauen fortwährend versuchen, Spannungen auszugleichen und Konflikten aus dem Weg zu gehen. Im Bestreben, geliebt zu werden, verzichten sie darauf, sich zu behaupten und sich zu wehren. Diese Konstruktion leiten sie von dem vorgetragenen Wunsch mancher Frauen ab, den Platzverweis aufzuheben, weil sie sich mit dem Partner versöhnen wollen.

Hinsichtlich des Gewalthandelns von Männern wurde die Einschätzung geäußert, dass es für diese Männer problematisch sei, wenn sie ihrer Rolle als Versorger der Familie aufgrund von Arbeitslosigkeit und beruflicher Perspektiv losigkeit nicht mehr nachkommen können und die Familie deswegen unter finanziellen Schwierigkeiten leidet. Sie fühlen sich von der Gesellschaft als auch von der Partnerin nicht mehr anerkannt. Eine Befragte berichtete: „also ich hab jetzt in circa drei Fällen erlebt, dass die Männer sagen: „Die verhöhnen mich! Das kann ich mir doch nicht bieten lassen!“ (OPB 3, Abs. 57). Gefühle der Abwertung und des Zurückgesetzt Seins durch die Partnerin versuchen Männer ihres Erachtens durch Machtausübung aufzulösen.

Alle Interviewten betonten, dass die Ursachen, die zur Entstehung häuslicher Gewalt führen, vielfältig sind. Es wirken ihres Erachtens in der Regel mehrere Faktoren bei der Entstehung von häuslicher Gewalt. Ein Interviewpartner äußerte bei der Beantwortung der Frage nach den Ursachen immer wieder eigene Zweifel. Er nannte zwar Alkoholkonsum und traditionelle Familienbilder als gewaltbegünstigend, beschrieb jedoch gleichzeitig sein Unverständnis, „warum Männer so ausrasten im Verlauf von ´nem Streit, dass sie dann Gewalt anwenden.“ (OPB 4, Abs. 118). Deutlich wird hier, dass es seines Erachtens letztendlich die Entwicklung einer unbändigen Wut erfordert, die ein Zuschlagen möglich macht, und dass ihm die Entwicklung dieses Gefühls letztendlich nicht nachvollziehbar ist.

Diese Ausführungen weisen darauf hin, dass die Entstehungsbedingungen für häusliche Gewalt in der Vorstellung der Befragten weit in der Biographie von Opfer und Täter wurzeln und eine starke Wirkungskraft besitzen. In der Kindheit wurden Vorstellungsbilder von Geschlecht angelegt, welche durch einen Gewaltvorfall nicht zwangsläufig in Frage gestellt werden. Sie wirken ihres Erachtens fort und machen daher früher oder später die Fortsetzung von häuslicher Gewalt wahrscheinlich. Setzen sich die Beteiligten nicht mit der Gewaltproblematik auseinander, ihren Entstehungszusammenhängen und der Frage, wie ihr Leben zukünftig gestaltet werden soll, so schafft der Platzverweis ihrem Verständnis nach eine kurze Auszeit, aber „nachher geht alles wieder so weiter wie es war“ (OPB 1, Abs. 15). Dieser konstruierten Dynamik wollen sie etwas entgegensetzen:

• Handlungsorientierung: Einen Beitrag zur langfristigen Gewaltbeendigung leisten

Ein zentrales Motiv in den Interviews der Befragten liegt in ihrem Anspruch, über das gesetzlich vorgeschriebene Verwaltungsverfahren hinaus einen Beitrag zur langfristigen Gewaltbeendigung zu leisten. Die Motivation gründet sich auf die Schwere, welche sie mit dem gesellschaftlichen Problemfeld häusliche Gewalt verbunden sehen. Es sollte ihrer Vorstellung entsprechend keine Gelegenheit ausgelassen werden, ihr in irgendeiner Form zuwiderzuhandeln. Und das Gespräch der Beteiligten auf der Behörde ist ihres Erachtens eine solche Gelegenheit.

Die Konstruktion, dass häusliche Gewalt sich fortsetzt – unabhängig davon, ob der Platzverweis aufgehoben oder verlängert wird – wenn Beteiligte keine Impulse von außen für eine Veränderung ihres Verhaltens erhalten, wird in den Interviews hörbar. Hier findet sich zum einen die Vorstellung, dass den Beteiligten Erkenntnisse über die Gewaltproblematik sowie die Einsicht über die Notwendigkeit, zu handeln fehlen. Diese sind jedoch ihrer Ansicht nach eine Voraussetzung, um zu Verhaltensänderungen zu finden, welche das Gewaltproblem eindämmen könnten. Deutlich wird zum Zweiten auch die Auffassung, dass die Expert/innen trotz der bemängelten fehlenden zeitlichen Ressourcen und fachlichchen Kompetenzen prinzipiell zu Erkenntnissen über die einzelnen gewalttätigen Beziehungen gelangen können, welche den Beteiligten verschlossen sind. Und darauf folgend: dass die Verbalisierung dieser Erkenntnisse in Form von Appellen oder Lösungsvorschlägen während der kurzen Intervention der Behörde eine gewisse Wirkung auf die Beteiligten haben könnte – „wenn es vielleicht auch dauert“ (OPB 1, Abs. 17).

Wie jedoch der eigene Beitrag zur langfristigen Gewaltbeendigung von den einzelnen Mitarbeiter/innen ausgelegt und umgesetzt wird, ist äußerst unterschiedlich. Er steht in Abhängigkeit von ihrem eigenen Verständnis von Professionalität. Die Spannweite reicht von der allgemeinen Verurteilung häuslicher Gewalt und der Empfehlung von Beratung über die Formulierung von Appellen bis hin zur Erörterung der Lebenssituation und Paarproblematik sowie der Erarbeitung individueller Lösungsvorschläge. Die Frage nach der richtigen Formatierung dieses Beitrags ist ebenfalls ein Motiv, das alle Befragten in den Interviews wiederholt aufgreifen. An dem einen Ende der Skala findet man eine enge Rahmensetzung: Hier dominiert die Ansicht, dass Gesprächsinhalte, die über eine sachliche Beschäftigung mit dem konkreten Gewaltvorfall hinausgehen, unterbunden, diesbezüglich aber eindrücklich auf professionelle Beratung hingewiesen werden sollte. Am anderen Ende steht eine weite Formatierung, in welcher die Anschauung steht, dass den Beteiligten auf der Behörde ein Raum geboten werden sollte, um sich auszusprechen. Dies böte zum einen die Chance der Entlastung und Beruhigung der Beteiligten, welche an sich schon einen gewissen gewaltpräventiven Nutzen haben könne. Zum Zweiten ergeben sich dadurch den Verwaltungsfachkräften Einblicke in die Lebenssituation, welche individuellere Hinweise und „Denkanstöße“ (OPB 1, Abs. 15), gelegentlich auch ihrer Anschauung nach sinnvollere Lösungswege jenseits der behördlichen Verfügung möglich machen. Spezialisierte Beratungsangebote werden ihres Erachtens durch eine solche Handlungspraxis keineswegs überflüssig.

• Handlungsorientierung: Langfristige Gewaltbeendigung bedarf des Handelns der Frau

Die Befragung der Ortspolizeibehörden verdeutlicht, dass sich die Mitarbeiter/innen in ihrem Bemühen, häusliche Gewalt nicht nur situativ, sondern auch langfristig zu verändern, auf die Opfer häuslicher Gewalt konzentrieren. Die Ausführungen zu den Erwartungen der Mitarbeiter/innen an gewaltbetroffene Frauen machten deutlich, dass die diese klare Vorstellungen darüber haben, wie häusliche Gewalt dauerhaft beendet werden könnte: durch Einsichten hinsichtlich der gewaltbelasteten Partnerschaft und durch konsequentes Handeln der Frau.

In der Erwartungshaltung an Frauen – Erkennen und Handeln – kommen zwei Deutungsmuster zum Ausdruck. Zum einen: Häusliche Gewalt kann in der Vorstellung der Expert/innen sicher durch Trennung der Frau oder – etwas weniger wahrscheinlich – durch psycho-soziale Hilfen für das Paar dauerhaft beendet werden. Ein zweites Deutungsmuster knüpft daran an: Die Frau wird als Zuständige für die Gewaltbeendigung angesprochen. An sie wird der Appell gerichtet, die Partnerschaft zu lösen oder eine Paartherapie in die Wege zu leiten. Die Erzählungen lassen darauf schließen, dass Aufforderungen, sich zu trennen oder psycho-soziale Hilfen aufzusuchen, nicht oder zumindest nicht mit demselben Nachdruck an Täter gerichtet werden wie dies an Opfer geschieht. Dies gilt ganz besonders für die Trennungsaufforderung.

Aus welchen Vorstellungsbildern der Befragten lässt sich die Konzentration auf das Opfer begründen? Die Interviewpartner/innen beschrieben zum einen einen Typ Mann, der sich strikt im Recht fühlt. Sie wurden von der Frau „gereizt“ (OPB 2, Abs. 5; OPB 5, Abs. 75), „reingelegt“ (OPB 5, Abs. 157), „verhöhnt“ (OPB 3, Abs. 57). Sie ist „eine ganz Böse“ (OPB 3, Abs. 27), und eine gewaltvolle Reaktion auf ihr Verhalten hat daher für die Männer ihre Berechtigung. Diese uneinsichtige Haltung zu Gewaltanwendung, häufig verbunden mit generellem „Machtgehabe“ (OPB 4, Abs. 72) aufgrund traditioneller Männlichkeitsbilder, führen zu einer kategorischen Ablehnung von Beratung. In der Anschauung eines Interviewpartners lassen sich solche Männer „niiie bekehren“ (OPB 5, Abs. 157), nichts wird sie vom Unrecht ihres Gewalthandelns überzeugen können. Die Befragten berichteten aber auch von Männern, welche das Unrecht von Gewalt einsehen und die Maßnahme Platzverweis „akzeptieren“ (OPB 2, Abs. 63). Nicht selten werden von ihnen auf der Behörde massive Paarkonflikte offen angesprochen, so dass die Befragten den Eindruck erhalten, dass eine Beratung der Täter äußerst Erfolg versprechend verlaufen würde. Sie wissen jedoch um die geringe Quote an Selbstmeldern und schätzen daher die Beratungsbarrieren bei Tätern als sehr hoch ein. Weil der Zugang zur Täterberatung unbefriedigend gestaltet ist – so die Konstruktion – wird die Chance auf Verhaltensänderung verfehlt.

Anders wird die Unterstützung für Frauen eingeschätzt. Frauen werden grundsätzlich als offener für Beratung angesehen. Sie geraten im Gegensatz zu Männern nicht in einen Konflikt mit ihrem Selbstbild, wenn sie Beratung in Anspruch nehmen. Zudem ist der Zugang niedrigschwellig gestaltet, sie müssen nur einwilligen und schon kommt Beratung auf sie zu. Zum Zweiten gibt es für sie die Möglichkeiten des Gewaltschutzgesetzes, welche Trennung erleichtert und den Schutz stärkt. Die Erwartung der Interviewpartner/innen an Gewaltbetroffene, sie mögen nun diese Angebote ergreifen, um zukünftig gewaltfrei leben zu können bezeugt, dass die Aufgabe der Beendigung häuslicher Gewalt sehr weit in den Verantwortungsbereich der Gewaltopfer gelegt wird. Bei allem Wissen der Befragten um geringe Ressourcen, starke Bindungen und Abhängigkeiten von Frauen bleibt letztendlich oftmals ein Unverständnis, warum Frauen nicht alle Kraft aufbringen und die zur Verfügung stehenden Hilfen nutzen, um sich aus der sie gefährdenden Beziehung zu lösen.

• Handlungsorientierung: Neutralität und Objektivität

„Diese Gefährdungssituation, die sollte ja OBjektiv von außen betrachtet werden“ (OPB 3, Abs. 17)

Die Expert/innen griffen in den Interviews den allgemein gültigen Verwaltungsgrundsatz eines objektiven und neutralen Handelns auf. Individuell unterschiedlich gestaltet sich der Grad an Strenge, mit der sie ihr Handeln diesem Postulat der Verwaltung unterziehen, als handlungsleitend beschrieben ihn dennoch alle fünf Expert/innen. In den Interviews finden sich an einigen Stellen Hinweise darauf, was unter Objektivität verstanden wird: Aussagen der Beteiligten nach deren Intention hinterfragen sowie Anhaltspunkte suchen, welche den Wahrheitsgehalt einer Aussage untermauern bzw. widerlegen, um so ein „eigenes Bild“ (OPB 3, Abs. 67) über den Sachverhalt zu erhalten. Unparteilichkeit, Unvoreingenommenheit, eine gewisse Distanz und Skepsis prägen diese Haltung. Ihr Handeln bei häuslicher Gewalt soll zu einer sachlichen und möglichst realistischen Einschätzung der aktuellen Gefährdungslage und zu einer sorgfältigen sowie neutralen Abwägung persönlicher rechtlicher Schutzgüter führen.

Die Interviewpartner/innen berichteten wiederholt von ihrer Erfahrung, dass die Ausführungen von Opfer und Täter in der Anhörung nicht sachlich und faktenbezogen ausfallen. Vielmehr sind sie, wie dargelegt wurde, häufig von starken Emotionen, Rechtfertigungen, Abschwächungen, Widersprüchlichkeiten sowie weitschweifenden Erzählungen geprägt. Die Beschreibungen von Täter und Opfer sind zudem häufig diskrepant und weichen von der vom Polizeivollzugsdienst vorgelegten Sachverhaltsschilderung ab. Der Anspruch der Expert/innen, sachlich und objektiv zu denken und zu handeln, wird hier erst einmal herausgefordert. Statt eine Annäherung zu einer nüchternen Klarheit eines Sachverhalts zu erreichen, kann diese komplexer und diffuser werden. Sie sind gezwungen, aus einer Vielfalt an Informationen die ihres Erachtens wirklichkeitsnahen und entscheidungsrelevanten Aspekte herauszufiltern.

Die Befragten bezwingen diese Komplexität durch eine Fokussierung ihrer Aufmerksamkeit auf jene Faktoren, welche sie als wesentlich erachten, um zu einem objektiven Bild über die Gefährdungssituation zu gelangen. An dieser Stelle werden nun Differenzen zwischen den Befragten sichtbar. Eine Interviewpartnerin beschrieb, dass für sie die Konzentration auf die objektiven Tatbestände des Gewaltvorfalls von zentraler Bedeutung ist:

„Ein ganz entscheidendes Indiz ist für mich, ich denk, – einfach – was ist letztendlich auch passiert? Wie sehr ist es eskaliert? Gab ´s Verletzungen? Und da konkret hak ich dann auch drauf ein: Was ist da passiert? Wieso? Was war die Situation und so weiter. Um mir da möglichst auch ein relativ objektives Bild schaffen zu können.“ (OPB 2, Abs. 7)

Diese Befragte will sich durch die vielfältigen subjektiven Ausführungen der Beteiligten nicht irritieren lassen. Würde sie diese Erläuterungen in den Blick nehmen – so lässt sich interpretieren – würde sie Gefahr laufen, vom tatsächlichen Gewaltgeschehen und der daraus resultierenden Gefährdungslage abgelenkt zu werden. Ihre Fallbeschreibungen legen nahe, dass sie dann einen vorläufigen Platzverweis verlängert, wenn eine gewisse Schwere im Gewalthandeln für sie erkennbar ist – und zwar auch dann, wenn ein Täter Reue zeigt oder das Opfer eine weitere Gefährdung ausschließt. Objektivität bedeutet hier, nicht den subjektiven Einschätzungen und Deutungen der Beteiligten über den weiteren Verlauf der Partnerschaft zu folgen, sondern ein eigenes möglichst wirklichkeitsnahes Bild aus den vorliegenden Fakten zu gewinnen. Hier zeigt sich die Konstruktion, dass die Berücksichtigung der Aussagen der Beteiligten bei der Entscheidungsfindung über den Platzverweis möglicherweise riskant sein kann. Opfer und Täter können sich täuschen, und sie können sie täuschen – absichtlich oder unabsichtlich. Zudem zeigt sich in dieser Handlungsform ein gewisses Misstrauen gegenüber Besserungsgelöbnissen und Schuldeinsichten des Täters sowie gegenüber den Hoffnungen der Opfer: Gute Vorsätze und Wünsche nach einem gewaltfreien Leben lassen sich weniger leicht umsetzen als sie gesagt sind.

In der Auffassung eines anderen Interviewpartners stehen für die Gefährdungsanalyse dagegen die subjektiven Ausführungen und Einschätzungen der Beteiligten in Bezug auf die Partnerschaft und die Gefährdungslage im Mittelpunkt seiner Konzentration. Die objektiven Fakten des Gewaltvorfalls erachtet er als wenig hilfreich, um die Gefährdung einzuschätzen:

„Da helfen eigentlich weniger so objektive Tatsachen, man muss mit denen Leuten schwätzen, man muss ihnen ZUhören, dann kommt man, denk ich zu einer Entscheidung, zu einer Prognose, wie ´s weitergehen kann, ob ´s dann einen Wert hat, dass die noch mal miteinander sprechen oder so, dass sie sich wieder zusammenraufen, oder meint die Frau, sie braucht Schutz wenn er so rabiat ist, dass die Gefahr besteht, dass er halt wieder gewalttätig wird gegen sie. Dann gibt ´s das auch.“ (OPB 4, Abs. 8)

Dieser Interviewpartner richtet den Blick in die Zukunft, wofür die subjektiven Annahmen der Beteiligten die zentrale Rolle einnehmen. Er möchte durch das Gespräch und ein intensives Zuhören zu einer Prognose gelangen, wie es für das Paar „weitergehen kann“. Bedeutsam ist für ihn dabei zweierlei: die Einschätzung der Versöhnungschancen eines Paares sowie der Gefährdungssituation der Frau. Es ist das Bestreben des Befragten, zu einer Entscheidung über den Platzverweis zu gelangen, die jene Frauen schützt, welche sich gefährdet glauben, und jenen Partnerschaften nicht schadet, bei welchen seinem Urteil nach „noch nicht alles verloren“ (OPB 4, Abs. 6) ist. Objektivität heißt hier, im Gespräch mit den Beteiligten sorgfältig deren Einschätzungen einzuholen – möglicherweise diese mit ihnen zu beleuchten und abzuwägen, um so zu einer eigenen Bewertung über die aktuell bestehende Gefährdungssituation zu gelangen.

Dass Objektivität in der Beurteilung eines häuslichen Gewaltfalles ihre Grenzen hat, zeigt sich darin, dass die Befragten von einer „gewissen Objektivität“ (OPB 3, Abs. 33) oder einem „relativ objektiven Bild“ (OPB 2, Abs. 7) sprechen. Hier zeigt sich die Anschauung, dass sie sich dieser Handlungsmaxime allenfalls annähern können. Ein Befragter schließt zudem ausdrücklich eine

„gewisse Subjektivität“ (OPB 4, Abs. 40) nicht aus. So schätzt er seinen eigenen

„Antrieb“ (OPB 4, Abs. 40), für weitreichenden Schutz sorgen zu wollen, bei Frauen mit Kindern als höher ein als bei kinderlosen Frauen. Seiner Anschauung entsprechend können kinderlose Frauen „immer irgendwo (...) abhauen, um sich selber persönlich in Sicherheit zu bringen“ (OPB 4, Abs. 40), für Frauen mit Kindern erscheint ihm dies weitaus schwieriger, weshalb er sich für den Erlass staatlicher Schutzmaßnahmen für diese stärker einsetzt.

Neutralität wird in den Interviews häufig synonym zu dem Begriff der Objektivität im Sinne einer Unvoreingenommenheit gesetzt. Neutralität wird jedoch auch als Nichteinmischung verstanden. Wünsche von Beschuldigten, man möge mit der Frau nochmals sprechen um sie von ihren Trennungsabsichten abzubringen, werden vor dem Grundsatz der Neutralität zurückgewiesen. Es zeigt sich zudem ein Verständnis von Neutralität als eine wertfreie Haltung gegenüber den Interpretationen und Wünschen der Beteiligten und einer gewissen Zurückhaltung im Verbalisieren persönlicher Auffassungen.

„Ich sag immer – mittlerweile hab ich selber genug Lebenserfahrung – was Beziehungen anbelangt ist das unheimlich vielschichtig, und da würd ich niemanden verurteilen, der so oder so handelt. Ich versteh vielleicht manches nicht, weil ich ´s für mich nicht so machen würd, ja klar, (...) aber ich würde deswegen niemanden verurteilen. Und bin deswegen auch sehr neutral, muss ich sagen.“ (OPB 2, Abs. 86)

Diese Befragte erlebt sich als neutral, weil sie sich generell gegenüber Liebesbeziehungen kein Urteil erlaubt. Komplexe Faktoren beeinflussen das Handeln innerhalb Beziehungen, welche in ihrer Fülle und ihrer subjektiven Bedeutung gar nicht erfasst werden können. Hier kommt die Konstruktion zum Tragen, Beziehungsdynamiken lassen sich von außen letztendlich nicht gänzlich erfassen. Dem Verstehen sind natürliche Grenzen gesetzt, weshalb Bewertungen der Entscheidungen der Frauen hinsichtlich Gehen oder Bleiben zu unterlassen sind. In der Beschreibung ihrer Handlungspraxis im Interview wird deutlich, dass sie den Frauen gegenüber weder Empfehlungen noch Appelle formuliert, was sie ihres Erachtens nun zu tun oder zu lassen haben. Sie fordert sie ausschließlich auf, sich Gedanken über ihre Zukunft und die der Partnerschaft zu machen um für sich eine Lösung zu finden.

Eine andere Interviewpartnerin beschrieb Neutralität ebenfalls im Sinne einer Zurückhaltung von Wertungen. Sie beschrieb, dass sie es sich gegenüber manchen ambivalenten Frauen mit längerer Gewaltgeschichte „erlaube“ (OPB 3, Abs. 21), von dieser Haltung etwas abzuweichen. Sie stellt ihnen eine offene

„Frage“ oder gibt einen „Hinweis“ (OPB 3, Abs. 21). Diese weichen Formulierungen bringen zum Ausdruck, dass sie an sich den Anspruch stellt, persönliche Einschätzungen selten und wenn, dann sorgfältig und verhalten zu dosieren.

Diese Auffassungen von Neutralität werden in den Interviews der anderen drei Befragten nicht aufgegriffen. Hier findet sich vielmehr die Auffassung der Notwendigkeit einer Stellungnahme zur Situation der Frau, um ihr zu einem gewaltfreien Leben zu helfen. Statt Zurückhaltung hinsichtlich der Verbalisierung eigener Auffassungen werden hier Empfehlungen bzw. Appelle formuliert, wie eine Frau sich nun zu verhalten habe.

 
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