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5 Die Beratung gewaltbetroffener Frauen im Platzverweisverfahren

5.1 Theoretische Einführung: Die Beratungspraxis für Opfer häuslicher Gewalt im Platzverweisverfahren

In diesem einführenden Kapitel wird die Beratungspraxis für Opfer häuslicher Gewalt, welche sich im Zusammenhang mit der Einführung des Platzverweises entwickelte, vorgestellt und diskutiert. Eingeleitet werden die theoretischen Ausführungen mit einer Darstellung der Entstehungshintergründe für eine neue Beratungspraxis für Opfer häuslicher Gewalt, welche in ihrer Form eine grundlegende Innovation in diesem Arbeitsfeld darstellte. Darauf folgend werden unterschiedliche Trägermodelle der Opferberatung im Platzverweisverfahren in Baden-Württemberg – die Interventionsstellen und der Allgemeine Soziale Dienst – vorgestellt. Anschließend werden innovative Aspekte in der Arbeit der Interventionsstellen beschrieben. Der darauffolgende Abschnitt wendet sich dem Wesen der Krise zu, da Vorfällen häuslicher Gewalt in der Literatur grundsätzlich krisenauslösende Qualitäten zuerkannt werden. Zentrale Inhalte einer Beratung gewaltbetroffener Frauen werden dargelegt. Grundsätze in der Beratungshaltung von Interventionsstellen schließen diese Einführung ab.

5.1.1 Entstehungshintergründe für eine neue Beratungspraxis

Die Entwicklung eines neuen Beratungsangebots zur Unterstützung von Opfern häuslicher Gewalt in Deutschland basierte auf dem Perspektivenwechsel, welcher in den 90er Jahren durch die ersten Interventionsprojekte gegen häusliche Gewalt herbeigeführt wurde. Das zentrale Ziel der Interventionsprojekte war und ist die Verbesserung des Opferschutzes durch ein stärker täterorientiertes staatliches Handeln. Interventionsprojekte sind Kooperationsbündnisse der verschiedenen Institutionen und Einrichtungen, welche in Fällen häuslicher Gewalt agieren. Die Arbeit der frühen Interventionsprojekte, förderte sowohl die Entwicklung des Gewaltschutzgesetzes als auch die rechtliche Verankerung des Platzverweises bzw. der Wegweisung in vielen Landespolizeigesetzen sowie die Herausgabe spezieller Handlungsleitlinien für die Polizei (vgl.: WiBIG Band IV 2004: 32).

Neben dieser Arbeit an den rechtlichen Rahmenbedingungen setzten sich Interventionsprojekte mit der Frage auseinander, welche besonderen psycho-soziale Hilfen im Zuge dieser veränderten staatlichen Interventionspraxis notwendig werden. So wurde von Seiten der Gesetzgeber als auch der Interventionsprojekte betont, dass Gewaltopfer die neu eingeführten Schutzmöglichkeiten nur beantragen können, wenn sie die Gesetze kennen und über deren Verfahren und Konsequenzen informiert sind. Auch die Bereitstellung des Angebots an psychosozialer Unterstützung und Begleitung wurde als erforderlich erachtet, damit Frauen in der akuten Gewaltsituation gestärkt werden, um Wege aus der Gewalt einzuschlagen (vgl.: WiBIG Band I 2004: 33f; Dearing u. a. 2000: 94ff; BundLänder-Arbeitsgruppe „Häusliche Gewalt“ 2002: 8).

Nach Einführung des Gewaltschutzgesetzes und der polizeilichen Wegweisung richteten lokale Interventionsprojekte einen Fokus ihrer Arbeit auf die Verzahnung des professionellen Handelns von Polizei, Beratung und Justiz wieder mit dem Ziel einer Optimierung des Opferschutzes. Das Modell der Interventionskette, welches von den Kooperationsbündnissen für ihre jeweilige Region entwickelt wurde und fortgeschrieben wird, veranschaulicht das Ziel des ‚Schutzes ohne Lücken' durch ein reibungsloses Ineinandergreifen institutionellen Handelns (vgl.: WiBIG Band IV 2004: 122ff).

 
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