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5.1.2 Trägerschaft und Auftrag der Beratung

Mit Einführung des Platzverweisverfahrens stellte sich die Frage, wer innerhalb eines vernetzten institutionellen Handelns die Aufgabe der Opferberatung übernehmen kann. Hier wurden in den einzelnen Bundesländern unterschiedliche Lösungen entwickelt. In manchen Bundesländern, z. B. in Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen, wurde ein landesweites Konzept erarbeitet und spezielle Beratungseinrichtungen, meist sogenannte „Interventionsstellen“ [1] eingerichtet. Diese Interventionsstellen sind größtenteils bei etablierten freien Trägern, insbesondere bei Frauenhäusern und Frauenberatungsstellen, angesiedelt.

In anderen Bundesländern – so in Baden-Württemberg – wurde von Seiten der Landesregierung kein einheitliches Beratungsmodell vorgegeben. Es wurde den einzelnen Städten und Landkreisen überlassen eine für sie passende Lösung zu finden. In vielen Regionen, so auch in der Stadt Stuttgart, wurde die Aufgabe der Erstberatung den Allgemeinen Sozialen Diensten (ASD) übertragen. In anderen Städten und Landkreisen gründeten sich Interventionsstellen, oder bestehende Beratungseinrichtungen in freier Trägerschaft übernahmen die Aufgabe. Der Verzicht auf ein landesweites Konzept und damit auf einheitliche Standards führte zu großer Heterogenität in der Ausgestaltung dieses Beratungssektors. Die Einrichtungen, welche die Aufgabe der Opferberatung übernehmen, arbeiten unter verschiedenen institutionellen Rahmenbedingungen. Es eint sie die Aufgabe, im Anschluss an einen Polizeieinsatz mit den Betroffenen in Kontakt zu treten und mindestens Erstberatung anzubieten. Im Folgenden werden die Arbeitsaufträge der Interventionsstellen in freier Trägerschaft sowie die der Behörde ASD vorgestellt:

Betrachtet man Evaluationen der spezialisierten Interventionsstellen so umfasst die Erstberatung in der Regel eine psycho-soziale Unterstützung in Form einer Krisenintervention, Informationen über die polizeilichen Maßnahmen sowie über rechtliche und individuelle Schutzmöglichkeiten, Informationen zu Fragen der materiellen Existenzsicherung, Berücksichtigung der Belange der Kinder und Weitervermittlung an relevante weitere Institutionen. Ein gemeinsames Kennzeichen ist, dass der Kontakt zur Klientin von den Interventionsstellen pro-aktiv, d. h. zugehend, hergestellt wird. Als übergreifendes Ziel der Beratungsarbeit von Interventionsstellen steht die Stärkung der Sicherheit von Opfern häuslicher Gewalt (vgl.: WiBIG Band I 2004: 40; Löbmann u. a. 2005: 44; Schaak 2006: 24ff; RIGG Arbeitsmaterialien „Qualitätsstandards der Interventionsstellenarbeit in Rheinland-Pfalz“ Stand 02.07.2007).

Der Umfang des Arbeitsauftrages der Interventionsstellen gestaltet sich unterschiedlich. Manche konzentrieren sich auf die Beratung der Opfer häuslicher Gewalt, andere haben weitere Aufträge wie die Durchführung von Fortbildungen oder die Koordinierung der interinstitutionellen Kooperationen. Einige Konzeptionen von Interventionsstellen beinhalten zusätzlich den Arbeitsauftrag, auch auf den Täter pro-aktiv zuzugehen und ihm Erstberatung anzubieten. Manche Interventionsstellen definieren ihre Arbeit ausschließlich als kurzfristige Krisenintervention und Wegweiseberatung, andere halten ein breiteres Beratungsspektrum in der eigenen Einrichtung vor.

Hinsichtlich der Beratung von Gewaltopfern durch den Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) liegen einige wissenschaftliche Erkenntnisse im Rahmen der von WiBIG 2003 vorgelegten Evaluation des Projektes STOP – Stuttgarter Ordnungspartnerschaft gegen häusliche Gewalt – vor. Die Erstberatung des ASD des kommunalen Jugendamtes ähnelt auf den ersten Blick der von Interventionsstellen: zeitnah wird pro-aktiv – ein dem ASD vertrauter Zugang – Kontakt zu den Opfern häuslicher Gewalt aufgenommen und Informationen, Beratung und Begleitung angeboten. Die zentrale Besonderheit ist nach Kavemann u. a. der Doppelauftrag, der sich für den ASD nach Meldung eines Falles häuslicher Gewalt ergibt: Er hat die Erstberatung für die gewaltbetroffenen Erwachsenen zu leisten, gleichzeitig muss er den Schutz der Kinder abklären und bei Bedarf die nötigen Maßnahmen in die Wege leiten. Das Forscherteam weist auf die Schwierigkeit für die Akteure hin, die Bedürfnisse zweier Opfergruppen gleichermaßen im Blick zu behalten. Da der Kinderschutz die zentrale, ureigene Aufgabe des Jugendamtes darstellt, besteht auf der einen Seite die Gefahr, dass Bedürfnisse und mögliche Gefährdungen der Frauen bei einer Erstberatung durch den ASD an zweite Stelle rücken; auf der anderen Seite werden die Belastungen von Kindern durch das Erleben von häuslicher Gewalt von Anfang an berücksichtigt (vgl.: Kavemann u. a. 2003: 47ff).

Zwei Aspekte können nach Kavemann u. a. in der Erstberatung durch den ASD ungünstige Auswirkungen auf die Beratungsbeziehung haben: zum einen schwindet durch die Verpflichtung des ASD zur Prüfung des Kindeswohls die vollständige Freiwilligkeit des Beratungsangebotes. Frauen und Männer können sich genötigt fühlen, den Kontakt aufzunehmen, um negative Folgen auf ihr Sorgerecht zu verhindern. Der ASD ist zudem zur Sicherung des Kindeswohls nicht selten gezwungen, Anforderungen an die Mütter zu stellen, was von diesen als zusätzlicher Druck empfunden werden kann. Zum Zweiten hat der ASD die Aufgabe, alle Familienangehörigen anzuhören. Eine opferparteiliche Haltung, wie sie in der Arbeit von Interventionsstellen in der Regel konzeptionell verankert ist, ist dem ASD nicht möglich. Insbesondere zur Prüfung und Sicherung des Kindeswohls gehen sie auch auf gewaltausübende Väter zu, was für die Mütter mit verschiedenen Befürchtungen verbunden sein kann. Dies muss nach Kavemann u. a. nicht zwangsläufig zu Einschränkungen im Vertrauensverhältnis führen. Bedeutsam ist jedoch, dass der ASD seine Aufgaben und Pflichten als Behörde verständlich macht, Ängste und Gefährdungen ernst nimmt und nicht auf gemeinsame Klärungsgespräche mit beiden Eltern beharrt. Die Autor/innen empfehlen bei einer Erstberatung durch den ASD enge und gut aufeinander abgestimmte Kooperationen zu speziellen Frauenberatungseinrichtungen (vgl.: Kavemann u. a. 2003: 56, 71). Eine weitere Herausforderung bei der Erstberatung durch den ASD stellt sich durch die Organisation einer großen Behörde mit dezentraler Arbeitsstruktur in Bezirkszuständigkeiten dar. Die Mitarbeiter/innen müssen ein breites Aufgabenfeld abdecken. Für Qualifizierung zu häuslicher Gewalt sowie für die Erstellung und Vermittlung verbindlicher Absprachen hinsichtlich Kooperationen muss fortlaufend gesorgt werden.

Im Folgenden wird der Fokus wieder auf die theoretischen Grundlagen der Beratungspraxis von Interventionsstellen in freier Trägerschaft gerichtet, weil die in dieser Studie eingebundene Einrichtung der Opferberatung große Ähnlichkeit mit diesen aufweist.

  • [1] In den folgenden theoretischen Ausführungen wird die Bezeichnung „Interventionsstelle“ verwendet, weil sie die in der Literatur und öffentlichen Diskussion die geläufigste ist. Sie umfasst verallgemeinernd jene spezialisierten Beratungsangebote für Opfer häuslicher Gewalt, welche in die neue staatliche Interventionspraxis eingebunden sind. In der Praxis finden sich weitere Bezeichnungen wie beispielsweise Clearingstelle oder Koordinierungsstelle.
 
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