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5.1.3 Innovative Aspekte in der Beratungspraxis von Interventionsstellen

Innovative Aspekte der Beratungspraxis lassen sich insbesondere auf zwei Ebenen finden: zum einen in der Einbindung der Arbeit der Interventionsstellen in eine verzahnte interinstitutionelle Interventionspraxis und zum Zweiten in der Notwendigkeit eines neuen Zugangs der Einrichtung zu Gewaltbetroffenen.

• Novum 1: Die Einbindung von Interventionsstellen in die Interventionskette

Die strukturelle Innovation in der Unterstützungspraxis für gewaltbetroffene Frauen bestand in der Positionierung des Beratungsangebots in ein vernetztes institutionelles Handeln. Die Bekämpfung häuslicher Gewalt geschieht nun verstärkt im Verbund von Polizei, sozialen Einrichtungen und Justiz. Verbindliche Absprachen bestimmen ihre Kooperationen. Die Einrichtung der Interventionsstelle wurde vielerorts ein Baustein in der veränderten staatlichen Interventionspraxis. Sie fungiert als Bindeglied zwischen polizeilichem Handeln, zivilrechtlichem Schutz sowie nachfolgenden Hilfen. Der Evaluation von WiBIG zufolge trägt sie entscheidend dazu bei, dass die Idee der Interventionskette – lückenloser Schutz vom Polizeieinsatz bis hin zu zivilrechtlichen Schutzmaßnahmen – realisiert werden kann (vgl.: WiBIG Band I 2004: 59, 326).

Welche Herausforderung diese Kooperationen für feministisch orientierte Trägervereine von Frauenhäusern und Frauenberatungsstellen bedeutete, beschrieben Barbara Kavemann u. a. sowie Margrit Brückner. Feministische Frauenorganisationen kritisierten die vormalige Praxis der Nichtintervention staatlicher Institutionen sowie die für sie daraus resultierende Alleinzuständigkeit für die Problematik Gewalt gegen Frauen. Sie forderten den gesellschaftlichen Wandel im Umgang mit häuslicher Gewalt. Die Entwicklung der täterorientierten Interventionspraxis erforderte von feministischen Organisationen nun eine grundlegende Umstellung: Vormals bestand in vielen Frauenprojekten eine Tendenz zur Abschottung gegenüber staatlichen Institutionen, u. a. weil diese in ihrer Anschauung patriarchale Machtverhältnisse in der Gesellschaft stützen. Nun standen sie vor der Herausforderung, sich diesen Institutionen gegenüber zu öffnen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und zu kooperieren. Eine gezielt distanzierte Haltung musste aufgegeben werden, damit in die neue Interventionspraxis ihr Wissen und ihre Erfahrung sowie eine feministische Sichtweise auf häusliche Gewalt und ihre Handlungsprinzipien einfließen können. Dennoch erforderte die neue Kooperation auch ihre Kompromisse: So konnten beispielsweise die Begrifflichkeiten „Männergewalt“ oder „Gewalt gegen Frauen“ nicht beibehalten werden. Die geschlechterneutrale Bezeichnung der „häuslichen Gewalt“ ersetzte diese (vgl.: Kavemann u. a. 2001: 22ff; Brückner 2002: 149f).

• Novum 2: Die pro-aktive Kontaktaufnahme von Beratung

In verschiedenen wissenschaftlichen Studien wird dem pro-aktiven Zugang von Beratung im Rahmen der neuen Interventionspraxis bei häuslicher Gewalt besondere Aufmerksamkeit zuteil. Pro-aktiv bedeutet, dass sich die Beraterinnen selbst an die Opfer häuslicher Gewalt wenden und ihnen ein Beratungsangebot unterbreiten. Die Wahl dieses Ansatzes beruht zum einen auf der Erkenntnis, dass im Problemfeld häuslicher Gewalt hohe Barrieren wirksam sind, und nur relativ wenige gewaltbetroffene Frauen den Weg zu professioneller Hilfe finden. Zum Zweiten wird er mit der Komplexität des Platzverweisverfahrens und der Interventionskette begründet, welche eine koordinierende und klärende Unterstützung notwendig mache. Information und Hilfe – so die Intention – soll Opfern häuslicher Gewalt rasch und niedrigschwellig zugänglich werden. Der proaktive Zugang rückte in diesem Arbeitsfeld an die Stelle der allgemein gebräuchlichen Praxis der Komm-Struktur von Beratungseinrichtungen in freier Trägerschaft. Bei dieser wird – mit der Begründung der Wahrung der Selbstbestimmungsrechte der Klient/innen – gewartet, bis Ratsuchende aus eigener Initiative eine Beratungsstelle aufsuchen und ihren Bedarf selbst formulieren (vgl.: WiBIG Band I 2004: 23ff).

Anhand der wissenschaftlichen Begleitungen der pro-aktiv arbeitenden Interventionsstellen in Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen konnte gezeigt werden, dass sich die positiven Erwartungen mit diesem Ansatz erfüllten: Die Mehrheit der von der Polizei gemeldeten Frauen konnte pro-aktiv erreicht werden, und nur äußerst wenige der kontaktierten Frauen lehnten das Beratungsangebot ab. Insgesamt fanden rund drei Viertel der Frauen zu den Hilfen der Interventionsstellen (vgl.: WiBIG Band I 2004: 76ff; Löbmann u. a. 2005: 88). Dieses Ergebnis wird in der Befragung von Frauen in der Platzverweisstudie bestätigt: Hier wurde deutlich, dass die Aushändigung von Prospekten über die verschiedenen regionalen Beratungshilfen durch die Polizei allein in der Regel nicht ausreichte, um den Frauen den Weg in Beratung zu ebnen. Hindernisse lagen hier darin, dass die schriftlichen Informationen von ihnen nicht aufgenommen werden konnten, eine Auflistung verschiedener Beratungsstellen eher Verwirrung provozierte oder hohe Barrieren gegenüber Beratung einen eigeninitiativ hergestellten Kontakt verhinderten. Zudem wurde deutlich, dass jene Frauen, die selbst bei einer nicht speziell ausgewiesenen Beratungsstelle anriefen, oft Schwierigkeiten hatten, die Dringlichkeit eines zeitnahen Termins zu artikulieren. Beratung kam dann zustande, wenn von der Beratungsstelle ein pro-aktiver Zugang praktiziert wurde, und zwar auch bei Frauen mit einer grundsätzlich hohen Distanz zu psychosozialen Hilfen und einem fehlenden subjektiven Bedarf an Beratung (vgl.: Helfferich u. a. 2004: 60f).

Befragungen der Klientinnen in allen drei Studien zeigten, dass das proaktiv gestellte Beratungsangebot positiv bewertet wird. Die im Vorfeld von Praktiker/innen geäußerte Kritik der Entmündigung der Klientin und der Missachtung ihrer Selbstbestimmung durch diesen Zugang bestätigte sich nicht. Die Ergebnisse zeigen, dass der pro-aktive Beratungszugang von den Frauen vielmehr entlastend und bestärkend erlebt wird (vgl.: WiBIG Band I 2004: 327ff; Helfferich u. a. 2004: 76f; Löbmann u. a. 2005: 147).

 
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