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5.1.4 Intervention in der Krisensituation häuslicher Gewalt

In der Literatur aus der Praxis von Interventionsprojekten und Interventionsstellen sowie aus den Begleitforschungen findet sich ein besonderer Akzent auf die Intervention in der Krisensituation aufgrund häuslicher Gewalt. Bevor jedoch der Aspekt der Krise in der Beratungspraxis von Interventionsstellen behandelt wird, wird in einem kleinen Exkurs zuerst ein allgemeiner Blick auf das Erscheinungsbild der Krise gerichtet.

Exkurs: Das Wesen der Krise

Eine Krise wird als eine Situation akuter Überforderung durch innere oder äußere Erlebnisse verstanden, welche mit den gewohnten Bewältigungsstrategien nicht zu meistern ist. Sie wird als ein temporärer und offener Veränderungsprozess definiert, welcher durch emotionale Destabilisierung, insbesondere durch Angst und Selbstzweifel, geprägt ist (vgl.: Caplan & Grunebaum 1977). Kast beschreibt eine Krise als eine Zuspitzung, einen Höhepunkt eines Geschehens, der die Betroffenen in eine „Dringlichkeitssituation“ wirft. Eine Krise drängt nach Abhilfe. Gleichzeitig prägen Hilflosigkeit, panische Angst und Gefühle der Ausweglosigkeit die Befindlichkeit eines Menschen in der Krise (vgl.: Kast 1996, S.14). Sowohl das Ausmaß der Destabilisierung als auch die Dauer der Krise können in Abhängigkeit von der Art der Krise sowie den persönlichen und sozialen Ressourcen der Person stark variieren (vgl.: Schürmann in Nestmann u. a. 2004: 524f). So können Krisen ihren temporären Charakter verlassen, sich „chronifizieren“ und psychische Probleme zur Folge haben. Das Gefühl der Dringlichkeit einer Abwendung des Krisenanlasses schwindet, denn ein solches Gefühl ist dem Verständnis von Kast entsprechend kaum über längere Zeit aushaltbar (vgl.: Kast 1996: 16). Glammeier u. a. sprechen hier in Bezug auf psychische Gewalt in langandauernden Gewaltbeziehungen von einer „kontinuierlichen latenten oder offenen Krise“ (Glammeier u. a. 2004; S. 40), da sich Frauen aus Angst vor weiteren Eskalationen unter einer ständigen Anspannung stehend erleben. Kast sieht mit Verweis auf Jaspers in der Krise eine Chance zur Wandlung und zur Entwicklung. In einem günstigen Verlauf können durch Krisen notwendige Entscheidungen getroffen, neue Problemlösungsstrategien erlernt und Identität neu erlebt werden. Hier kann Krisenintervention hilfreich sein, wenn es ihr gelingt, dazu beizutragen die Angst zu lösen. Nur so kann ein Mensch in der Krise überhaupt in die Lage kommen, Entscheidungen zu treffen. Im ungünstigen Falle findet keine Wandlung statt. Diese Krisen chronifizieren sich, die Betroffenen verbleiben in der erlebten Ausweglosigkeit, manche suchen eine „Lösung“ im Suizid (vgl.: Kast 1996: 16ff).

Einem akuten häuslichen Gewaltvorfall wird in der Fachliteratur vielfach das Potential eines krisenauslösenden Ereignisses zuerkannt, welches Krisenintervention notwendig macht. Doch nicht nur der Gewaltvorfall selbst kann eine Krise auslösen, sondern auch der Polizeieinsatz oder die Maßnahme Platzverweis können zu einer Zuspitzung beitragen (vgl.: WiBIG Band I 2004: 49ff; Helfferich u. a. 2004: 53ff; GiG-net 2008: 163ff; Drumm in Kury u. a. 2005: 252; Firle u. a. 1996: 57ff; Logar 2004: 101; Scheffler 2000: 22). So bilanzieren Helfferich u. a.: „Der Platzverweis trifft auf eine Krise und kann eine Krise im Sinne einer Überforderung, mit den Folgen umzugehen, erzeugen.“ (Helfferich u. a. 2004: 58).

 
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