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5.1.5 Die Ausgestaltung der Opferberatung

Vor dem Hintergrund des dargelegten Verständnisses eines häuslichen Gewaltvorfalls als potentiell krisenhafte Situation und der staatlichen Interventionen als potentielle Krisenverschärfer wird sowohl von Seiten der Praktiker/innen in Interventionsprojekten als auch der Begleitforschungen das Angebot von Krisenintervention für Gewaltopfer als notwendig begründet (vgl.: WiBIG Band I 2004: 49ff; Helfferich u. a. 2004: 80f; Löbmann u. a. 2005: 89; GiG-net 2008:

163; Schaak 2006: 24; Wyss 2005: 25). Oberstes Ziel jeglicher Krisenintervention ist nach Kunz u. a. die Stabilisierung des Menschen in der Krise (vgl.: Kunz u. a. 2007: 21). In der Literatur zu Krisenintervention im Allgemeinen sowie auch in jener zur Beratung von Opfern häuslicher Gewalt werden grundlegende Ziele und Methoden der Beratungsarbeit aufgezeigt, welche dazu beitragen, dass gewaltbetroffene Frauen sich stabilisieren können und die Krise bewältigt werden kann:

• Entlastung

Als eine primäre Aufgabe von Krisenintervention im Rahmen der Opferberatung wird die Entlastung genannt. Dabei geht es zum einen um eine psychische Entlastung, damit sich die Klientin wieder etwas beruhigen kann. Schockzustände sowie Gefühle der Angst, Wut oder Schuld können einen hohen emotionalen Druck zur Folge haben. Die Klientin soll in der Krisenberatung ermutigt werden, über ihre Erlebnisse und ihre Gefühle zu sprechen. Durch empathisches Zuhören und eine verständnisvolle Haltung kann Entlastung gefördert werden (vgl.: WiBIG Band I 2004: 132ff; Helfferich u. a. 2004: 81f; Löbmann u. a. 2005: 144; Kunz u. a. 2007: 18f; Firle u. a. 1996: 59).

Ein zweiter Bereich der Entlastung betrifft das Sortieren von Problemen und Aufgaben. Es macht gerade das Wesen einer Krise aus, dass Menschen in Krisensituationen von den Problemen und den damit verbundenen Anforderungen an sie überwältigt sind. Hier hat Krisenintervention zu klären, welche Probleme vorrangig anzupacken sind und welche noch etwas zurückgestellt werden können. Die möglichen Handlungsoptionen müssen sorgfältig durchgesprochen und die Abfolge der notwendigen Schritte, die die Klientin zu bewältigen hat, strukturiert werden (vgl.: Kunz u. a. 2007: 18f; Firle u. a. 1996: 59). Drittens kann durch eine Unterstützung in alltagspraktischen Angelegenheiten, wie die Begleitung zu Behörden, Entlastung geschaffen werden (vgl.: Helfferich u. a. 2004: 91; Löbmann u. a. 2005: 141; WiBIG Band I 2004: 64, 143f).

Als besondere Form der Entlastung werden auch die praktizierten zugehenden Beratungsformen genannt. Die aktive Kontaktaufnahme durch die Beratungsstelle entlastet eine Frau davon, sich im Hilfespektrum ihrer Region zurechtzufinden, das passende Angebot zu kontaktieren und ihr Anliegen zu artikulieren. Aufsuchende Beratung führt Beratungsgespräche in der Wohnung der Frau durch und erspart ihr den Weg in die Beratungseinrichtung. Zugehende Beratungsformen wurden in Befragungen von Expertinnen wie Klientinnen als sehr hilfreich bewertet (vgl.: WiBIG Band I 2004: 24ff; Helfferich u. a. 2004: 76ff; Löbmann u. a. 2005: 62f, 140).

• Verantwortung für die Gewalt klären

Ein weiterer Bestandteil der Krisenintervention in Fällen häuslicher Gewalt ist der der Klärung der Verantwortung für die Gewalt (vgl.: Kunz u. a. 2007: 58f; WiBIG Band I 2004: 132; Löbmann u. a. 2005: 143; Flury 2007: 88). Dieser Aspekt wird bei jenen Frauen als notwendig erachtet, welche sich selbst eine (Mit-) Schuld für die Gewaltvorfälle beimessen. Es wird empfohlen, in der Beratung die Verantwortung für die Gewalt unmissverständlich dem Täter zuzuweisen und die Klientin von Schuldgefühlen zu entlasten. Firle u. a. gehen hier noch weiter, wenn sie dazu raten, dass Beratung verdeutlichen soll, dass Gewalt keinesfalls zu rechtfertigen ist. Verschiedene Belastungsfaktoren im Leben des Mannes, welche eine Klientin möglicherweise als Auslöser für gewalttätige Übergriffe benennt, ändern nichts an der Tatsache, dass er Verantwortung für sein Handeln trägt, und dies gilt es in der Beratung zu erklären (vgl.: Firle u. a. 1996: 59). Flury betrachtet den Aspekt der Verantwortung außerdem hinsichtlich zukünftiger Handlungsstrategien der Frau: Beratung soll ihrer Auffassung nach Klientinnen erklären, dass sie durch eine Anpassung ihres Verhaltens an die Forderungen des Mannes keine Veränderung der Gewaltproblematik erreichen werden. Die Beendigung des Gewalthandelns bedarf einer Veränderung des Mannes (vgl.: Flury 2007: 88).

Fraglich ist, ob diese Korrektur der Erklärungsund Bewältigungsversuche mancher gewaltbetroffener Frauen in der Krisenintervention ausschließlich ein entlastendes Moment darstellt. Führt man sich insbesondere die Ausführungen von Brückner zu Selbstbildern und Liebesvorstellungen von misshandelten Frauen vor Augen (vgl.: Brückner 1983; Brückner 2002: 74ff), wird deutlich, dass damit auch eine Desillusionierung dieser Bilder verbunden sein kann. Diese Enttäuschung kann zum einen schmerzhaft sein, zum Zweiten können Frauen ihre Hoffnung, die Situation doch noch etwas beeinflussen zu können, verlieren und sich dadurch eventuell noch hilfloser fühlen. Die Klärung der Verantwortung für häusliche Gewalt kann sich sowohl als Entlastung von Verantwortung und Schuld als auch als Belastung durch Trauer über unerfüllte Wünsche auswirken. Dies verdeutlicht die Notwendigkeit, dass Beratung Verständnis für Deutungen und Bewältigungsversuche aufbringen und sich den Gefühlen und Wünschen, die mit diesen verbunden sind, zuwenden muss. Vermeintliche Erklärungsmuster zu korrigieren birgt die Gefahr, dass Klientinnen sich abgewertet und nicht anerkannt fühlen und möglicherweise Beratung abbrechen.

• Sicherheit fördern

Die Förderung von Sicherheit der gewaltbetroffenen Frauen und Kinder wird von Seiten der Politik, der Forschung und Praxis einvernehmlich als Kernaufgabe von Interventionsstellen benannt. Dieser Auftrag kann als Antwort auf die Tatsache, dass polizeiliche Maßnahmen allein keinen Garant für Sicherheit darstellen, verstanden werden. Zudem besteht durchaus die Gefahr einer Verschärfung der Gefährdung durch die Tatsache des polizeilichen Einschreitens an sich oder durch nachfolgende Entscheidungen der Frau, wie Trennungsabsichten bzw. rechtliche Schritte gegen den Partner (vgl.: WiBIG Band I: 34).

Häufig findet sich diese Aufgabe als „Erstellung eines persönlichen Sicherheitsplans“ beschrieben – eine Formulierung, welche betont, dass dieser Auftrag mit System, Genauigkeit, Pragmatik erfüllt und sich an dem individuellen Bedarf an Schutz der Klientin orientieren muss. Es geht, wie die Interventi onsstelle Wien beschreibt, darum, „sich möglichst detailliert auf eine Krisensituation vorzubereiten, um immer einen Schritt voraus zu sein.“ (Homepage der Wiener Interventionsstelle: interventionsstelle-wien.at/start.asp? ID=311). Die Beraterin erörtert gemeinsam mit der Klientin, welche potentiellen Gefährdungen durch den Partner in welchen Lebensbereichen an welchen Orten für sie und ihre Kinder bestehen können und welche konkreten Vorsichtsmaßnahmen sie diesbezüglich treffen kann (vgl.: WiBIG Band I 2004: 139ff, 264f; Helfferich u. a. 2004: 104f; Logar 2004: 104f).

• Handlungsfähigkeit stärken

Als weiterer Baustein von Beratung wird in der Literatur die Stärkung der Handlungsfähigkeit der Klientinnen genannt, welche Frauen hilft, die aktuelle Krise zu bewältigen. Zu dieser Stärkung werden im Allgemeinen die Vermittlung relevanter rechtlicher Informationen, eine ergebnisoffene Erörterung der Perspektiven für die zukünftige Lebenssituation sowie die Anerkennung und Unterstützung der von der Klientin getroffenen Entscheidungen als bedeutsam erachtet (vgl.: WiBIG Band I 2004: 140ff).

Die von WiBIG befragten Klientinnen der Interventionsstellen in Mecklenburg-Vorpommern bewerteten die erhaltenen Rechtsinformationen im Allgemeinen als sehr hilfreich. Sie halfen, Gefühle der Hilflosigkeit zu mildern und trugen zu einem gestärkten Sicherheitsgefühl bei – unabhängig davon, ob eine Frau rechtliche Schritte einleitete oder nicht (vgl.: WiBIG Band I 2004: 175; Kavemann in BFF 2006: 22). Auch die von Helfferich u. a. befragten Frauen bewerteten die Vermittlung von rechtlichen Aspekten sowie die Aufklärung über Handlungsmöglichkeiten als sehr hilfreich. Allerdings wurde in dieser Studie deutlich, dass trotz polizeilicher Maßnahmen und der Aufklärung über Handlungsmöglichkeiten zum eigenen Schutz in der Beratung die Angst vieler Frauen fortbestand. Diese Angst wurde zum einen durch das Gefühl der Unberechenbarkeit des Mannes, zum Zweiten durch Drohungen und Nachstellungen des Mannes während des Platzverweises genährt. Auf zivilund strafrechtliche Handlungsmöglichkeiten verzichteten viele Frauen u. a., weil sie befürchteten, genau das Gegenteil zu erreichen und ihre Gefährdung zu erhöhen. Helfferich u. a. folgerten, dass die Rückgewinnung von Kontrolle über das eigene Leben sowie von Sicherheit für viele Frauen nicht selten ein längerer Prozess sein kann, dem sich auch nachfolgende Beratungshilfen anschließen müssen (vgl.: Helfferich u. a. 2004: 84, 102ff).

• Weiterführende Hilfen vermitteln

In der allgemeinen Praxis der Interventionsstellen verstehen sich diese als mehr oder weniger umfängliche Erstberatung (vgl.: WiBIG Band I 2004: 115; Helfferich u. a. 2004: 80ff; GiG-net 2008: 163; Schaak 2006: 69). Sie informieren, begleiten und beraten in der akuten Krise von Gewalt und staatlicher Intervention. Klientinnen mit einem weitergehenden Unterstützungsbedarf werden an die dafür entsprechenden Einrichtungen weitervermittelt. Die genaue Kenntnis des regionalen Unterstützungssystems sowie gute Kooperationsbeziehungen werden als Voraussetzungen einer erfolgreichen Vermittlungspraxis betrachtet (vgl.: WiBIG Band I 2004: 59, Helfferich u. a. 2004: 105). Eine Weitervermittlung fand entsprechend der Forschungsergebnisse von WiBIG hauptsächlich an Rechtsanwält/innen, gefolgt von Beratungsstellen und Jugendamt statt. Den Angaben der befragten Beraterinnen zufolge wurde ca. die Hälfte der Beratenden weitervermittelt. Das Forscherteam betonte außerdem, dass viele Frauen keine Weitervermittlung durch die Interventionsstelle benötigten. Bezug nehmend auf die Erfahrungen von Krisenintervention für vergewaltigte Frauen von Kretschmann (1993) weist WiBIG darauf hin, dass es vielen Frauen ein Anliegen sei, schnell wieder ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und ohne weitere Hilfe auszukommen (vgl.: WiBIG Band I 2004: 160ff).

Zwei Fragen werden in den vorliegenden deutschsprachigen Studien aufgegriffen: zum Ersten, wie lange die Interventionsstelle für die Betreuung zuständig ist und zum Zweiten, wie Weitervermittlung praktiziert werden muss. Hinsichtlich der ersten Frage zeigt das Forschungsteam von WiBIG das unterschiedliche Verständnis zwischen der Wiener Interventionsstelle und den Interventionsstellen in Mecklenburg-Vorpommern auf: Den Ausführungen von Rosa Logar zufolge sollte Unterstützung der Gewaltbetroffenen idealerweise erst dann enden, wenn die Gewalt beendet ist. Besteht die Gefahr der Fortsetzung von Gewalt in Partnerschaften, seien auch langfristige Interventionen notwendig. Ihrer Auffassung entsprechend fällt es Frauen leichter, bei Fortbestehen von Gewalt mit der ihr vertrauten Beraterin zu sprechen (vgl.: Logar in Kury u. a. 2005: 95f). Die von WiBIG befragten Mitarbeiterinnen aus MecklenburgVorpommern betonten, dass es auf die Form der Weitervermittlung ankomme. Weitervermittlung in eine andere Einrichtung bei längerem Unterstützungsbedarf sei unproblematisch, wenn diese „behutsam“, ohne Informationsverlust und ohne abrupte Beendigung des Kontaktes zur Interventionsstelle gestaltet werden würde. Die Mehrheit der von WiBIG befragten weitervermittelten Frauen gab an, dass es für sie in Ordnung gewesen wäre, die Einrichtung zu wechseln (vgl.: WiBIG Band I 2004: 160ff). Helfferich u. a. weisen darauf hin, dass Beratungsbarrieren der Frauen die Kontaktierung weiterer beratender Einrichtungen erschweren können und dass daher unter Umständen eine sorgfältige Weitervermittlung notwendig ist (vgl.: Helfferich u. a. 2004: 90ff).

 
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