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5.1.6 Beratungshaltungen in der Opferberatung

Ein vertrauensvoller Kontakt zwischen Berater/innen und Klient/innen wird als Grundlage für das Gelingen einer positiven Beratungsbeziehung in der allgemeinen Beratungsliteratur gewertet. So beschreibt Nestmann:

„Die Beziehung zwischen BeraterInnen und KlientInnen ist die wichtigste Dimension einer jeden Beratungskonstellation. Im Vergleich zu den verschiedensten untersuchten Beratungsmethoden, Charakteristika von BeraterInnen und KlientInnen, Beratungsprozeduren und Settings etc. war es lediglich die Beratungsbeziehung, die sich in der Beratungsforschung durchgängig als entscheidende Wirkungsgröße eines erfolgreichen Beratungsprozess erwiesen hat. (...) Ohne eine offene, vertrauensvolle Beziehung aller Beteiligten ist keine Erfolg versprechende Beratung möglich.“ (Nestmann in Nestmann u. a. Band 2 2004: 791).

Auf die besondere Bedeutung der Beratungsbeziehung in der Arbeit mit gewaltbetroffenen Frauen weisen auch die beiden Forscherteams von WiBIG und der Platzverweisstudie hin. In der Befragung von Frauen in diesen beiden Studien wird eine Vertrauensbeziehung, geprägt durch Verständnis, Einfühlungsvermögen und menschliche Nähe, als zentral herausgestellt. Offenheit und Raum für Erzählungen der Frauen, ihnen glauben und sie ernst nehmen, Vertrautheit der Beraterin in der Thematik, Ermutigungen sowie das Angebot, dass eine Frau sich jederzeit wieder an die Beraterin wenden darf, werden als vertrauensfördernde Elemente beschrieben (vgl.: WiBIG Band I 2004: 133f; Helfferich u. a. 2004: 57, 93ff). Zusätzlich werden die Aspekte Parteilichkeit und Ergebnisoffenheit in der Haltung der Beraterin als Voraussetzungen für eine vertrauensvolle und konstruktive Beratungsbeziehung benannt. Sie werden im Folgenden erläutert:

• Parteilichkeit

Parteilichkeit ist seit Gründung von Frauenund Mädchenprojekten ein Grundprinzip in der feministischen Sozialen Arbeit. „Parteilich impliziert, dass feministische Beratung keine (vorgeblich) neutrale Vermittlerposition einnimmt. Stattdessen fordert sie die Unterstützung von Frauen bei der Wahrung oder Durchsetzung ihrer legitimen Ansprüche, z. B. auf körperliche Unversehrtheit, materielle Unabhängigkeit, selbstbestimmte Lebensgestaltung etc.“ (Sickendiek in Nestmann u. a. Band 2, 2004: 773).

Kavemann weist in ihrer Analyse von Konzeptionen feministischer Projekte darauf hin, dass dem Begriff der Parteilichkeit der sozialpädagogischen wie therapeutischen feministischen Praxis keine einheitliche Definition zugrunde liegt, sondern unterschiedliche Schwerpunktsetzungen und Ausformulierungen zu finden sind. Was die unterschiedlichen Definitionen eint, ist das Verständnis des Geschlechterverhältnisses als ein durch eine grundlegende Herrschaft von Männern über Frauen strukturiertes Gefüge: Gewalt gegen Frauen (und Mädchen) lässt sich nicht hinreichend durch individuelle Eigenschaften der Beteiligten oder durch Besonderheiten eines Falles erklären, sondern muss auf der Grundlage einer patriarchalen Gesellschaftsstruktur betrachtet werden (vgl.: Kavemann in Hagemann-White u. a. 1997: 185f).

Die feministische Sozialforschung weist darauf hin, dass sich das Verständnis von Macht, Herrschaft und Geschlecht in den vergangenen Jahren weiterentwickelt hat. Machtund Herrschaftsverhältnisse werden als vielfältig und komplex anerkannt und im „Zusammenwirken aller Beteiligten hergestellt und aufrechterhalten“ (Hagemann-White in BMFSFJ 2004: 14). Kavemann betont, dass eine parteiliche Haltung die „Eingebundenheit von Frauen in die Gewaltsituation“ berücksichtigen muss. Frauen sind gezwungen, sich gegenüber dem Partner zu verhalten. Möglicherweise versucht sie durch Verantwortungsübernahme, Unterwerfung oder Solidarisierung mit dem Partner die Gewaltsituation zu bewältigen. Parteiliche Beratung darf ihres Erachtens die eigene Aktivität der Frauen nicht ignorieren, sondern muss Selbstvorwürfen der Frauen offen begegnen, damit eine Frau sich mit ihnen auseinandersetzen kann (vgl.: Kavemann in Hagemann-White u. a. 1997: 204f).

Die Konsequenz, die Praktikerinnen und Forscherinnen aus dem Grundprinzip der Parteilichkeit für die Unterstützungsarbeit von Frauen ableiten, ist eine Parteinahme für Frauen und Mädchen. Es gilt, ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt des professionellen Handelns zu stellen, Gewalt als erfahrenes Unrecht zu benennen und ihnen unterstützend zur Seite zu stehen ohne ihre Beteiligung an Herrschaftsverhältnissen außer Acht zu lassen (vgl.: Brückner 2002: 154; Kavemann in Hagemann-White u. a. 1997: 190). Eine „kritisch-solidarische Distanz“ (Kavemann in Hagemann-White u. a. 1997: 203) in dieser Arbeit für notwendig, um „Wahrnehmungslücken“ zu vermeiden und Täterschaften von Frauen in der Beratungsarbeit aufzugreifen. Kavemann warnt vor einer generellen Betrachtung von Frauen als passive Opfer in der Gesellschaft, da eine solche den Frauen Handlungsmächtigkeit und Selbstverantwortung absprechen würde. Eine parteiliche Haltung impliziert stattdessen den Blick auf Frauen als Gestalterinnen ihres Lebens, auch wenn gewalttätige Situationen sie schwächen oder zu Bewältigungsversuchen führt, welche eine Teilhabe an destruktiven Machtverhältnissen beinhalten (vgl.: Kavemann in Hagemann-White u. a. 1997: 203ff).

Die Frage, wie das Prinzip ‚Parteilichkeit' beim Vorliegen von beidseitiger Gewalt umgesetzt werden kann, wird in der Literatur bislang noch wenig thematisiert. Hier ist ein Aspekt zu erwähnen, auf den die Hanna Gloor und Daniela Meier hinweisen: Gewalttätige Handlungen von Frauen stellen eine gravierende gesellschaftliche Normverletzung dar, da Gewalthandeln dem kulturellen Bild von Weiblichkeit widerspricht. Dies hat zur Folge, dass Frauen dazu neigen, jedes eigene Gewalthandeln deutlich zu erinnern und dieses möglicherweise überstark wahrnehmen und bewerten (vgl.: Gloor u. a. 2003: 541). Eine parteiliche Beratungsarbeit darf weibliches Gewalthandeln weder bagatellisieren noch eine gesellschaftliche Überbewertung mittragen.

Von Wissenschaft und Praxis wird auch für die Beratungsarbeit mit Opfern häuslicher Gewalt im Rahmen des Platzverweisverfahrens die Empfehlung einer parteilichen Haltung ausgesprochen (vgl.: Helfferich 2004; S. 96ff; GiGnet 2008: 154f; WiBIG Band I 2004: 210; Logar 2004: 95; Großmaß 2005). Zum einen vermittelt diese Haltung der Frau, dass die Beraterin ihr glaubt und die Geschehnisse nicht verharmlost. Zum Zweiten hilft eine solche Haltung der Frau, ihr möglicherweise erschüttertes Vertrauen in die bestehende Rechtsordnung und in zwischenmenschliche Beziehungen wieder zu stärken (vgl.: WiBIG Band I 2004: 133f; Helfferich u. a. 2004: 93ff).

• Ergebnisoffenheit

Ein weiterer Aspekt in der Beratungshaltung betrifft die Ergebnisoffenheit von Beratung im Sinne eines Unterstützens und Respektierens der Entscheidungen der Klientin. Eine Beraterin soll Wissen und Rat zur Verfügung stellen, mit den Klientinnen das Für und Wider von Handlungsmöglichkeiten sorgfältig abwägen und sich dabei nicht von vorgefassten eigenen Vorstellungen leiten lassen, wie sich Frauen im Falle von häuslicher Gewalt am besten zu verhalten haben. Gerade jene Studien, welche eine Befragung der Klientinnen einer Erstberatung nach einem Platzverweis durchgeführt haben, weisen darauf hin, dass Beratung in keinem Fall in die eine oder andere Richtung, Bleiben oder Gehen, drängen darf, sondern den Klientinnen die Entscheidung überlassen und dieser mit Akzeptanz und Wertschätzung begegnen soll. Gelangt eine Frau in der Beratung zu dem Gefühl, in eine von ihr nicht gewünschte Richtung hinsichtlich des weiteren Verlaufs der Partnerschaft gedrängt zu werden, erlebt sie die Beratung als nicht hilfreich. Es besteht in diesem Fall die Gefahr, dass sie weitere Beratungsgespräche ablehnt, obwohl sie möglicherweise nach wie vor einen Bedarf an Unterstützung hat (vgl.: WiBIG Band I 2004: 139ff; Helfferich u. a. 2004: 93ff).

Helfferich u. a. stellten eine hohe Sensibilität der Frauen für die Haltung der Beraterinnen fest (vgl.: Helfferich u. a. 2004: 93). Diese Sensibilität ist in den vielfältigen Barrieren, welche Frauen gegenüber Beratungseinrichtungen haben können, sowie in möglicherweise bestehenden falschen Vorstellungen über Beratung oder negativen Vorerfahrungen im Sich-Anvertrauen gegenüber Dritten verwurzelt. Eine starke Barriere ist die Scham, einen gewalttätigen Partner zu haben, in dieser Beziehung gegebenenfalls schon lange zu leben oder sie eventuell fortführen zu wollen. Eine weitere kann in Erfahrungen einer „Kluft zwischen der „normalen Normalität“, in der andere Menschen leben und in der die Gewalterfahrung der Frau nicht anerkannt wird, und ihrer eigenen Welt, in der diese Gewalterfahrung normal war“ (Helfferich u. a. 2004: 106) bestehen. Wagen diese Frauen den Schritt in die Beratung, so ist dieser mit einer Angst vor Unverständnis und einer Unsicherheit darüber begleitet, wie die Beraterin sich gegenüber ihren Erfahrungen, Bewältigungsstrategien und Zukunftswünschen verhält (vgl.: Helfferich u. a. 2004: 73). Es ist für sie zunächst einmal nicht selbstverständlich, dass eine Beraterin ihnen glaubt und ihnen unabhängig von ihren Entscheidungen zur Seite steht.

 
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