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5.3.3 Die Opferberatung im Kontakt mit gewaltbetroffenen Frauen

Wie später im Abschnitt zu den Beratungsverläufen ausführlich erörtert wird, beschränkt sich der Kontakt der Beraterinnen zu den Frauen meist auf einen oder wenige Beratungstermine. Das Unterstützungsangebot wird als Krisenintervention bzw. Krisenberatung gestaltet und geht nur in Einzelfällen in eine längerfristige Einzelberatung über (siehe Kap. 5.3.7). Dieser Abschnitt wendet sich nun den Qualitäten und Merkmalen im Kontakt zwischen Beraterin und Klientin aus Sicht der Professionellen zu. Welche Ansprüche stellen die Beraterinnen an sich selbst hinsichtlich der Gestaltung dieser speziellen Beratungsbeziehung im Rahmen einer meist kurzen Intervention?

5.3.3.1 Vertrauen schaffen, Offenheit fördern, Grenzen anerkennen

Eine der Interviewten berichtete explizit von ihrem Anspruch, eine „warme, freundliche Atmosphäre (zu) schaffen“, in der sich Frauen „ein Stück weit öffnen können“ (B 2, Abs. 170). Dies impliziert die Annahme, dass es einer sorgsamen Gestaltung des Kontaktes bedarf, damit Frauen überhaupt Vertrauen fassen können und von ihren Erfahrungen und Belastungen sprechen. Es beinhaltet zudem die Vermutung einer begrenzten Offenheit, sie kann nur „ein Stück weit“ reichen. Die Beraterin konkretisierte im Interview, wie sie zu einer solchen Atmosphäre beitragen will: Sie versucht...

„...ihr AKTiv zuzuhören, wirklich da zu sein für sie und ihr die richtigen Fragen zu stellen. Das finde ich auch ganz wichtig so für mich. (...) ich will auch nicht in sie hinein dringen, also ich möchte, dass sie jederzeit die Möglichkeit hat zu sagen, nein, das geht mir jetzt zu weit. Ich bin ´ne fremde Frau für diese Frau, ja – ein offenes Ohr ist in Ordnung, aber ich möchte ihr nicht zu nahe treten. Ich will auch nicht irgendwo – also Salz in irgend ´ne Wunde streuen, es ist ganz schwer für mich zu sagen, ich möchte nicht in jemanden eindringen. Ich kann es nicht anders sagen, sie hat die Entscheidung, was sie mir sagt und was nicht.“ (B 2, Abs. 170)

In diesem Zitat wird die Sorge der Sprechenden hörbar, sie könnte in der Beratung persönliche Grenzen der Frau überschreiten. Das Gespräch über Gewalterfahrungen verbindet sie mit heiklen und schmerzlichen Inhalten für die Frau. Die Beraterin möchte sie weder zum Erzählen drängen noch durch Fragen oder Aussagen den Schmerz ihrer Erfahrungen aufleben lassen oder gar vergrößern. Gleichzeitig will sie selbst offen sein für alles, was die Frau ihr erzählen will. Sie erwähnt eine Distanz, die sie als gegeben annimmt, weil sie für die Frau eine fremde Person ist. Fremdheit steht dieser Auffassung entsprechend einem vorbehaltlosen Sich-Öffnen entgegen. Sie ermutigt die Frauen, wie sie nachfolgend berichtet, nein zu sagen, Fragen auch nicht zu beantworten, weil sie davon ausgeht, dass sich manche Frauen in der Beratung unter Druck gesetzt fühlen, und meinen, „alles sagen“ (B 2, Abs. 172) zu müssen. Es scheint für sie ein schmaler Grat zwischen Zugewandtheit und Grenzüberschreitung zu bestehen, und sie weiß letztendlich nicht, wann das Interesse, das sie einer Frau entgegenbringen will, von ihr als übergriffig erlebt werden könnte. Es wird außerdem das Vorstellungsbild hörbar, ihre Klientinnen könnten es zulassen, dass ihre Grenzen überschritten werden und sich nicht selbst genügend davor schützen.

 
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