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5.3.3.2 „Achtung und Respekt“ (B 4, Abs. 100) gegenüber der Frau und ihren Entscheidungen

Die Befragten artikulierten auf ihre jeweils eigene Art und Weise ihr Bestreben, dass Frauen in der Beratung einen Kontakt erleben, der durch Wertschätzung getragen ist. Diesem Motiv lag die Annahme einer Befragten zugrunde, dass misshandelte Frauen in ihrem Alltag ein „achtvolles Miteinander“ (B 4, Abs.

100) oft gar nicht erfahren. Hier zeigt sich ein Bild alltäglicher Abwertung, auch Erniedrigung und Demütigung gewaltbetroffener Frauen. Dieser vermuteten Lebenswelt möchte sie etwas anderes entgegensetzen. Sie möchte, dass Frauen in der Beratung eine Beziehung erfahren, in der die Achtung der Person, ihrer Gefühle, Gedanken und Entscheidungen, gewahrt ist – auch dann, wenn die Einschätzung der Frauen über ihre Lebenssituation und über die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs ihrer Handlungsstrategien mit ihren eigenen differieren.

Achtung und Respekt manifestieren sich den Beraterinnen zufolge insbesondere in der Anerkennung der Wünsche und Entscheidungen der Frau und der Versicherung, für sie da zu sein, unabhängig davon, welche Wege sie in Bezug auf ihre Partnerschaft einschlagen möchte (B 2, Abs. 75; B 5, Abs. 51). So berichtete eine Beraterin von einer Klientin, welche gleich zu Beginn des ersten Beratungsgesprächs eröffnete, dass sie sich keinesfalls trennen wolle. Sie hörte in dieser Aussage die Befürchtung heraus, dass die Beraterin von ihren Klientinnen grundsätzlich die Trennung erwarten könne. Dieser Vorstellung entgegnete sie mit einer Erläuterung des konzeptionell verankerten Handlungsprinzips der Ergebnisoffenheit:

„Ich hab ihr dann einfach gesagt, „ich bin hier ergebnisoffen, also es geht mir darum SIE zu unterstützen, SIE zu begleiten, dass Sie das nicht aushalten müssen mit ihrem Kind“, also auch in Hinblick auf das Kind. Und das hat ihr gut getan. Also sie einfach mal annehmen mit allem was sie will und nicht entmündigen oder sonst irgendwas, sondern die Frau, die hier in der Beratung ist, KANN so sein, wie sie IST.“ (B 2, Abs. 75)

Ergebnisoffenheit besteht für sie darin, die Frau auf einem Weg zu einem gewaltfreien Leben zu unterstützen und Wünsche hinsichtlich der Aufrechterhaltung der Beziehung zum Partner anzunehmen. Hier stellt sich die Frage, wie sich dieses Annehmen von Beziehungswünschen – was alle Beraterinnen in den Interviews auf ihre jeweilige Art formulieren – als eine Form der Achtung in der Beratung manifestiert. In Abhängigkeit ihrer Eindrücke über die Lebenssituation der Frau erscheint dieses Annehmen als ein „Aushalten“ (B 4, Abs. 118; B 5, Abs. 51) oder ein „Akzeptieren“ (B 5, Abs. 65; B 3, Abs. 80) der Entscheidung einer Frau, an der Beziehung festzuhalten. Deutlich wird in diesen Formulierungen, dass dieses Annehmen eine Anforderung an die Beraterinnen selbst darstellt. Akzeptieren – noch stärker Aushalten – kann als eine Form des Annehmens ohne Übereinstimmung und ohne Befürwortung interpretiert werden. Bleiben, so zeigt sich, scheint in der Vorstellung der Beraterinnen in der Regel mit einem hohen Risiko der Fortsetzung der Gewalt verbunden zu sein. Sie teilen Hoffnungen der Frauen, auf eine positive Veränderung innerhalb der Beziehung, nicht. Vielmehr wird ihr das Angebot gemacht, über Handlungsmöglichkeiten zur Stärkung der Sicherheit bei erneuter Gewalt zu sprechen. Trennungswünsche dagegen werden begrüßt. Sie werden im Gegensatz zu den Wünschen, zu bleiben in Übereinstimmung und mit einer gewissen Anerkennung angenommen. Trennung scheint in der Konstruktion der Beraterinnen der sicherste Weg zu einem gewaltfreien Leben zu sein. Eine der Beraterinnen drückte ihre Reaktion auf einen von ihr unerwarteten Trennungsentschluss folgendermaßen aus: „...wenn ´s die dann doch machen, das ist dann eher so JAHHH!“ (B 1, Abs. 149)

Ein Annehmen der Entscheidung einer Frau, zu bleiben zeigt sich auch darin, dass ihr weitere Unterstützungsangebote gemacht werden. Diese bestehen hauptsächlich im Angebot einer längerfristigen Einzelberatung oder der Frauengruppe, welche der Arbeitskreis konzipiert hat. Drei der Beraterinnen berichteten zudem, im Anschluss an die Opferberatung gelegentlich in Paarberatung vermittelt zu haben. Eine von ihnen beschrieb eine zentrale Erfahrung mit Paarberatung, welche ihre Vorstellung über die Dynamik von häuslicher Gewalt widerlegte:

„Ich hab da sehr gute Erfahrungen gemacht, mit einem Paar, da war die Frau bei mir in der Opferberatung, und das Paar das kam dann zu meiner Kollegin und war über ein Jahr in Paarberatung da. (...) das war so unser Paradebeispiel dafür, dass es möglich ist, Gewalt zu beenden, und dass es möglich ist, das Verhalten der einzelnen auch so zu verändern, dass Gewalt sich erübrigt. Also diese Paar hat es wirklich geschafft auf einer GANZ anderen Ebene miteinander umzugehen, und die haben es wirklich gelernt ohne Gewalt zu kommunizieren! Das war für mich sehr sehr überraschend.“ (B 5, Abs. 132)

Diese Erfahrung wandelte ihr ursprüngliches Bild von der Unveränderlichkeit von Gewaltbeziehungen: Es ist entsprechend ihrem neuen Deutungsmuster prinzipiell möglich, Gewalt innerhalb der Beziehung zu beenden, wenn beide Partner gewillt sind, einen komplett anderen Umgang miteinander zu lernen. Wie sie anschließend ausführt, schätzt sie Paarberatung nicht generell, aber „wenn die Paardynamiken so arg ist“ (B 5, Abs. 132) als die einzig wirkungsvolle Maßnahme ein. Liegt ihrer Deutung entsprechend die Wurzeln der Gewalt in der Beziehungsdynamik begründet, und sind beide Partner bereit, an ihrem Verhalten zu arbeiten, kann Paarberatung gelingen.

 
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