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5.3.3.3 Offenheit auf Seiten der Klientinnen

Die Beraterinnen berichteten von einer Offenheit, die sie bei den Klientinnen im Allgemeinen erleben. Diese Offenheit bezieht sich auf eine erlebte Freimütigkeit im Erzählen: So berichten die Klientinnen meist sehr ausführlich von der aktuellen Gewalteskalation sowie von einer Vielzahl von Aspekten, welche sie im Kontext mit diesem Vorfall für bedeutsam erachten. Ein weiterer Aspekt der Offenheit, welche die Befragten beschrieben, bezieht sich auf das, was die Beraterin ihnen für ihre Situation an Ratschlägen und Informationen geben kann. Hier wird bei den Klientinnen in der Regel ein Interesse und eine Neugier bezüglich der verschiedenen Handlungsmöglichkeiten beobachtet.

Offenheit wird jedoch nicht allumfassend wahrgenommen. Sie zeigt einer Befragten zufolge deutlich ihre Grenzen bei schambesetzten Themen. So berichtete diese, dass Sexualität in der Opferberatung „nie thematisiert“ (B 2, Abs. 109) wird, und sie es auch nicht als angemessen ansieht, dieses Thema aufgrund seiner Intimität in der Erstberatung anzusprechen. Sie äußerte ihre Vermutung, dass möglicherweise die Sexualität eines Paares ein starker Bindungsfaktor sein könnte. Weil sie sich jedoch diskret verhalten möchte, greift sie dieses Thema nicht aktiv auf. Hier stellt sich die Frage, ob das Auslassen des Themas – und damit auch sexueller Gewalterfahrungen – nicht nur aus Gründen der Scham, sondern auch auf einer von den Frauen wahrgenommenen Zurückhaltung der Beraterin beruht.

5.3.3.4 Wahrgenommene Anliegen der gewaltbetroffenen Frauen an die Opferberatung

Erwartungen und Wünsche der Klientinnen an die Beratung werden entsprechend der Berichte der Befragten selten ausdrücklich von diesen formuliert. Sie haben bei der Mehrzahl ihrer Klientinnen den Eindruck, dass diese offen und „abwartend“ (B 1, Abs. 51; B 4, Abs. 54) in die Beratung kommen. Die Beraterinnen interpretieren Erwartungen und Wünsche der Klientinnen vielmehr aus deren Gesprächsverhalten und deren Fragen heraus.

• „Ballast loswerden“

„Der erste vielleicht auch nicht ausgesprochene Wunsch ist, ich möchte mal alles erzählen können. Und ich möchte, dass mir mal jemand zuhört, weil die meisten das noch niemandem erzählt haben. Und die Frauen sagen: „okay das ist ja jetzt – vor Ihnen muss ich mich ja nicht schämen oder da muss ich keine Angst haben“, und die meisten hocken auch – oder viele sitzen auch erst mal eine halbe Stunde da und erzählen detailliert alles was vorgefallen ist, und ich glaube, das ist der erste Wunsch, der unausgesprochen da ist: ich will den Ballast loswerden, ich will, dass jemand das mit mir teilt, meine Erfahrungen teilt, in dem Moment zuhört.“ (B 5, Abs. 47)

Der erste Wunsch, den diese Befragte bei vielen ihrer Klientinnen wahrnimmt, ist der der Entlastung von dem Ballast erlebter Gewalt. Sie sehen ihrer Einschätzung entsprechend die Beraterin als eine Person an, der gegenüber sie weder Scham noch Angst empfinden müssen. Der Deutung entsprechend unterscheidet dies eine Beratungsexpertin von den Menschen aus dem sozialen Umfeld der Frau. Die Frauen erhoffen sich ein Stück Entlastung dadurch, dass sie der Beraterin mitteilen, was geschehen ist und sie dadurch mit diesen Erlebnissen nicht mehr allein sind. Dass dieses Teilen – insbesondere brutaler Geschehnisse – wiederum zu einer Belastung der Beraterin führen kann, wird in einem folgenden Interviewausschnitt derselben Beraterin deutlich:

„...und dann geht ´s auch oft drum das auszuhalten, was die Frauen erzählen, und ich merke an meinen eigenen Körperreaktionen manchmal, dass es mir nicht immer leicht fällt das – das zu hören, also mir wird manchmal richtig schlecht. Das Allerschlimmste ist, wenn ich so das Gefühl hab, ich bin völlig zugeschüttet mit den Geschichten, wohin damit? Aber ich kann sie dann aber auch wieder loslassen.“ (B 5, Abs. 79)

Wie sie diesbezüglich selbst für sich sorgt, lässt sie an dieser Stelle offen. Als hilfreich beschrieb sie später die Tatsache, nicht allein zu sein mit der Aufgabe Opferberatung, sondern in einem Team eingebunden zu sein.

• „Orientierung“ (B 3, Abs. 65) und „Aufklärung“ (B 2, Abs. 37)

Die Lebenssituation von Frauen nach einem Platzverweis wird von den Beraterinnen einstimmig als eine Krisensituation definiert: Die Lebenssituation ist plötzlich eine völlig andere. Die Klientinnen werden als „aufgewühlt“ (B 2, Abs.

23) und „durcheinander“ (B 5, Abs. 19; B 2, Abs. 23) beschrieben. Sie wissen häufig nicht genau über den Platzverweis und das Strafverfahren Bescheid, Mütter sind unsicher, ob das Jugendamt eingeschalten wird, und viele Frauen stellen sich die Frage, wie nun ihr Leben weitergehen soll. Die wahrgenommene Erwartung der Frauen an die Opferberatung richtet sich hier an eine Orientierung sowohl in der Krisensituation Platzverweis selbst als auch darüber hinaus. Sie wollen über ihre mögliche Rolle, ihre Rechte und Pflichten in diesen Verfahren aufgeklärt und beraten werden. Darüber hinaus wird bei den Frauen in deren Frage: „Was könnte ich denn jetzt eventuell machen?“ (B 1, Abs. 27; B 2, Abs. 3) in der Opferberatung die Erwartung einer Erörterung prinzipiell möglicher Handlungsund Lebensperspektiven wahrgenommen. Durch die Erörterung der verschiedenen Möglichkeiten wünschen sie sich Klarheit, welcher Weg unter Umständen eine Option für sie darstellen könnte. Es wird außerdem von Frauen berichtet, welche um Informationen bitten, wie sie rasch an finanzielle Mittel gelangen können, da durch die Wegweisung des Mannes ihre materielle Grundlage wegfiel.

• „Strukturierung“ (B 3, Abs. 53) und „Begleitung“ (B 2, Abs. 37)

Haben Frauen Entscheidungen getroffen, welche ein aktives Handeln erforderlich machen, wünschen sie der Wahrnehmung der Interviewten entsprechend häufig eine Hilfestellung bei der Umsetzung durch die Beraterin.

„Die MEIsten kriegen auch all ihre Termine durch, für mich völlig überraschend wie gut sortiert die Frauen dann doch in dieser Notsituation, (...) in dieser absoluten Ausnahmesituation sind und dann auch ihre Termine sortieren, wahrnehmen und durchziehen. Ich bin dann immer die, die so ein bisschen strukturiert, und schaut okay, was kommt als nächstes, nächster Schritt, nächster Schritt, nächster Schritt...“ (B 5, Abs. 19)

Entgegen dem eigenen Vorstellungsbild von einer Hilflosigkeit gewaltbetroffener Frauen in einer „Ausnahmesituation“ ihres Lebens, erlebt die Beraterin die meisten Frauen als entschlossen und handlungsmächtig. Unterstützt durch eine Strukturierung der Anforderungen in der Beratung beobachtet sie, dass die Frauen diese bewältigen. Fällt der Unterstützungsbedarf höher aus, werden Adressen und Zuständigkeiten herausgesucht, Termine für die Frau vereinbart oder im Vorfeld eines Behördenkontaktes Antragsformulare ausgefüllt. Insbesondere jene Frauen, welche mit dem Umgang mit Behörden nicht vertraut sind, Frauen aus nicht-deutschensprachigen Kulturkreisen, sowie Frauen, welche wenig persönliche und soziale Ressourcen besitzen, sind nach Aussage der Interviewten auf „klare Angaben“ (B 1, Abs. 79), praktische Unterstützung und zum Teil auf Begleitung angewiesen. Strukturierung ist für diese nicht ausreichend, sie benötigen darüber hinaus einen Beistand auf dem Weg.

• Als problematisch eingeschätzte Anliegen von Klientinnen

Drei Beraterinnen berichteten auch von Anliegen einzelner Frauen, welche sie als „nicht ganz sooo realistisch“ (B 5, Abs. 47) einschätzen und abweisen. Eine der Befragten erzählte von Frauen in ihrer Beratung, welche wünschten, dass sie an ihrer statt handle und dafür sorge, dass der Mann nun dauerhaft die Wohnung verlasse. Ihrer Interpretation nach wollen sie selbst diesbezüglich nicht aktiv werden, weil sie vermeiden wollen, dass sie vom Mann und der Familie Vorwürfe erhalten. Eine andere Beraterin berichtete von einem Beratungsverlauf, in dem die Klientin wiederholt die Beraterin dazu aufforderte, ihr gezielte Informationen über ihren Mann zu beschaffen. Sie hatte den Verdacht, dass ihr Mann seit mehreren Jahren ein Verhältnis und ein Kind mit der Nachbarin habe und wünschte sich Klarheit darüber. Ein Anliegen, welches von der Beraterin zurückgewiesen wurde. Eine Klientin einer weiteren Befragten wünschte sich von ihr einen „Freifahrtschein“ (B 2, Abs. 117) für eine Urlaubsreise während des Platzverweises, bei der sie ihr Kind bei einer Freundin lassen wollte. Die Beraterin verweigerte dieser Klientin eine Aussage zu ihrem Vorhaben und verwies sie diesbezüglich an Jugendamt und Rechtsanwaltschaft. Wie sie erklärte, erschienen ihr die Urlaubspläne der Frau zum Zeitpunkt des Platzverweises der von ihr angenommenen Bedürfnislage des Kindes als nicht angemessen. Sie verweigerte der Frau das von ihr erwünschte „Okay, weil ich persönlich es überhaupt nicht okay fand“ (B 2, Abs. 121), vermied aber eine Problematisierung des Interessenkonflikts. Diese drei Fallbeispiele zeugen von Erwartungen, welche mit den allgemeinen Zielen von Beratung wenig zu tun haben. Beratung will Menschen dabei unterstützen, problematische Lebensaspekte durch die Vermittlung von Wissen und Kompetenzen selbst zu meistern (vgl.: Sickendiek u. a. 2002: 13). Der Beschreibung der drei Beraterinnen entsprechend war es ihnen in den beschriebenen Beratungssituationen nicht möglich, anstelle der unpassenden Erwartungen der Klientinnen etwas anderes anzubieten. Auf einen anderen Fokus im Beratungsgespräch wollten sich diese Frauen nicht einlassen.

 
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