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5.3.3.5 Erwartungen der Beraterinnen an ihre Klientinnen

Die Antworten auf die Frage, welche Erwartungen die Beraterinnen selbst an ihre Klientinnen richten, fielen knapp, aber auch sehr unterschiedlich aus. Sie reichten von einer Verneinung bestehender Erwartungen überhaupt bis hin zu der Erwartung, die Frauen mögen einen Weg zu einer Veränderung ihrer Lebenssituation beschreiten. Eine Befragte erläuterte:

„Nichts. Ich erwarte, dass sie die Termine wahrnehmen, sonst gar nichts. Sie müssen für mich nichts tun, und die meisten Frauen sind aber auch offen und kooperativ, ich geh selten mit dem Gefühl raus, na das war aber jetzt nichts, gar nichts. Aber ich glaub nicht, dass es mein Job ist, Erwartungen zu haben.“ (B 5, Abs. 83)

Diese Befragte lehnte die Berechtigung dieser Frage quasi ab. In ihrer Tätigkeit als Beraterin gehört es ihres Erachtens nicht zu ihrer Aufgabe, Erwartungen an die Klientin zu richten, welche über die Einhaltung von Terminen hinausgehen. Dies scheint ihr auch nicht nötig, denn ihre Klientinnen erscheinen „offen und kooperativ“ in dem Sinn, dass sie sich auf Beratung einlassen. Dass sie erwartet, oder besser hofft, dass Frauen die in der Beratung getroffenen Absprachen in Bezug auf das Wohl der Kinder einhalten, wird an anderer Stelle des Interviews deutlich: Die Mitbetroffenheit von Kindern scheint die Freiheit, welche sie Frauen grundsätzlich einräumen will, einzuschränken. Für sie, die Beraterin, müssensie „nichts tun“, wohl aber für ihre Kinder, für deren Schutz und Wohlergehen sie Verantwortung tragen. Dieses Motiv „Schutz der Kinder“ wurde auch bei einer anderen Befragten hörbar:

„Da komm ich jetzt erst drauf, nachdem du mich jetzt fragst, (lacht) dass sie sich mit ihrer Situation auseinandersetzen, das erwarte ich schon. Und dass, wenn Kinder betroffen sind, auch gucken, dass sich was verändert. Das erwarte ich, ich erwarte schon, dass sich was verändert, ich erwarte –ja, dass sie mit offenen Augen ihre Situation sehen. Erwarte ich schon – und sich auch drum kümmern, dass sich was ändert...“ (B 2, Abs. 168)

Hier kommt erneut das Vorstellungsbild zum Ausdruck, nach dem gewaltbetroffene Frauen dazu neigen, ihre Augen in Hinblick auf die Gewaltproblematik verschließen zu wollen. Speziell von Müttern – anschließend scheint sie die Erwartung auch auf Frauen ohne Kinder zu erweitern – erwartet sie eine Veränderung ihres gewaltvollen Lebens. Der Auseinandersetzung soll ein Handeln folgen. Sie erwartet, dass sie sich selbst für ein zukünftiges Leben ohne Gewalt einsetzen. Eine dritte Beraterin bezog die Frage zunächst auf sich als Beraterin selbst:

„(amüsiert:) Beratung soll natürlich erfolgreich sein. Keine Platzverweise mehr und keine Anrufe bei der Polizei. (ernst:) Ja also da könnte man tiefsinnig drauf eingehen. Aber welche Erwartungen hab ich? Ja ganz vereinfacht ausgedrückt: dass die Frauen was mitnehmen. Sei es Information, sei es gewisse Handlungsstrategien, die sie in ihrem Alltag gebrauchen können, (...) dass die Frauen das auch annehmen, in jedem Fall.“ (B 4, Abs. 100-102)

Der größte Erfolg von Beratung ist für sie dann gegeben, wenn es zu keinen so schweren Gewaltvorfällen mehr kommt, die polizeiliche Interventionen notwendig machen. Die heitere Aussprache kann als Zeichen dafür interpretiert werden, dass sie dieses Ziel selbst als eine Idealvorstellung begreift. Sie scheint zu bezweifeln, ob ihre Handlungsmöglichkeiten und ihr Einfluss ausreichen, um dieses Ziel zu erreichen. So fordert sie von sich, dass sie der einzelnen Klientin die für sie brauchbaren Informationen und Handlungsstrategien mitgeben kann, und von der Klientin, dass sie diese auch annimmt. ‚Annehmen' lässt sich als die Bestätigung der Richtigkeit und Nützlichkeit der Informationen und Handlungsstrategien interpretieren. Annehmen bedeutet auch, dass die Frau versucht, diese anzuwenden um so eine Verbesserung ihres Alltags zu erzielen.

 
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