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5.3.4 Professionelles Handeln in der Opferberatung

Dieses Unterkapitel widmet sich der professionellen Handlungspraxis der Opferberatung. Zuerst werden die Ansprüche der Beraterinnen an ihr eigenes Handeln beschrieben. Diese sind von besonderem Interesse, weil davon ausgegangen wird, dass die Anforderungen, welche sie sich selbst stellen, ihre Beratungsarbeit prägen. Im Abschnitt „Inhalte“ werden die Themen beschrieben, welche typischerweise in der Erstberatung zur Sprache kommen. Darauf folgend werden jene Methoden erläutert, welche die Befragten in den Interviews als wesentlich für diese spezifische Beratungsarbeit herausstellten. Diese drei ersten Themenkomplexe sind eng miteinander verbunden und lassen sich nicht immer trennscharf darstellen. Abschließend wird der Fokus auf die als schwierig betrachteten Fälle sowie auf stark gebundene Frauen gerichtet. Die Besonderheiten im professionellen Handeln mit diesen Fallgruppen werden erörtert.

5.3.4.1 Ansprüche der Beraterinnen an das eigene Handeln

In ihren Ausführungen der Beraterinnen zu ihren Ansprüchen wird deutlich, dass sie alles in allem den Anspruch an sich richten, durch ihre Beratung einen Beitrag zur langfristigen Beendigung häuslicher Gewalt zu leisten. Dieses Ziel umfasst für sie mehrere Anforderungen:

• Bedarfe rasch erkennen

„Der Anspruch ist HOCH, man muss einfach ein guter Diagnostiker sein, um schnell festzustellen, um was geht ´s denn, was braucht denn diese Frau, denn die wenigsten benennen genau was sie brauchen.“ (B 5, Abs. 79)

Verdeutlicht wird hier der Anspruch, rasch den Unterstützungsbedarf der einzelnen Frau zu erkennen. Hier sieht sie ihre Interpretationskompetenz gefordert, weil nur wenige Frauen ihrer Erfahrung entsprechend ihren Bedarf eindeutig benennen. Diese Beschreibung weist auf die Einschätzung der Interviewten hin, dass die Mehrheit der Frauen zu diesem Zeitpunkt noch keine Lösungen und damit auch keine Vorstellungen, wie diese zu erreichen sind, in die Beratung mitbringen. Die Eile, in der eine Diagnose des Bedarfs geschehen muss, liegt entsprechend ihrer weiteren Ausführungen in der möglichen Gefährdung, in der eine Frau lebt, und in der kurzen Dauer polizeilicher Schutzmaßnahmen begründet. Erkennbar wird, wie sehr potentielle Gefährdungen von Frauen das Handeln der Beraterin prägen. Der Bedarfsanalyse müssen „schnelle Schritte“ (B 5, Abs.

79) folgen.

• Gefährdungen erkennen und zum Schutz beitragen

Der Anspruch, Gefährdungslagen der Frauen zu erkennen, ist ein zentrales Motiv in den Interviews aller fünf Beraterinnen. Eine hebt diesen Aspekt besonders hervor. Im Polizeirevier ihres Zuständigkeitsbereiches wurde eine Frau durch ihren Partner während des Platzverweises getötet. Sie hatte kurz zuvor zu dieser Frau telefonisch Kontakt aufgenommen und ihr Beratung angeboten, welches diese jedoch ablehnte. Dieses Erlebnis war für sie belastend. „Noch schlimmer“ (B 3, Abs. 96) wäre es für sie ihrer Erzählung entsprechend dann gewesen, wenn sie die Frau gekannt hätte – wenn die Beratung also zustande gekommen wäre. Sie hätte dann die Erfahrung gemacht, die Tötung nicht verhindern zu haben. Ihren Anspruch diesbezüglich beschrieb sie wie folgt:

„...dass ich die Gefahrenlage wahrnehme, dass ich die Bedrohung wahrnehme und entsprechend handle. Manchmal ist ja die Gefährdung auch greifbar, spürbar, und dass ich da hilfreich sein kann, was den unmittelbaren Schutz der Frau anbelangt, ja. Also das macht mir schon auch manchmal Druck, wenn ich merke, da ist im Grunde genommen Lebensgefahr. Also da krieg ich schon manchmal schon eigene Ängste, (...) grad mit diesem Migrationshintergrund, da ist manches – ich denk, schon ziemlich gefährlich, mit diesen Ehrenmorden und diesen Geschichten.“ (B 3, Abs. 94)

Dieses Zitat vermittelt den Anspruch der Beraterin, zum Schutz der Frau zu handeln. Manche Gefährdungen treten in der Beratung offensichtlich zutage. Sie kann sie „spüren“, das heißt, sie gehen ihr unter die Haut. Es klingt in diesem Zitat indirekt auch die Sorge an, dass Gefährdungslagen möglicherweise nicht eindeutig für sie erkennbar werden und das Risiko besteht, dass sie eine unzureichende Gefahreneinschätzung trifft. Ihre Angst, insbesondere um jene Frauen, welche ihr lebensbedrohlich gefährdet scheinen, kann als Ausdruck dafür interpretiert werden, dass sie ihr Handeln wider die Gewalt als begrenzt einschätzt. Ihre Bemühungen zur Stärkung des Schutzes bleiben erfolglos, wenn Täter zum Äußersten entschlossen sind.

Der Anspruch, in der Opferberatung Gefährdungen zu erkennen und abzuwehren, unterliegt nach Einschätzung der Beraterinnen einem Zeitdruck. Dies verdeutlicht das Vorstellungsbild, dass sie in der Regel davon ausgehen, dass sich Gewalt nach Ablauf des Platzverweises früher oder später fortsetzen wird. Allein die Maßnahme Platzverweis wird diesem Bild entsprechend den Mann in der Regel nicht zum Gewaltverzicht bewegen können. Die Frau ist gezwungen, selbst Vorkehrungen zu treffen, will sie ihren Schutz verbessern. Die ihrer Einschätzung dafür erforderlichen Schritte, die eine Frau zu unternehmen hat, setzen jedoch voraus, dass die Frau die Prognose der Beraterin über die Gefährdung sowie deren Auffassung der Notwendigkeit einer Abwendung der Gefahr teilt. Der Druck, rasch der Gefährdung entgegenzuhandeln, steht aber wiederum im Konflikt mit der Zeit, welche Frauen ihres Erachtens oft brauchen, um ihre Lebenssituation und ihre Partnerschaft zu reflektieren, um Veränderungen vorstellbar werden zu lassen und Entscheidungen zu treffen. Dieses Dilemma drückt eine Beraterin folgendermaßen aus:

„...den Zeitdruck irgendwie umsetzen in schnelle Schritte und dann aber doch, weil das psychologisch gesehen ein Käse ist, Druck zu machen, wieder die Bremse zu ziehen und zu sagen: okay, aber hier stehen Sie, es braucht alles Zeit.“ (B 5, Abs. 79)

Es ist ihres Erachtens unsinnig, Frauen zu gewissen Schritten zu drängen, die sie selbst für deren Schutz als sinnvoll erachten würde, wenn sich Frauen unsicher sind, ob diese für sie richtig sind. Prozesse der Auseinandersetzung mit der Partnerschaft und der Gewaltproblematik – als Grundlage zum Treffen von Entscheidungen – sind noch nicht abgeschlossen und brauchen ihre „Zeit“. Sie lassen sich nicht beschleunigen. Die Beraterin muss zwar über die Möglichkeit des lückenlosen Schutzes der Interventionskette qua Auftrag informieren; gleichzeitig erachtet sie es in diesen Fällen aber als notwendig, wieder „die Bremse zu ziehen“. Die Beraterin bringt hier eine Mahnung an sich selbst zum Ausdruck: Auch wenn die Interventionskette ihres Erachtens ein Erfolg versprechender Weg zur Beendigung häuslicher Gewalt ist, darf sie sich nicht dazu verleiten lassen, die „schnellen Schritte“, die zur Verwirklichung dieser Idee notwendig wären, gegenüber den Frauen zu forcieren. Dies weist auf das Vorstellungsbild hin, dass die Interventionskette nur für die Frauen ein gehbarer Weg zur Gewaltbeendigung ist, welche sich innerlich bereits vom Partner gelöst haben und bereit sind, zu ihrem Schutz gerichtliche Verfahren einzuleiten. Bei noch gebundenen Frauen sind ihres Erachtens diese Voraussetzungen nicht gegeben. Sie muss zu dem Ausgangspunkt zurückkehren, an dem die Frau „steht“, an den Ausgangspunkt ihrer Fragen, ihrer Wünsche und Möglichkeiten.

• Vielseitig helfen

„Ich fänd ´s immer am besten, ich wäre Psychologin, Sozialarbeiterin und Rechtsanwältin in einem.“ (B 5, Abs. 79)

Dieses kurze Zitat, welches stellvertretend für viele Aussagen der interviewten Beraterinnen steht, verdeutlicht die Einschätzung, dass für die Beratung gewaltbetroffener Frauen vielfältige Kompetenzen notwendig sind. Es ist ein breites Grundwissen aus mehreren Disziplinen gefordert, welches über die erworbenen beruflichen Qualifikationen hinausgehen kann. Opferberatung erfordert sowohl die Kompetenz, psychologische, soziale und lebenspraktische Hilfen anbieten als auch rechtliche Informationen leisten zu können. Während von den Beraterinnen hinsichtlich der Anforderungen an das eigene professionelle Handeln im Rahmen der Sozialen Arbeit bzw. der Psychologie weitgehend Zufriedenheit geäußert wird, stellt der rechtliche Bereich für sie oftmals eine große Herausforderung dar. Auch hier erwarten sie von sich, erste rechtliche Informationen kompetent vermitteln zu können. Sie erfahren aber immer wieder von besonderen Lebenskonstellationen von Frauen, bei denen ihre Rechtskenntnisse nicht mehr ausreichen, und sie das Gefühl haben, „ins Schwimmen“ (B 4, Abs. 104) zu geraten. Detailwissen wäre erforderlich über das sie nicht verfügen. Dies betrifft ihrer Aussage entsprechend insbesondere die Bereiche Arbeitsrecht, Ausländerrecht, Familienrecht und Sozialrecht. Bereiche, welche insbesondere dann relevant werden, wenn eine Frau eine Trennung vom Partner erwägt.

„Das macht mir am meisten Druck, also auf meinem Psychosektor fühl ich mich einfach sicher, und wenn ´s um schreckliche Gesetze und Paragraphen geht, da komm ich immer ganzins Schleudern und denk jetzt irgendwie sofort ruf ich die Kollegin an, und das Internet hilft mir schon auch häufig bei juristischen Fragen, aber ich verweise die Frauen auch an einen Rechtsanwalt.“ (B 5, Abs. 79)

Recht und Gesetz sind entsprechend dieser Selbsteinschätzung nicht das Metier der Befragten. Ein unvollständiges Wissen um die rechtliche Situation einer Frau macht ihr „Druck“ und sie versucht rasch, auftauchende Kenntnislücken zu füllen oder adäquat weiterzuvermitteln. Druck wird auch durch die kurze Dauer des Schutzes durch den Platzverweis erzeugt. Es steht ihnen innerhalb dieser Frist wenig Zeit zur Verfügung, sich rechtliche Informationen zu beschaffen und auf deren Grundlage eine Frau angemessen zu beraten. Will eine Frau während des Platzverweises prüfen, ob eine Trennung eine Option für sie darstellt, muss sie vorab wissen, welche Konsequenzen für ihr Leben damit verbunden sind. Auf welcher materiellen Grundlage kann sie ihr Leben aufbauen? Welche Ansprüche kann sie geltend machen? Vor welchen Anforderungen hinsichtlich einer eigenen Erwerbstätigkeit steht sie, wenn sie aktuell nicht oder nur halbtags berufstätig ist? Wie sieht die Rechtsgrundlage für Frauen aus, welche schwer erkrankt sind oder ein solches Kind zu betreuen haben? Welche Auswirkung hat eine Trennung auf den Aufenthaltsstatus, wenn es sich bei der Frau um eine Migrantin handelt? Die Beraterinnen stellen den Anspruch an sich, den Frauen auf solche Fragen angemessene Antworten zu geben bzw. zugänglich zu machen.

Eine andere Interviewte beschrieb ihren Anspruch, der Frau sämtliche Informationen, welche ihres Erachtens für eine Frau relevant sein könnten, anzusprechen und aufzuzeigen:

„...dann möchte ich natürlich ihr so viele Möglichkeiten, wie's nur geht, eröffnen. Ich möchte nicht irgendwas vergessen, ich möchte nicht irgendwas an Infos unterschlagen, oder weißt du oder so aus Unwissenheit sie nicht zu informieren, das wäre für mich ganz schlimm.“ (B 2, Abs. 170)

Hier wird die Befürchtung hörbar, dass eine Frau aufgrund einer lückenhaften Informationsbasis bestimmte für sie entlastende rechtliche, finanzielle oder auch soziale Möglichkeiten nicht in Erwägung zieht und letztendlich dadurch gegebenenfalls eine falsche Entscheidung hinsichtlich der Frage des Bleibens oder Gehens treffen könnte. Das Zitat verdeutlicht, in welch hoher Verantwortung sich die Befragte sieht. Sie läuft Gefahr sich schuldig zu fühlen, wenn Frauen von ihr nicht ausreichend informiert werden und sich entscheiden, in der Gewaltbeziehung zu bleiben, weil sie ihnen ihre Möglichkeiten nicht umfassend erläutern konnte. Zur Sprache kommt die Vorstellung der Interviewten, dass Frauen die Frage des Bleibens oder Gehens sehr stark in Abhängigkeit ihrer Möglichkeiten einer zukünftigen Lebensgestaltung beantworten. Und hier schreibt sie sich als Beraterin eine wesentliche Bedeutung zu: Die Qualität ihrer Arbeit hat ihrer Konstruktion entsprechend einen großen Einfluss auf die Frage des Bleibens oder Gehens.

• „einen kleinen Stachel setzen“ (B 1, Abs. 147)

Mit einer ausführlichen Information verbindet eine der Befragten mehr als ausschließlich die Aufklärung, welche eine Klientin in die Lage versetzen soll, Entscheidungen zu treffen. Als ihren Anspruch gegenüber jenen Frauen, welche ihrer Einschätzung nach „noch nicht so weit sind“ (B 1, Abs. 149), sich aus einer gewalttätigen Beziehung zu lösen, beschrieb sie...

„...zumindest mal so einen kleinen Stachel rein zu setzen, also dass sie es schafft und also – dass ich ´s hin krieg, dass die Frau merkt das ist ihre Entscheidung, SIE kann AKtiv was machen, sie ist nicht bloß hilfloses Opfer, das gar nichts tun kann, sondern dass es IHRE Entscheidung ist, dass sie die Möglichkeit HÄTTE, wenn sie wollte.“ (B 1, Abs. 147)

Hier wird eine Ambition beschrieben, den Frauen unmissverständlich zu verdeutlichen, dass sie handlungsfähig sind wenn sie dies sein wollen – und zwar mit Erfolg: Sie kann Gewalt überwinden. Eine als „hilfloses Opfer“ in einer ausweglosen Situation wahrgenommene Selbstkonstruktion erkennt sie nicht an. Sie will das Gegenteil vermitteln und von ihrer eigenen Konstruktion der prinzipiellen Handlungsfähigkeit gewaltbetroffener Frauen überzeugen. Im Anschluss an diese Textpassage verdeutlicht sie ihre eigene Einschätzung, dass sie in der Erstberatung gebundener Frauen in der Regel damit nicht erfolgreich sein wird. Die Konfrontation mit ihrer Auffassung: Es-geht-wenn-du-willst, ist die Mahnung, die über die Erstberatung hinaus wirken soll. Ein gewaltfreies Leben ist dieser Auffassung entsprechend grundsätzlich herstellbar. Gewaltfreiheit wird in diesem Vorstellungsbild zu einer Frage des Willens der Frau.

 
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