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5.3.4.3 Zentrale Handlungsformen in der Opferberatung

In sozialpädagogischen Beratungen kommt eine Vielzahl an Handlungsformen zum Tragen, welche in der Literatur umfassend beschrieben werden (vgl. z. B.: Schneider 2006; Nestmann; Engel; Sickendiek Bd. 1 und 2 2004). Auch kamen in den vorangegangenen Abschnitten bereits Handlungsformen zur Sprache und weitere werden in den nachfolgenden beschrieben. Das Anliegen dieses Abschnitts ist nicht Vollständigkeit, sondern die Beschreibung jener zentralen Handlungsformen, welche die Befragten als bedeutungsvoll herausstellten.

• Aufklären

Das große Spektrum der Aufklärung, welches in den Interviews beschrieben wird, lässt sich in mehrere Teilbereiche untergliedern. In Abhängigkeit des Kenntnisstandes der Frauen fallen Informationen mehr oder weniger umfangreich aus. Er betrifft erstens das Platzverweisverfahren an sich. Erörtert werden das Verfahren, das Strafverfahren sowie die Rechte und Pflichten der Frauen im Rahmen dieser Maßnahme. Der zweite konzeptionell verankerte Bereich der Aufklärung ist der der Handlungsmöglichkeiten, die eine Frau ergreifen kann, um mögliche Gefährdungen abzuwenden und sich und ihre Kinder zu schützen. Beleuchtet wird drittens die Situation im Falle von Trennungserwägungen. Hier werden die Themen Ablauf einer Scheidung, Sorgeund Umgangsrecht für gemeinsame Kinder und bei Migrantinnen eventuell der Aufenthaltsstatus aufgegriffen. Frauen werden bei Bedarf über die Unterhaltsverpflichtung des Mannes aufgeklärt und erfahren im Falle einer prekären finanziellen Lebenssituation der Familie die Möglichkeiten der unterschiedlichen staatlichen finanziellen Hilfen. Zusätzlich können soziale Aspekte beleuchtet werden: Was kann eine Frau tun, um neue soziale Kontakte nach einer Trennung zu finden, welche Betreuungsmöglichkeiten gibt es für ihre Kinder, wenn der Mann oder die Familie des Mannes dafür nicht mehr zur Verfügung stehen und ähnliches.

Einige Beraterinnen berichteten von ihrer Erfahrung, dass Frauen nicht selten in die Beratung kommen und die Möglichkeit der Trennung von vornherein zurückweisen. Sie äußern ihre Überzeugung, sich gar nicht trennen zu können, weil sie beispielsweise keine materielle Grundlage haben, die ihnen ein eigenständiges Leben ermöglichen würde, oder weil der Partner androht, ihr die Kinder zu entziehen. Die Beraterinnen wollen hier Fehlinformationen der Frauen korrigieren und Wissen über die Rechtssituation und über potentielle Unterstützung vermitteln. Der Möglichkeit, dass sich Frauen aus einem Gefühl des Ausgeliefert-Seins aufgrund einer Unkenntnis ihrer Rechtssituation für die Fortsetzung der Partnerschaft entscheiden, wollen sie entschieden entgegentreten. Es werden jedoch hinter einer solchen negierenden Haltung in Bezug auf Trennung nicht nur Fehlinformationen oder Wissenslücken vermutet, sondern auch „Angst“ und „Verunsicherung“ vor einem Leben auf sich allein gestellt:

„Und sich zu trennen ist glaube ich einfach sehr behaftet mit Angst. Wie geht ´s mir dann, also wenn ich mit ihm – also dem schlagenden Täter – noch zusammen bin, dann weiß ich was ich habe, aber wenn ich mich trenne, dann weiß ich ja gar nicht was auf mich zukommt. Also so eine Verunsicherung einfach und das macht Angst. Und in der Beratung ist es wich-

tig erst mal aufzuklären was denn sein KANN, welche Möglichkeiten sie hat, dass sie nicht

– ja dass diese Angst so ein bisschen weggeht. Wenn mir was bekannt ist oder wenn ich von irgendwas schon mal was gehört habe, dann kann ich mich damit gedanklich auseinandersetzen. Deshalb funktioniert dieser Platzverweis oder die Trennung oder wie auch immer nicht beim ersten Mal – KANN nicht funktionieren, weil ich mich mental erst mit etwas anderem auseinandersetzen muss.“ (B 2, Abs. 79)

Hinter dieser Ausführung steht das Vorstellungsbild gewaltbetroffener Frauen, welche vor einer unbekannten Lebenssituation außerhalb der Partnerschaft zurückschrecken und dem Bleiben den Vorzug geben. Der Gedanke an eine Trennung ängstigt, weil sie nicht wissen, welche Anforderungen eine Lebenssituation ohne den Partner an sie stellt. Die Fortsetzung der Beziehung zum Partner scheint weit weniger furchteinflößend, weil vertraut. Das Bild, das an dieser Stelle beschrieben wird, ist das einer Frau, die weder über Zutrauen in eigene Kompetenzen und Entwicklungspotentiale verfügt noch Hilfe von außen erwartet. Diese Konstruktion als Ausgangspunkt lässt in den Augen der Befragten einen Bedarf aufscheinen: Sie erachtet es als notwendig, die Frau über die Möglichkeiten aufzuklären, wie ein Leben als alleinstehende Frau gestaltet und gelebt werden kann. Sie hat die Vorstellung, dass das vermittelte Wissen ihre Angst mindern könne und dadurch eine gedankliche Beschäftigung mit der Option Trennung möglich würde. Diesen Prozess der Auseinandersetzung erachtet sie generell als Voraussetzung für eine Trennung, und sie bringt ihre Auffassung zum Ausdruck, dass dieser Prozess keinesfalls rasch vonstatten geht – schon gar nicht während eines ersten Platzverweises. Interessant ist zudem die dieser Passage zugrunde liegende Vorstellung, die Frau habe sich in der Vergangenheit noch nicht mit der Option Trennung in ihren konkreten Auswirkungen auseinandergesetzt.

• Sicherheit fördern

Welche Handlungsformen ergreifen die Beraterinnen, um ihren Auftrag und Anspruch, die Sicherheit der Frauen zu stärken, umzusetzen? Die Erstellung eines persönlichen Sicherheitsplans für den Fall, dass eine Frau erneut durch den Partner bedroht wird oder durch ihn Gewalt erleidet ist ein erster, auch konzeptionell festgeschriebener Handlungsansatz. Die Klientinnen werden den Beschreibungen der Expertinnen zufolge nach ihrem eigenen Erleben von Gefährdung gefragt. Einschätzungen der Frauen, wenig gefährdet zu sein, werden dabei regelmäßig kritisch hinterfragt. Ihren Darstellungen zufolge gehen sie oft von einer aktuellen Gefährdung aus – auch dann, wenn eine Frau artikuliert, sich durch den Platzverweis relativ sicher zu fühlen und an das Versprechen des Mannes glaubt, sich zukünftig gewaltfrei zu verhalten. Lieber lassen sie sich positiv überraschen als dass sie eine potentielle Gefährdung unberücksichtigt lassen.

Eine Befragte beschrieb, mit der Frau Wege zu suchen, damit diese in einer erneuten Gefährdungssituation zumindest eine „minimale Sicherheit“ (B 5, Abs. 81) hat. Im Ausdruck der minimalen Sicherheit liegt ein gewisses Paradox: es liegt nicht in ihrer Macht, Sicherheit zuverlässig herzustellen. Sie arbeitet in dem Bewusstsein, dass Gewalt im schlimmsten Fall trotz rechtlicher und persönlicher Schutzmaßnahmen nicht zu verhindern ist. Es können jedoch kleine Vorkehrungen getroffen werden, um im Ernstfall mit ein wenig Glück das Schlimmste zu verhindern. Ein weiterer Ansatz stellt die Prüfung dar, ob die getroffenen polizeilichen Maßnahmen zum Schutz der Frau ausreichen – dies insbesondere in jenen Fällen, wo kein Platzverweis ausgesprochen wurde. Die Befragten berichteten von einigen Fällen, in denen es ihnen möglich war, nachträglich einen Platzverweis zu erwirken:

„Das hab ich glaub ich in letzter Zeit zweimal gehabt, da mussten wir dann noch mal die Polizei anrufen und ich denk, da war ´s auch gut, dass es MICH gab, da habe ich die Polizei noch mal angerufen, wieso es da keinen Platzverweis gibt, weil es da erforderlich war. Meiner Meinung nach. Und die haben den dann im Nachhinein gekriegt, ich denk dann auch weil es die Opferberatung gibt.“ (B 3, Abs. 3)

In diesem Zitat wird die Erfahrung der Beraterin deutlich, dass es wichtig ist, in der Beratung ein großes Augenmerk auf das Erkennen von Gefährdungen zu legen und die getroffenen polizeilichen Maßnahmen hinsichtlich ihrer Angemessenheit einzuschätzen. Ihre Erkenntnisse aus der Beratung über die Gefährdung einer Frau können zu einer von der Polizei abweichenden Gefahrenprognose führen. Ihre fachliche Begründung ihrer Gefährdungsanalyse gegenüber der Polizei kann den polizeilichen Schutz für Frauen stärken.

• Entlasten

Unter den Aspekt der Entlastung wird neben der Niedrigschwelligkeit der proaktiven Kontaktaufnahme der bereits erläuterte ‚offene Erzählraum' gefasst. Ein zweiter Aspekt betrifft die Entlastung von Schuldgefühlen. Eine klare Positionierung, dass Gewalt nicht sein darf, unabhängig davon, was im Vorfeld der Gewalt an Konflikten vorgelegen hat und dass es richtig ist, wenn eine Frau die Polizei zu Hilfe ruft, wird als ein „richtig erleichterndes Moment“ (B 5, Abs. 47) für viele Frauen wahrgenommen. Eine dritte Form der Entlastung stellen den Beschreibungen zufolge die vielen praktischen Hilfestellungen dar, welche die Beraterinnen den Klientinnen anbieten. So werden beispielsweise Anträge gemeinsam ausgefüllt, in eine Kur vermittelt oder Unterstützung bei der Alltagsbewältigung und Kindererziehung organisiert. Entlastung beschrieb eine Beraterin zwar als ein notwendiges Element in der Opferberatung, sie ist ihres Erachtens jedoch nur eingeschränkt möglich:

„Also ich glaube schon, dass die Beratungssituation zwar auch diesen entlastenden Charakter hat und haben muss, aber gleichzeitig stehen die Frauen natürlich immer auch vor enormen Anforderungen, auch in dieser Akutsituation, ja – das heißt ich muss sie auch konfrontieren, ich muss auch Anforderungen an sie stellen im Prinzip ja, oder sie stellt sie letztendlich selber, sie STEHT letztendlich vor Anforderungen.“ (B 4, Abs. 57)

In ihrem Vorstellungsbild von der Lebenssituation gewaltbetroffener Frauen in der Akutsituation eines Platzverweises stehen diese vor „enormen Anforderungen“. Gewalterleiden stellt ihrer Deutung entsprechend eine Frau zwangsläufig vor die Notwendigkeit, zu ihrem eigenen Schutz und dem der Kinder zu handeln. Trotz der aktuell schmerzhaften und schwächenden Auswirkungen des zurückliegenden Gewaltvorfalls haben sie das ihnen Mögliche zu tun, um weitere Gewalt zu verhindern. Es wäre in ihrer Vorstellung von ihr als Beraterin geradezu unverantwortlich, wenn sie diese Anforderung ausblenden und ausschließlich entlastend und schonend arbeiten würde. Ihrer Konstruktion entsprechend stehen gewaltbetroffene Frauen in der Verantwortung für ihr zukünftiges Wohlergehen.

• Konfrontieren

Konfrontieren als Beratungsmethode dient nach Sickendiek u. a. der „Verhinderung von Vermeidungsverhalten durch eine klare Gegenüberstellung mit den Problemen“ (vgl.: Sickendiek u. a. 2002: 142). Im Interview einer der Befragten wird deren Bestreben deutlich, dass Klientinnen die Problematik der häuslichen Gewalt weder unterschätzen noch verharmlosen. Das Vermeidungsverhalten, welches sie in der Opferberatung abwehren will, ist die Verleugnung oder Ausblendung einer zukünftigen potentiellen Gefährdung. Sie erläuterte:

„Ich bin viel aktiver [in der Opferberatung als in Beratungen der herkömmlichen Beratungsstelle, Anm. Verf.], ich bin viel direktiver ja, also nicht im Sinne von FORSCH fordernd aber durchaus Dinge benennen, klarstellen, auch mal unangenehme Dinge aussprechen und und und ja, also das schon. (...) Aber ich muss auch aushalten und das gehört auch zu meiner Aufgabe wenn die Frauen sich anders entscheiden. Aber dass Gewalt beendet wird, (...) das ist auch mein Ziel, und ich thematisier das auch, auch kritisch, wenn beispielsweise die Männer nicht bereit sind zur Täterberatung zu gehen, was das letztendlich auch aussagt, was das heißt. Da konfrontiere ich Frauen schon damit auch. (...) Das finde ich schon auch die Kunst und auch die Herausforderung in dieser Form an Beratung und bei dieser Arbeit, da so diese Mischung immer zu finden, zwischen Konfrontation und Entlastung. Zu wissen an welchem Punkt spreche ich's an und wie dosiert, in welcher Form.“ (B 4, Abs. 118-120)

Als ein direktives Handeln beschreibt die Befragte das Benennen, Klarstellen, Aussprechen von „Dingen“, welche sie selbst in Bezug auf die Gewaltproblematik innerhalb einer Partnerschaft als wahrscheinlich und realistisch erachtet. Sie spricht aus und stellt klar, dass von einem Mann, der nicht bereit ist eine Täterberatung aufzusuchen, an Veränderung nicht viel zu erwarten ist. Seine Ablehnung von Unterstützung „heißt“ – so lässt sich das Zitat weiter interpretieren –, dass er in der Anschauung der Befragten dem Gewalthandeln wenig Bedeutung beimisst, es möglicherweise bagatellisiert, und er nicht ernsthaft an einer Verhaltensänderung in Richtung Gewaltverzicht arbeitet. Es ist ihre Wirklichkeitskonstruktion, mit der sie die Klientin konfrontiert. Sie stellt sie der Realitätskonstruktion, welche die Klientin ihr in der Beratung präsentiert, entgegen. Dabei steht sie vor der Aufgabe, eine jeweils angemessene Form der Konfrontation zu finden; gering „dosiert“ wird sie eher milde, stark „dosiert“ eher provokant ausfallen. Konfrontation begründet die Beraterin mit ihrem Ziel, dass häusliche Gewalt ein Ende findet. Aushalten muss sie, wenn „Frauen sich anders entscheiden“, das heißt, wenn sie nicht den Weg der Trennung wählen, welchen sie in dieser Textpassage als am erfolgversprechendsten erachtet.

• Ressourcen aufzeigen

Diese Handlungsform in der Opferberatung dient dem Aufzeigen und Erarbeiten prinzipieller Handlungsspielräume. Gemeinsam mit der Klientin wird nach Alternativen zur bisherigen Lebensgestaltung gesucht, Ängste werden aufgegriffen und Zuversicht vermittelt. Eine Befragte berichtete von Frauen, welche sich die Frage stellen:

„WIE Kann Es Denn Gehen? Wenn ich meinen Mann verlasse dann bin ich ja ganz alleine. De facto ist das auch erst mal so, aber man muss dann überlegen in der Beratung, jaaa aber – ihr Kind ist im Kindergarten, da gibt ´s andere Mütter, es gibt andere Bereiche, Arbeit zum Beispiel, wo sie auch Leute kennenlernen, also so welche Möglichkeiten habe ich denn um aus dieser Familie rauszukommen? Es ist nämlich oft nicht nur der Mann, sondern es ist der ganze Clan, und auf was kann ich mich denn einlassen, was passiert dann mit mir? Und zu erkennen, ich bin ja doch nicht alleine, das ist wichtig. Also so ja – find ICH, Perspektiven eröffnen.“ (B 2, Abs. 81)

Stehen Ängste neuen Lebenswegen entgegen sucht die Interviewpartnerin mit der Frau nach potentiellen Ressourcen. Sie teilt die Deutung der Frauen, dass eine Trennung vom Mann für die Frau zuerst einmal eine Situation bedeutet, die mit Gefühlen des Alleinseins verbunden ist. Sie greift diese Befürchtung auf und fördert die Entwicklung von Phantasien, wie mit dieser Situation umgegangen werden könnte. Mit Hilfe der Erarbeitung von Perspektiven möchte sie Ängste mildern, ermutigen und die Handlungsfähigkeit und Selbstentfaltung der Frauen fördern.

 
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