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5.3.4.4 Zusammenfassung

Die Beschreibung der Inhalte und Handlungsformen der Opferberatung der Untersuchungsregion macht deutlich: Zentraler Interventionsschwerpunkt liegt in der Aufklärung der Klientin. Es gilt, der Frau ein umfassendes Wissen darüber zu vermitteln, welche Möglichkeiten sie einschlagen kann, um ein gewaltfreies Leben zu erreichen. Konfrontation dient dazu, Frauen die Notwendigkeit des Handelns vor Augen zu führen. Entlastende Interventionen sowie die Suche nach Ressourcen und Perspektiven sollen ermutigen und unterstützen.

Aufklärung über Schutzmöglichkeiten ist zum einen ein konzeptioneller Auftrag. Es spielt jedoch auch die Vorstellung der Beraterinnen über die Situation des Platzverweises als eine akute Krise für Frauen eine große Rolle für diese Schwerpunktsetzung. Der Einschnitt des Platzverweises wirft den Befragten zufolge zwangsläufig die Fragen auf, ob die Partnerschaft noch eine Zukunft hat, und was eine Frau künftig für ihre eigene Sicherheit und die der Kinder tun kann. Frauen können diesem Bild zufolge diesen Fragen nicht ausweichen. Mithilfe einer umfassenden Aufklärung wollen die Beraterinnen Frauen in dieser akuten Krise eine Orientierung bieten. Die Schwerpunktsetzung der Aufklärung bekräftigt aber auch die implizite Botschaft des Platzverweises, „dass es jetzt nicht mehr einfach soo jetzt halt irgendwie weitergeht.“ (B 4, Abs. 9). Hier zeigt sich ein normativer Anspruch, nachdem Frauen es nicht zulassen dürfen, fortwährend Opfer von Gewalt zu werden. Eine Botschaft, welche auf einer Konstruktion einer sich fortsetzenden häuslichen Gewalt basiert, wenn Frauen nicht aktiv zuwiderhandeln.

Die Beraterinnen vermittelten in ihren Ausführungen, dass sie das Klientel der Opferberatung im Allgemeinen als handlungsmächtig erachten. Sie informieren über die Schutzmaßnahmen des Gewaltschutzgesetzes in der Überzeugung, dass eine solche Antragstellung ergriffen werden kann – oft nicht sofort, aber zumindest nach einer gewissen Phase der Auseinandersetzung mit dieser Lebensalternative. Gerichtsverfahren zur Erwirkung einer Wohnungszuweisung oder eines Näherungsverbotes sind ohne einen vorangegangenen Trennungsentschluss von Seiten der Antragstellerin nur schwer vorstellbar. Die den Frauen zugesprochene Handlungsmächtigkeit bezieht sich daher auch auf die Auflösung der Partnerschaft. Frauen haben – den Worten einer Interviewten entsprechend – grundsätzlich die Wahl zu „sagen: ja und jetzt Schluss!“ (B 4, Abs. 63)

Es ist das Bild vom Platzverweis als eine große Chance für gewaltbetroffene Frauen, wenn nicht die Chance schlechthin, dem Leben eine Wendung in Richtung Gewaltfreiheit zu geben, welches die Interviewten zeichnen. Er schafft die Ausgangssituation, die Frauen benötigen, um eine Veränderung ihrer Partnerschaft und damit ihres Lebens bewerkstelligen zu können. Vor diesem Bild vom Platzverweis handeln die Beraterinnen. Ihr Bestreben ist, die Frauen zu ermutigen, diese Chance zu ergreifen. Noch nie standen die Karten so gut für sie und wer weiß, ob und wann jemals eine solche Chance wiederkehren wird.

Natürlich lassen sich in den Interviews der Beraterinnen auch Abweichungen von der Konstruktion prinzipieller Handlungsmächtigkeit gewaltbetroffener Frauen finden. Sie wiesen immer wieder auf Frauen hin, welche sie durch die Gewalt als traumatisiert oder stark psychisch geschwächt erlebten, dass sie an deren Handlungsmächtigkeit sehr zweifeln. Die Frage nach dem professionellen Handeln der Beraterinnen mit diesen Frauen wird im folgenden Abschnitt der schwierigen Beratungen erörtert.

 
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