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5.3.5 Schwierige Beratungen – Herausforderung an die Beratungspraxis

Die Beraterinnen wurden gefragt, welches Klientel sie in der Beratungsarbeit als besonders schwierig erleben und wie sie in diesen Fällen handeln. Hintergrund für diese Frage bildete die Vorannahme, dass in diesen Fällen auch andere Handlungsformen notwendig werden. Den Antworten zufolge handelt es sich hier um jene Frauen, bei denen die Beratung aus den unterschiedlichsten Gründen zu keiner oder nur zu einer unwesentlichen Verbesserung ihrer „Lebensqualität“ (B 4, Abs. 78) führt. Als Hindernisse dafür werden Alkoholproblematiken, eine hartnäckige Verweigerung von Eigeninitiative, die Paardynamik eines Machtkampfes sowie schwere psychische Beeinträchtigungen von Frauen aufgrund langwährender Gewalterfahrungen genannt. Im Folgenden werden diese vier als schwierig erachteten Gruppen sowie das professionelle Handeln der Beraterinnen in diesen Fällen erläutert:

5.3.5.1 Alkoholproblematiken

Alkoholproblematiken, welche nach Aussage der Interviewten die Beratung vor große Herausforderungen stellen können, zeigen sich in unterschiedlichen Konstellationen. Die Erzählungen umfassen Fallbeschreibungen, bei welchen eine Suchtproblematik der Frau, des Mannes oder beider Partner vorliegt. Alkoholismus auf Seiten der Frau wird in der Opferberatung in seiner ganzen Spannbreite an Erscheinungsmöglichkeiten erlebt. Die Beraterinnen berichteten von Schweregraden eines Alkoholproblems, bei denen Beratung noch möglich ist sowie von solchen, bei denen Beratung an ihre Grenzen stößt. Als schwierig gestalten sich die Beratungen dann, wenn Klientinnen zum vereinbarten Termin alkoholisiert erscheinen. Je nach Schweregrad der aktuellen Beeinträchtigung durch Alkohol wird ein Gespräch geführt oder ein neuer Termin vereinbart. Eine zweite Schwierigkeit besteht nach Aussage der Interviewten darin, dass Termine von Frauen mit Alkoholproblemen häufig nicht eingehalten werden. Auch hier liegt die Schwierigkeit in der Initiierung des Kontaktes bzw. in der Fortführung des Beratungsprozesses. Die Beraterinnen versuchen die Frau telefonisch zu erreichen, fragen, ob sie nach wie vor Beratung wünscht und vereinbaren – sofern dies bejaht wird – einen neuen Termin in den Vormittagsstunden und/oder als Hausbesuch. Die Intensität, in der die Alkoholproblematik in der Beratung thematisiert wird, gestaltet sich in Abhängigkeit der Bereitschaft der Klientinnen, über dieses Problem zu sprechen sowie der unterschiedlichen Qualifikationen der Expertinnen und des Kontextes ihrer Beratungseinrichtung unterschiedlich. Jene Expertin mit Erfahrungen in der Suchtberatung greift entsprechend ihrer Fallbeschreibungen die Alkoholproblematik umfassender auf als jene, in deren Einrichtung sich hierzu eine ausgewiesene Fachberatungsstelle befindet. Sie sorgt zeitnah für eine niedrigschwellige Weitervermittlung der Frau an die spezialisierten Kolleg/innen.

Eine andere Schwierigkeit ergibt sich einer Befragten entsprechend dann, wenn eine Abhängigkeit besteht, diese aber weder in der Beratung offensichtlich wird noch von der Betroffenen frühzeitig angesprochen wird. Die Beraterin berichtete von einer Klientin, bei der bereits mehrfach Platzverweise ausgesprochen waren. Sie erlebte den Kontakt zu ihr als „schwierig“, ohne eine Erklärung hierfür zu finden. Erst als sich die Suchtproblematik herauskristallisierte, wendete sich der Beratungsverlauf zum Positiven. Ihre Bilanz aus dieser Erfahrung lautete, dass eine verschwiegene Sucht dazu führt, dass Beratung nicht gelingt. Das Verstehen, die gemeinsame Auseinandersetzung mit der Problematik häuslicher Gewalt sowie die Suche nach Problemlösungen in der Beratung schlagen ihres Erachtens durch die Geheimhaltung der Sucht fehl. Eine Sucht der Frau prägen ihrer Erfahrung nach deren Beziehungssituation, deren Handlungsmöglichkeiten und deren Einlassen auf Beratung. Aus dieser Erfahrung heraus hat sie für sich den Entschluss gezogen, Klientinnen, bei denen sie eine eigene Alkoholabhängigkeit für möglich hält, direkt danach zu fragen. Die direktive Vorgehensweise erachtet sie als notwendig, da sie das Verschweigen der Alkoholproblematik der Klientin auf eine große Scham zurückführt, welche ihrer Konstruktion entsprechend durch die Gesellschaft genährt wird: Alkoholismus von Frauen wird durch die Umwelt als etwas „Verruchtes“ (B 2, Abs. 140) angesehen, etwas, in das Frauen qua Geschlecht nicht hineingeraten dürfen. Trinkende Frauen verlieren ihrem Erklärungsmusters zufolge jegliche soziale Anerkennung, wenn die Problematik offensichtlich zutage tritt. Aus diesem Verständnis heraus, erscheint es ihr unmöglich, dass Frauen von sich aus die Sucht zum Thema machen werden. Für diese ist auch die Beraterin erst mal ein Teil der sich abschätzig verhaltenden Umwelt. Sie erhofft durch ihre direkte Frage nach einer möglichen Alkoholabhängigkeit den Frauen zu signalisieren, dass Sucht in der Opferberatung grundsätzlich thematisiert werden darf, und sie keine Abwertung erfährt. Die Gefahr einer Überschreitung von Grenzen durch ihre Direktheit hielt sie für nicht gegeben. Selbst Frauen, bei denen sie mit ihrer Vermutung richtig liegen würde, hätten ihrer Aussage entsprechend immer die Möglichkeit, die Alkoholproblematik zu bestreiten oder ein Gespräch darüber abzulehnen.

Langwährende Gewalt gepaart mit einer Alkoholabhängigkeit beider Partner ist eine weitere Variante, die von den Befragten als besonders schwierig

erlebt wird. Ihrer Beschreibung entsprechend leben diese Paare durch die gemeinsame Abhängigkeit und den hohen Grad an sozialer Isolation in einer starken Bindung aneinander. Eine der Befragten verwendete zur Beschreibung ihres Bildes über das Leben dieser Paare die Metapher der „Glasglocke“ (B 2, Abs. 41). Wie lässt sich dieses Bild interpretieren? Das Paar unter der Glasglocke ist abgeschlossen von der Außenwelt, ihre Welt ist von außen einsichtig, die gläserne Wand gibt den Blick auf die Menschen und die Problematik für Außenstehende frei. Der Weg zu ihnen bleibt jedoch versperrt. Häusliche Gewalt in diesen Partnerschaften kann der Erfahrung mehrerer Befragter zufolge gegen die Frau oder auch gegenseitig ausgeübt werden. Sie scheint zur Normalität im Leben alkoholkranker Paare geworden zu sein:

„...wo ich oft schon gedacht hab, ja – das war dann schon der zweite oder das war dann auch der dritte Platzverweis, aber – die schaffen das nimmer dem Leben eine andere Wendung zu geben, noch mal sich das Leben anders vorzustellen, das ist dann schon so FEST im Erleben verankert, dass das halt dazugehört.“ (B 4, Abs. 17)

Dieses Zitat macht deutlich: Sowohl Polizei als auch Opferberatung können im Anschluss an einen Gewaltvorfall kurzzeitig Einblick in die Welt von Alkoholikerpaaren unter der Glasglocke haben. Die Abtrennung der Innenwelt von der Außenwelt wird dennoch nicht überwunden. Sowohl Platzverweis als auch Beratung – die Interventionen der Außenwelt – kann keine Veränderung anstoßen. Den beteiligten Partnern fehlt jegliche Vorstellung der Möglichkeit eines suchtund gewaltfreien Lebens. Die Interventionen der Außenwelt schaffen es nach dieser Konstruktion auch kaum, eine längerfristige, stabile Verbindung zwischen Außenwelt und der Welt des Paares aufzubauen. Frauen – so fährt die Beraterin im Interview fort – wollen die „Gemeinschaft“ (B 1, Abs. 25) mit dem Mann fortsetzen.

Bei der Mehrheit der Beraterinnen wird in ihren Ausführungen zu Alkoholproblematiken bei Frauen bzw. bei beiden Partnern die Auffassung hörbar, dass ohne eine primäre Behandlung der Sucht eine dauerhafte Beendigung häuslicher Gewalt nicht erreichbar ist. Hier scheinen Abhängigkeiten der Partner voneinander immens größer zu sein als bei Paaren ohne Suchtproblematik, und für Veränderungen des Lebens fehlen die notwendigen persönlichen Ressourcen. Die Handlungspraxis besteht den Beschreibungen der Beraterinnen zufolge darin, dass hier der zentrale Schwerpunkt der Opferberatung bei der Thematik häuslicher Gewalt bleibt. Das professionelle Handeln in diesen Fällen ändert sich erst einmal nicht. Sie bieten den Frauen den offenen Erzählraum an und geben ihnen Informationen über ihre Handlungsmöglichkeiten, die sie wünschen oder ihres Erachtens brauchen könnten. Alkoholproblematiken werden angesprochen, spezialisierte professionelle Hilfen vorgestellt und auf Wunsch an diese weiter vermittelt. Es bleibt den Beraterinnen jedoch meist unklar, inwiefern eine Weitervermittlung im Einzelfall gelingt.

Als schwierig wurde Opferberatung auch dann benannt, wenn der gewalttätige Partner Alkoholiker ist, und bei der Frau coabhängige Verhaltensweisen wahrgenommen werden. Eine der Befragten beschrieb den aus der Literatur bekannten „Motivationskreislauf“ (B 5, Abs. 61), in dem sich coabhängige Frauen befinden, als typisches Element in diesen Beratungen. [1] Dieser Kreislauf zeichnet sich ihrer Beschreibung entsprechend durch einen schnellen Wechsel von Aufbruch und Rückfall – im Sinne einer hohen bzw. keiner oder niedrigen Motivation, Veränderungen zu wagen – aus: Frauen streben einen Wandel ihres Lebens an, gehen daraufhin einige Schritte und lassen sie kurz darauf wieder fallen. Was ist das Schwierige an diesen Beratungen? Die Beraterin beschrieb dies nicht explizit, folgende ihrer Deutungen könnte hier eine Rolle spielen:

Ohne „intensive Männerberatung“ (B 5, Abs. 21) können alkoholkranke Männer an ihrem Gewalthandeln kaum etwas verändern. Sie beschrieb Alkoholiker jedoch als wenig einsichtig, sowohl was ihr Suchtproblem anbelangt als auch was ihr Gewalthandeln betrifft. Erschwerend hinzu kommt, dass eine schwere Alkoholproblematik häufig ein Ausschlusskriterium für die Teilnahme an Täterprogrammen bedeutet (vgl.: Barz u. a. 2006: 97f; WiBIG Band 3 2004: 61). Die Beraterin schätzt die weitere Gefährdung für Frau und Kinder vor diesem Hintergrund als hoch ein. Die Wege zu einem gewaltfreien Leben reduzieren sich ihres Erachtens meist ausschließlich auf die Trennung der Frau vom Partner. Der von ihr beschriebene Kreislauf von Aufbruch und Rückfall lässt sich vor diesem Hintergrund auf einen Wechsel von Lösungsimpulsen und Bindung an den Partner beziehen. Für Beraterinnen bedeutet dies, in längerfristigen Beratungen die Wechselhaftigkeit aushalten zu müssen. Ein Anspruch, den diese Interviewte an sich stellt, ist das Aushalten eines Auf und Ab der Motivation der Frau. Sie richtet ihre Aufmerksamkeit darauf, im Gespräch motivationsfördernde Punkte zu finden und zu stärken.

  • [1] zum Motivationskreislauf vgl.: Vogt 2004: 202f
 
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