< Zurück   INHALT   Weiter >

5.3.5.4 Frauen mit schweren psychischen Beeinträchtigungen aufgrund langwährender Gewalt

Zwei der Befragten sprachen von der Schwierigkeit, mit Frauen in der Opferberatung zu arbeiten, welche schwere psychische Schädigungen durch langandauernde Gewalt erlitten haben. Sie beschrieben Frauen, welche Depressionen oder eine schwere Selbstwertproblematik ausgebildet haben und schlossen dabei nicht selten auf eine Traumatisierung. Eine Veränderung des Lebens dieser Frauen eigeninitiativ zu meistern, erscheint ihnen kaum möglich.

„...wenn Frauen über lange Zeiträume in diesen konfliktträchtigen Partnerschaften gelebt haben und auch in ihrem psychischen Empfinden sehr beschädigt und beeinträchtigt sind, dann denk ich mal die bräuchten jetzt mal was ganz anderes, die müssten wir jetzt in Watte packen. Gerade die traumatisierten Frauen, die sind gar nicht in der Lage (klatscht) jetzt große Entscheidungen zu treffen, ja? Die bräuchten wirklich so – genau, eine Versorgungsstation erst mal.“ (B 4, Abs. 59)

Das Angebot der Opferberatung schätzt die Expertin für diese Frauen hinsichtlich deren Bedarfs an psycho-sozialen Hilfen als nicht angemessen ein. Diese Frauen „bräuchten jetzt mal was ganz anderes“: ein Angebot, das auf eine

„Rundumversorgung“ und damit auf die Abnahme von Verantwortung ausgerichtet ist. Gleichzeitig – und das macht die Schwierigkeit für sie in diesen Fällen aus – stehen auch diese Frauen durch die Gewalteskalation und eine mögliche fortbestehende Gefährdung vor jenen Anforderungen des Platzverweises, welche ihre Entscheidungen und ihr Handeln jetzt erforderlich machen. Die Beraterin beschrieb weiter die Notwendigkeit, dass auch diese Frauen rasch zum Schutz vor weiterer Gewalt aktiv werden müssen, obwohl sie deren Entscheidungsund Handlungsfähigkeit äußerst gering einschätzt und einen akuten Bedarf an Entlastung feststellt. Opferberatung darf sich ihrer Vorstellung entsprechend nicht ausschließlich auf Schonung ausrichten, weil dies an einer Gefährdung nichts verändern würde. Die Notwendigkeit des Handelns der Frau zur Abwendung weiterer Gewalt, welche sie in diesen Fällen als gegeben annimmt, hat in ihrer Anschauung oberste Priorität. Bedarfe nach Versorgung müssen weitgehend zurückgestellt werden bis eine längerfristige Sicherheit als die, die der Platzverweis bieten kann, geschaffen ist.

In der Opferberatung sieht sich die Beraterin in der Verantwortung, den Klientinnen die Notwendigkeit zu handeln aufzuzeigen. Sie versucht sie die Anforderungen an die Frauen so weit wie möglich bewältigbar zu machen, indem sie der Frau beispielsweise Begleitung anbietet. Wie sie nachfolgend an einem exemplarischen Fallbeispiel ausführte, kann es ihrer Erfahrung nach auch schwer beeinträchtigten Frauen gelingen, die Ehe zu verlassen und der Gewalt ein Ende zu setzen. Sie berichtete von einer Klientin, der es nach „20 Jahren der Demütigung und der Erniedrigung und der Gewalt (...) unter grööößten Anstrengungen“ (B 4, Abs. 69) gelang, sich vom Partner zu trennen. In diesen Beschreibungen wurde ihre Auffassung deutlich, nach der Frauen in langen Gewaltbeziehungen durch eine Trennung vom Partner eine Chance auf ein gewaltfreies Leben haben.

Eine andere Beraterin beschrieb, welch schwierige Aufgabe es für sie darstellt, diese psychisch „zerstörten“ Frauen in der Beratung zu begleiten. Für Veränderung fehlen ihnen ihrer Wahrnehmung nach oft jegliche psychische Kraftquellen:

„Wenn eine Frau richtig am Boden zerstört ist, wie manche Frauen das eben sind die kommen, dann ist das glaub ich eine ganz ganz schwierige Aufgabe – so richtig in kleinen kleineren Schrittchen eine Veränderung zu begleiten. Und sich mit auch mit kleinen – kleinsten Schritten zufriedenzugeben, diese Geduld zu haben und auch das Verständnis zu haben, dass die Frauen das oft nicht anders können und dass nach jahrelangen, nach jahrelanger zermürbender Erfahrung das ganz ganz schwierig ist da selbst aktiv zu werden, dass es ganz ganz schwierig ist, eine kritische Position einzunehmen, dass es ganz schwierig ist zu sagen: Okay und ich will jetzt etwas ändern.“ (B 5, Abs. 61)

Schwierig werden diese Beratungen, weil diese Frauen nach der Beschreibung der Interviewten für eine Veränderung ihres Lebens aufgrund der Gewalt kaum noch über persönliche Ressourcen verfügen. Die Beraterin muss daher geduldig sein und sich mit „kleinsten Schritten zufrieden geben“. Schwierig ist dies, weil

– so lässt sich interpretieren – mit diesen kleinsten Veränderungen ein gewaltfreies Leben erst einmal nicht zu erreichen ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Frau weitere Gewalt erlebt, scheint naheliegend und muss ertragen werden. Ihren Anspruch an sich, Geduld aufzubringen, impliziert ein allgemeines Bestreben, Gewalt rasch und wirkungsvoll beseitigen zu wollen. Ihr Handlungsmuster ist, sich notgedrungen dem Tempo der Klientin anzupassen. Auch sie erachtet Beratung für diese Frauen als nicht ausreichend. Psychotherapie, welche speziell auf Traumatisierung ausgerichtet ist, hält sie für erforderlich.

Zwischen diesen beiden Befragten zeigt sich ein deutlicher Unterschied: Erstere geht von der Auffassung aus, dass Frauen zwangsläufig vor der Anforderung stehen, Entscheidungen über den Umgang mit der eigenen Gewaltbetroffenheit treffen zu müssen. Opferberatung darf den Blick vor dieser Anforderung nicht abwenden, denn es ist in ihren Augen die Realität, in der Frauen während eines Platzverweises leben. Die Zweite hingegen betont die Notwendigkeit, Verständnis für das Unvermögen langjährig gewaltbetroffener Frauen, Veränderungen zu wagen, aufbringen zu müssen. In ihren Augen gilt es, die hohe Anforderung, nun selbst für die eigene Sicherheit sorgen zu müssen, eher zurückzunehmen und kleine Schritte in Richtung Veränderung anzuerkennen.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >