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5.3.5.6 Grenzen in der Opferberatung

Beratung erfährt nach den Aussagen der Interviewten dann eine objektive Grenze, wenn ein Gespräch nicht möglich ist. Dies kann bei schwer alkoholkranken Frauen der Fall sein. Ein Beratungsgespräch ist ebenso nur eingeschränkt möglich, wenn aufgrund der Sucht bereits kognitive Einbußen erreicht sind. Die Erzählungen der Beraterinnen machen folgende Prämisse deutlich: Ist Reflektionsfähigkeit nicht in einem Mindestmaß verfügbar, kann die Lebenssituation kaum erfasst, geschweige denn kritisch betrachtet werden. Dies wiederum verhindert, dass Entscheidungen für Veränderungen des Lebens getroffen werden können. Insgesamt lassen die Fallbeschreibungen in den Interviews der Beraterinnen zu Fällen mit schwerer Alkoholproblematik erkennen, dass in den einzelnen Fällen häufig Kontakte zwischen Polizei und Opferberatung sowie zwischen Opferberatung und weiteren sozialen Einrichtungen wie Suchtberatung, Sozialamt und Jugendamt bestehen. Auffällig ist, dass diese Kontakte zwar erwähnt werden, aber der Effekt dieser Gespräche in der Regel nicht über einen mehr oder weniger umfassenden Informationsaustausch oder eine gegenseitige Bestätigung der Einschätzung eines Falles als hoffnungslos hinauszugehen scheint.

Grenzen der Opferberatung werden auch bei Frauen benannt, bei welchen die Beraterinnen Persönlichkeitsstörungen oder irreparable Beschädigungen der Psyche wahrnehmen, und kaum Ressourcen im Umfeld der Frau finden, welche die Erkrankungen etwas abfedern oder ausgleichen könnten.

„Das sind für mich dann oft die Situationen wo ich letztendlich – wo sich nichts bis wenig bewegt. Und wo man sich auch innerlich verabschieden muss von dieser ja Hybris überall was bewirken zu können, das gelingt nicht überall. Und das ist oft auch ein eigenes Trauern darüber zu sehen die Frau lebt in einem Schicksal, aber ich kann ihr nicht helfen letztendlich, sie kommen da nicht raus, ja. Weil ihre Lebensgeschichte einfach – sie hatten // vielleicht nie die Chance, auch da spielt die eigene Biographie, das eigene Aufwachsen ne große Rolle. Das ist ja – das sind harte Situationen.“ (B 4, Abs. 122)

Die Interviewte beschreibt hier die Notwendigkeit des Loslassens des eigenen Anspruchs, diesen Klientinnen zu positiven Entwicklungen verhelfen zu können. Sie leben ihrer Beschreibung entsprechend unentrinnbar in ihrem Schicksal, weil Ereignisse in ihrer Lebensgeschichte dieses zementieren. Ohne es explizit auszusprechen klingt hier durch, dass sie die Unmöglichkeit zu helfen nicht nur auf ihr eigenes Handeln bezieht, sondern quasi generalisiert. Das Schicksal wird zur Bestimmung, es gibt keinen Ausweg. Das macht die Situationen hoffnungslos und damit traurig zugleich.

5.3.5.7 Zusammenfassung

Als schwierig werden Opferberatungen zum einen dann erlebt, wenn Frauen aufgrund einer eigenen Alkoholsucht oder der des Partners oder aufgrund psychischer Beeinträchtigungen kaum über Ressourcen zum Handeln verfügen. Sie werden zum Zweiten auch dann in den Augen der Befragten als schwierig erlebt, wenn Frauen aus verschiedenen Gründen nicht handeln wollen; sei es, dass sie in engen Bindungen zum Partner leben oder in Machtkämpfe mit ihm verstrickt sind. Insgesamt zeigt sich bei den Beraterinnen überwiegend die Einschätzung, dass sich häusliche Gewalt fortsetzen wird, wenn Frauen nicht handeln. Auch wenn sie ihre Appelle in den Interviews sehr allgemein formulieren, wie: Frauen müssen etwas verändern, sie müssen etwas tun, wird deutlich, dass sie darunter in erster Linie die Trennung vom Partner verstehen. Bei langjährig gewalthandelnden Männern, jenen mit Suchtproblematiken und solchen, die um Macht kämpfen, wird kaum eine Chance gesehen, dass diese von ihrem Gewalthandeln ablassen könnten. Die Hoffnung der Beraterinnen, zur Gewaltbeendigung beitragen zu können, ist gering. Es fehlt ihrer Wahrnehmung nach diesen Frauen entweder an Kraft oder an Einsicht für den aktiven Schritt zur Trennung. Die Handlungsmuster, die sich hier finden, sind zum einen der Versuch, Einsicht zu vermitteln, dass es ihres Handelns bedarf um die Gewalt zu beenden. Der konkrete Appell, sich zu trennen, scheint dabei eher vermieden zu werden. Zum Zweiten wird versucht, den Kontakt aufrechtzuerhalten, weil davon ausgegangen wird, dass der Weg zu dieser Einsicht und zur Erschließung von Kraftquellen seine Zeit braucht. Zum Dritten werden zusätzliche Hilfen angeboten oder vermittelt, beispielsweise Entlastung durch Begleitung oder die Vermittlung therapeutischer Unterstützung.

 
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