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5.3.7 Beratungsverläufe

In diesem Abschnitt werden Typen von Beratungsverläufen beschrieben, wie sie sich aus den Interviews mit den Beraterinnen herausarbeiten ließen. Diese Typen beziehen sich ausschließlich auf den Verlauf psycho-sozialer Beratung innerhalb der Trägereinrichtungen, welche an der Opferberatung beteiligt sind. Nicht berücksichtigt werden damit Verläufe, welche nach der Erstintervention der Opferberatung mit neuem Fokus in anderen Einrichtungen fortgesetzt werden. Für die Ausarbeitung dieser Typen an Beratungsverläufen wurden zu den Interviews mit den Opferberaterinnen zusätzlich Protokolle und Notizen der Treffen des Arbeitskreises Opferberatung sowie die statistische Auswertung der Einzelfälle der Opferberatung aus den Jahren 2006 2008 herangezogen.[1] Es werden drei unterschiedliche Typen an Beratungsverläufen in Bezug auf die häusliche Gewaltthematik erkennbar. Diese drei Typen sind theoretische Konstrukte, welche in der Praxis der Beratung häufig wohl nicht trennscharf auftreten. Zwischen dem ersten und zweiten Typus können entsprechend der Erzählungen der Befragten in der Praxis durchaus fließende Übergänge bestehen.

• Opferberatung als punktuelle Krisenintervention

Dieser Beratungsprozess umfasst meist ein bis zwei, maximal drei Beratungsgespräche. Die erste Beratung findet in der Regel in einem persönlichen Kontakt statt, die folgenden bestehen häufig in Telefonkontakten. Dieser Beratungsverlauf ergibt sich den Beschreibungen der Beraterinnen zufolge hauptsächlich bei Frauen, welchen sich die Frage des Bleibens oder Gehens nicht oder nicht mehr stellt: also bei denen, die in Bezug auf die Partnerschaft entschieden sind. Schwerpunkte der Krisenintervention bei diesem Typus liegen den Beschreibungen der Befragten zufolge zum einen im Erzählen-Dürfen und zum Zweiten in einer Informationsgewinnung. Hier kommen hauptsächlich Informationen über verschiedene Möglichkeiten, sich vor Gewalt zu schützen, über den Verlauf einer Trennung und deren Folgen zum Tragen. Letzteres wünschen sich auch jene Frauen, welche sich zum Bleiben entschieden haben.

• Opferberatung als Krisenbegleitung

Die Beratung besteht hier in einer mittelfristigen Begleitung der Klientin bei der Bewältigung der akuten Krise. Dieser Beratungstypus umfasst die Ebenen psycho-soziale Unterstützung, stärker aber noch die Vermittlung von alltagspraktischen sowie finanziellen Hilfen, gelegentlich auch die Begleitung rechtlicher Schritte. Es finden in der Regel mehrere persönliche und telefonische Gespräche mit der Betroffenen als auch mit relevanten Institutionen statt.

Hier finden sich hauptsächlich Frauen, die sich trennen wollen. Die Begleitung bezieht sich bei diesen auf die Umsetzung der Trennung, auf eine Neuorientierung und Stabilisierung des Lebens als getrennte und ggbf. alleinerziehende Frau. Es finden sich in dieser Gruppe aber auch Frauen, die den Beraterinnen als ambivalent gebunden erscheinen und (vorerst) bleiben wollen oder noch keine Entscheidung über die Zukunft ihrer Partnerschaft getroffen haben. Diese Frauen erhalten in der Begleitung das Angebot, an diesen Unsicherheiten zu arbeiten. Die Beschreibungen der Beraterinnen weisen auf finanziell und sozial ungünstige Lebenssituationen sowie einen erhöhten Bedarf an lebenspraktischer Unterstützung bei dieser Gruppe hin. Eine gewisse Unsicherheit im Umgang mit Behörden und geringere persönliche und soziale Ressourcen zur Bewältigung der Anforderungen, welche notwendig wären, um eine Verbesserung ihrer Lebenslage zu erreichen, werden wahrgenommen. Die Beratung ist hier sehr pragmatisch ausgerichtet – weshalb sie als Begleitung bezeichnet wird.

• Opferberatung als Krisenintervention / Krisenbegleitung mit Folgeangebot

Bei diesem Typus folgt der Erstberatung ein weiteres Unterstützungsangebot, welches häusliche Gewalt fokussiert und in enger Verbindung mit dem Projekt Opferberatung steht: eine Einzelberatung, eine Teilnahme an der professionell angeleiteten Frauengruppe oder eine Mütterberatung im Rahmen des regionalen Kinderprojektes. Hier finden sich Frauen, welche mit Hilfe professioneller Beratung in einen längeren Prozess der Auseinandersetzung mit häuslicher Gewalt treten möchten. Es können sowohl Frauen sein, welche die Partnerschaft fortführen als auch solche, welche sich für eine Trennung entschieden haben.

Durch die bewusste Angliederung des Projektes Opferberatung bei etablierten Beratungsstellen können Frauen nach der Erstintervention psycho-soziale Einzelberatung – ein Regelangebot der Trägereinrichtungen – erhalten. Sie haben hier prinzipiell die Möglichkeit, mit der ihnen vertrauten Person in einen längerfristigen Beratungsprozess zu treten ohne Wartezeiten in Kauf nehmen zu müssen. Bei diesen Beratungsprozessen stehen entsprechend der Interviewaussagen das Partnerschaftsgeschehen, die Aufarbeitung der Gewalterfahrungen, die Unterstützung der Frau bei der psychischen Stabilisierung und möglicherweise auch die Bearbeitung problematischer Lebensbereiche oder auch weiterer kritischer Lebensereignisse im Vordergrund. Einer eher krisenzentrierten und handlungsorientierten Intervention folgt eine stärker persönlichkeitszentrierte, reflexive Beratung mit – je nach Qualifikation der Beraterin – mehr oder weniger therapeutischen Elementen. Das zweite Folgeangebot auf die Krisenintervention besteht im Angebot der professionell angeleiteten Frauengruppe. Dieses Angebot schließt jedoch häufig nicht lückenlos an die Krisenintervention an. Das Gruppenangebot ist geschlossen konzipiert, was für Interessentinnen oft eine Wartezeit bis zum Beginn einer neuen Gruppe bedeutet. Die Mütterberatung im Rahmen des regionalen Kinderprojektes ist ein weiteres Folgeangebot. Sie ist von der Teilnahme der Kinder am Unterstützungsangebot abhängig. Die Klientinnen mit Kindern werden in der Opferberatung auf dieses Angebot aufmerksam gemacht, motiviert, dieses in Anspruch zu nehmen und gegebenenfalls auch proaktiv weitervermittelt. Im Fokus steht hier die Sensibilisierung für den Hilfebedarf der Kinder sowie die Verbesserung der Kommunikation von Müttern und Kindern – insbesondere über die häusliche Gewalt (vgl.: Seith u. a. 2007: 34ff). Alle drei weitergehenden Unterstützungsleistungen sind selbständige Angebote. Sie bedürfen einer neuen Entscheidung der Frau. Zu Beginn des Folgeangebots wird zwischen den Professionellen und den Frauen ein neuer Kontrakt geschlossen. Die Entscheidungssituation und der Übergang sind bei den beiden letztgenannten Folgeangeboten stärker strukturiert als bei der Einzelberatung. Interessierte Klientinnen müssen sich für die Teilnahme an der Frauengruppe oder dem Kinderprojekt anmelden, wechseln meist Örtlichkeit und erleben zum Teil andere bzw. weitere Beratungspersonen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass bei Typ 1, der Krisenintervention das Informieren im Zentrum steht, bei Typ 2, der Krisenbegleitung das praktische Unterstützen und beim anschließenden Folgeangebot des Typ 3 das Reflektieren und Verändern von Aspekten der eigenen Person sowie ihrer Beziehungen. Sowohl die Erzählungen der Beraterinnen als auch die begleitend herangezogene quantitative Fallerhebung der Jahre 2006 2008 machen deutlich, dass die Mehrheit der Klientinnen die Opferberatung als kurze Krisenintervention des Typus 1 wahrnimmt. Längere Beratungsverläufe, bei denen die Opferberatung in eine psycho-soziale Einzelberatung oder Teilnahme an der Frauengruppe übergeht, sind mit ca. 15 % selten. [2]

In das Folgeangebot Kinderprojekt mit begleitender Beratung der Mütter wird von den Beraterinnen eine Weitervermittlung am häufigsten angegeben. Hier bleibt jedoch unklar, wie viele der erstmals interessierten Frauen sich tatsächlich auf das Projekt einließen.

  • [1] Die quantitativen Daten wurden im Rahmen meiner Koordination des Projektes „Opferberatung bei Häuslicher Gewalt“ gewonnen. Weil es sich bei diesem Angebot um ein neues, befristetes Projekt handelte, diente die Erhebung in erster Linie dazu, den Bedarf an Opferberatung im Landkreis zu ermitteln und die Arbeit der Opferberaterinnen gegenüber den verschiedenen Sponsoren und politischen Gremien zu belegen. Für eine systematische Auswertung im Rahmen dieser Forschungsarbeit fehlt es dieser Erhebung an empirischer Genauigkeit, weshalb sie hier nicht ausführlich dargestellt wird.
  • [2] Von tendenziell kurzen Interventionen berichten auch andere, groß angelegte Untersuchungen in diesem Bereich: Die Evaluation der Beratungsund Interventionsstellen (BISS) in Niedersachsen ergab, dass in nur ca. 13 % der Fälle mehr als 5 Beratungsgespräche stattfanden. Die Mehrheit nahm zwischen einem und vier Gesprächen in Anspruch (vgl.: Löbmann u. a. 2005: 87). Die Evaluation der Interventionsstellen Mecklenburg-Vorpommerns erhob nicht die Anzahl an Kontakten, sondern die Dauer von Beratungsverläufen: Circa drei Viertel umfassten hier den maximalen Zeitraum einer Woche (vgl.: WiBIG Band 1 2004: 148), wobei, wie gesagt, offen bleibt, wie viele Kontakte darin stattfanden. Die Evaluation der Interventionsstellen in Rheinland-Pfalz ergab eine Kontaktdichte von durchschnittlich 2,7 pro beratener Frau (vgl.: Hartmann-Graham u. a. 2006: 23).
 
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