< Zurück   INHALT   Weiter >

5.3.8 Handlungsorientierungen in der Opferberatung – Zusammenfassung der Ergebnisse

Die Interviews mit den Beraterinnen geben Aufschluss über mehrere Handlungsorientierungen, welche sowohl auf Konstruktionen der Beraterinnen als auch auf konzeptionellen Grundlagen hinsichtlich Opferberatung nach einem Platzverweis beruhen. Sie werden im Folgenden vorgestellt:

• Handlungsorientierung: Häusliche Gewalt setzt sich im Regelfall fort

Die dargelegten Konstruktionen in den Ausführungen der Beraterinnen machen deutlich, dass bei häuslicher Gewalt in der Regel von längerfristigen Verläufen ausgegangen wird. Die Gewaltproblematik besteht in der Konstruktion des Regelfalls bereits vor dem Polizeieinsatz und wird sich früher oder später nach dem Platzverweis fortsetzen, sofern die Partnerschaft aufrechterhalten wird bzw. keine intensiven psycho-sozialen Hilfen genutzt werden. Die Folge dieses Prozesses für die Frau ist in den Augen der Befragten meist eine sukzessive „seelische Zerstörung ihrer Innenwelt“ (B 4, Abs. 69). In seinem Verlauf schwinden Selbstachtung, Selbstbewusstsein und Handlungsmächtigkeit der Gewaltbetroffenen. Eine Lösung der Frau aus der Gewaltbeziehung wird als immer unwahrscheinlicher angesehen.

Einem Platzverweis allein wird hinsichtlich seiner Wirkung auf den gewalthandelnden Mann von der Mehrheit der Beraterinnen allenfalls eine kurzfristige zugesprochen. Er kann ein „Signal“ (B 2, Abs. 223, B 4, Abs. 156) an den Täter richten oder ihn „wachrütteln“ (B 3, Abs. 27), aber es braucht ihrer Vorstellung entsprechend mehr, um ihn zu einer langfristigen Veränderung seines Verhaltens zu führen. Der Wunsch nach einer verpflichtenden, pro-aktiven und zeitnahen Täterberatung wurde in diesem Zusammenhang vielfach geäußert. Dies kann als Ausdruck dafür gesehen werden, dass in der Auffassung der Beraterinnen dem Mann wenige Chancen eingeräumt werden, sein Gewalthandeln ausschließlich aus gutem Willen zu beenden. Dem Wunsch nach verstärkter Täterarbeit steht die Erfahrung gegenüber, dass gerichtliche Auflagen zu Antigewalttrainings eher selten erteilt werden, Männer nur vereinzelt aus Eigeninitia tive Täterberatung aufsuchen, und in der Untersuchungsregion kein pro-aktiver Ansatz der Täterberatung praktiziert wird.

Wird häusliche Gewalt im Allgemeinen als ein fortwährender Prozess verstanden, hat dies zur Folge, dass die Frau grundsätzlich als gefährdet betrachtet wird. Die Fragen, die sich Beraterinnen daher stellen, sind zum Ersten, ob ein Platzverweis des Täters für seinen Zeitraum Sicherheit schafft oder ob weitere persönliche oder polizeiliche Maßnahmen notwendig sind, um der Frau zumindest eine „Pause“ (B 1, Abs. 3; B 4, Abs. 17, 138) von Gewalt und Bedrohung zu ermöglichen. Zum Zweiten stellt sich den Beraterinnen die Frage, wie ihr präventiver Auftrag, die Sicherheit der Frau langfristig zu verbessern, erfüllt werden kann.

• Handlungsorientierung: Es eilt – spezialisierte Beratung ist sofort notwendig

Der konzeptionelle Grundsatz einer raschen und niedrigschwelligen Intervention von Beratung nach Ausspruch eines Platzverweises begründet diese Handlungsorientierung bereits. Die Beraterinnen sind angewiesen, zeitnah ihre Hilfe anzubieten, damit Frauen in der akuten Krise nach einem Gewaltvorfall rasch Unterstützung erhalten und erfahren, welche Möglichkeiten sie haben, um ihren Schutz auch nach Ablauf des Platzverweises zu verbessern. Es soll außerdem nicht gewartet werden, bis eine Frau selbst um Hilfe anfragt, sondern das Angebot soll pro-aktiv durch die Opferberatung erfolgen. Auch dies impliziert ein „Es eilt!“: Es darf nicht gewartet werden bis eine Frau möglicherweise bestehende Barrieren überwindet, sich für die Inanspruchnahme professioneller Hilfe entscheidet und sich in der örtlichen psycho-sozialen Unterstützungslandschaft zurechtfindet. Vermieden werden soll mit dem Ansatz auch, dass sie eventuell bei einer Einrichtung vorspricht, welche nicht auf häusliche Gewalt spezialisiert ist, den sofortigen Handlungsbedarf nicht erkennt und damit Beratung „zu spät“ anbietet. Ein solches „Zu spät“ orientiert sich wiederum am Leitbild der Interventionskette, welche die dichte, aufeinander abgestimmte Kooperation verschiedener Institutionen beinhaltet. Opfer häuslicher Gewalt sollen dadurch unterstützt werden, einen möglichst langfristigen Schutz zu gewinnen, und zwar möglichst direkt im Anschluss an den Platzverweis. Diese institutionellen Abläufe polizeilicher und gerichtlicher Verfahren drängen zwangsläufig zur Eile.

Die Ergebnisse zeigen eine Übereinstimmung der Beraterinnen mit diesem Konzept des zeitnahen und pro-aktiven Ansatzes. Entsprechend ihrer Einschätzung stellt dieser Zugang eine Erleichterung für Frauen dar, und Informationsvermittlung ist rasch möglich. Begründet wird er außerdem durch die Auffassung der Expertinnen, dass mit einer Fortsetzung von Gewalt regelmäßig gerechnet werden muss und damit von einer bestehenden Gefährdungslage auszugehen ist. Außerdem wird der Zeitpunkt direkt nach einem Gewaltvorfall als notwendig erachtet, weil ihrer Erfahrung nach gewaltbetroffene Frauen einen hohen Gesprächsbedarf haben. Sie werden von den Beraterinnen in der Krise als offen und gesprächsbereit, meist sogar als gesprächsbedürftig erlebt – Faktoren, welche aber ihrer Wahrnehmung entsprechend mit der Zeit wieder abnehmen können. Dem Grundsatz des raschen Intervenierens liegt auch die Einschätzung zugrunde, dass viele Klientinnen im Laufe der Zeit dazu neigen, die Gewaltproblematik zu verharmlosen oder zu verdrängen und damit untätig zu bleiben. Die Beraterinnen sehen sich in der Pflicht, das Signal des Platzverweises – Gewalt darf nicht sein – aufrechtzuerhalten. In ihrem Handeln steckt daher auch eine Mahnung an die Frauen, die Gewaltproblematik als fortbestehend anzuerkennen und für ihre eigene Sicherheit tätig zu werden.

• Handlungsorientierung: Zur langfristigen Beendigung häuslicher Gewalt bedarf es des Handelns der Frau

Auf der dargelegten Konstruktion der Beraterinnen, dass es den wenigsten Männern gelingt, ihr gewalttätiges Verhalten aufzugeben, steht darauf aufbauend zwangsläufig die folgende: eine langfristige Gewaltbeendigung erfordert das Handeln der Frau. Konstruiert wird in den Interviews eine Entscheidungssituation, in der sich Frauen während des Platzverweises befinden. „Wie geht's weiter?“ ist auch die zentrale Frage, welche sie bei ihren Klientinnen wahrnehmen. In der Deutung der Beraterinnen sind sich gewaltbetroffene Frauen dieser Entscheidungssituation bewusst und suchen nach einer Antwort.

Opferberatung hat innerhalb der Interventionskette den Auftrag, mit den Frauen zu erörtern, welche Unterstützung sie brauchen, um ihren Schutz zu verbessern. Die Erläuterung der Schutzmaßnahmen im Rahmen des Gewaltschutzgesetzes ist dabei ein zentraler Bestandteil ihrer Beratungen. Wohnungszuweisung und Schutzmaßnahmen wie das Näherungsverbot setzen jedoch voraus, dass sich die Antragstellerin zumindest für eine temporäre Trennung entscheidet. Dies zeigt auch Rupp in ihrer Untersuchung zum Gewaltschutzgesetz: Ambivalent gebundene Frauen und Frauen, welche eine Problemlösung mit dem Partner anstreben, verzichten auf gerichtlichen Schutz (vgl.: Rupp 2005: 243).

In den Interviews mit den Opferberaterinnen wird in diesem Zusammenhang folgende Konstruktion hörbar: Der am meisten Erfolg versprechende Weg zu einem gewaltfreien Leben für die Frau ist die Trennung vom Partner. Diese Konstruktion basiert erneut auf den Vorstellungsbildern einer sich fortsetzenden Gewalt, eines Unvermögens des Mannes, aus eigenem Antrieb zu einem gewaltfreien Verhalten gegenüber der Frau zu gelangen und eines Unvermögens der Frau, einen solchen Einfluss auf ihren Partner nehmen zu können, der eine positive Veränderung bewirkt. Hörbar wird diese Konstruktion in Aussagen wie: Eine Frau „ist noch nicht so weit“ (B 1, Abs. 65, 149) oder „die Zeit ist noch nicht reif“ (B 2, Abs. 160) – Ausführungen, welche sie im Zusammenhang mit Fallbeschreibungen treffen, bei denen die Klientinnen die Fortsetzung der Partnerschaft wünschen bzw. noch unentschlossen sind. Diese Aussagen implizieren, dass es in der Sicht der Beraterinnen bei den Frauen eines Erkenntnisprozesses bedarf, Trennung als die in der Regel einzige Lösung aus der Gewalt zu begreifen. Dieser kann in ihren Beschreibungen zum Zeitpunkt ihrer Beratung bereits gereift sein oder eben noch ausstehen. Sie zeigen sich auch in Beschreibungen über prognostizierte Gewaltkreisläufe bei Fortsetzung der Partnerschaft oder in Erläuterungen über mehrfache Anläufe, die viele gewaltbetroffene Frauen benötigen, bevor sie sich endgültig trennen.

Die Aufgabe, die sie aus dieser Konstruktion ableiten, ist die, mit der Frau die Möglichkeit von Trennung zu erörtern, Ängste und Hinderungsgründe aufzugreifen und das Leben als eine getrennte Frau vorstellbar werden zu lassen. Die maximal 14 Tage des Platzverweises werden für einen solchen Entscheidungsprozess bei ambivalent gebundenen Frauen als zu kurz angesehen. Eine längere Phase der Auseinandersetzung mit der Option Trennung wird als erforderlich erachtet, welchen die Beraterinnen anstoßen wollen. Sie erhoffen sich, dass die Frau zu einem späteren Zeitpunkt die Trennung wagt, wenn sie erkennt, dass sich ihre Hoffnungen und Wünsche auf eine Entwicklung in Richtung Gewaltfreiheit innerhalb ihrer Beziehung nicht erfüllen. Eine Beraterin berichtete, ambivalent gebundenen Frauen die Möglichkeit einer Wohnungszuweisung

„verkaufen“ (B 1, Abs. 113) zu wollen, obwohl dieser Schritt zum Zeitpunkt der Beratung weder gewünscht war noch zu deren Denken und Fühlen passt. Verkaufen impliziert Überredung und ist eine nicht gänzlich aufrichtige Intervention. Die Beraterin preist diesen Weg als Chance auf eine längere Zeit des Nachdenken-Könnens an, verbirgt aber sowohl ihr Wunschziel, die Frau möge mit der Zeit schon erkennen, dass Trennung richtig und notwendig ist als auch problematische Auswirkungen, die ein zivilgerichtliches Vorgehen für eine Partnerschaft, wenn sie dann aufrechterhalten werden soll, haben kann.

„Und ich versuch ´s ihnen ja auch immer wieder dann als Chance ihnen die Wohnung zuzuweisen UM eben zu überlegen, was will ich denn, also das ihnen so zu verkaufen, aber DA müsste dann eben Beratung auch weiter fortgeführt werden, um sie dann zu stärken und sie wirklich auf dem Weg zu begleiten, die Entscheidung dann so zu treffen, dass es auch innerlich passt.“ (B 1, Abs. 113)

Deutlich wird, dass die konzeptionell formulierte Haltung der Ergebnisoffenheit an dieser Stelle nicht mehr gewahrt bleibt. Gefolgt wird eher der eigenen Auffassung von Gewaltbeendigung, anstatt den Wünschen, evtl. auch Unsicherheiten und Ambivalenzen der Frau.

In dem Kapitel zu Beratungsverläufen wurde festgehalten, dass sich die Mehrheit der Beratungen auf ein bis zwei Termine beschränkt. Die ursprünglich vorgesehene konzeptionelle Idee, den Klientinnen umfassend psycho-soziale Hilfen anzubieten, indem die Opferberatung bei Bedarf in eine Einzelberatung bei der vertrauten Beraterin übergeht, realisiert sich eher selten. Erklärungsmuster der Beraterinnen hierzu wurden erörtert (siehe: Kap. 5.2.7). Eine weitere Erklärung für das Fehlschlagen dieser konzeptionellen Idee kann unter Umständen auch im Verlassen der Ergebnisoffenheit begründet sein. Es ist davon auszugehen, dass gebundene Klientinnen in manchen Erstgesprächen die Vorstellung der Beraterin, Trennung sei der sicherste Weg zu einem gewaltfreien Leben, wahrnehmen, sich aus diesem Grund zurückziehen und weitere Unterstützung ablehnen. Der favorisierte Lösungsweg Trennung stellt für sie keine Hilfe dar und sie merken, dass sie den Vorstellungen der Beraterin, wie sie sich zu ihrem eigenen Schutz am besten verhalten sollten, nicht entsprechen.

Zwei Aspekte sollen jedoch an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben: Ja, es kann in der Anschauung der Beraterinnen die Ausnahme von der Regel geben. Manchen Paaren kann es gelingen, gemeinsam eine gewaltfreie Beziehung zu erreichen – möglicherweise durch Paarberatung. Hier bleibt jedoch die unbekannte Größe Änderungsbereitschaft und Änderungsvermögen des Mannes für die Beraterinnen bestehen. Zumindest in jenen Fällen, in denen sie von langjährigen sehr brutalen Misshandlungen oder Suchtmittelabhängigkeiten des Mannes erfahren, stellen sich ihnen große Zweifel an der Wirksamkeit von Paarberatung. Und zweitens: Entscheiden sich Frauen für eine Trennung, kann dieser Schritt für viele zuerst mit einer Steigerung der Gefährdung verbunden sein. Dennoch scheint er dem Verständnis der Beraterinnen entsprechend auf lange Sicht lohnend: Stehen Frauen diese akuten Gefährdungslagen aufgrund Trennungssituationen durch, eventuell unter Zuhilfenahme von Schutzmaßnahmen, wird eines Tages der Mann von seinem Bedrohungsverhalten ablassen.

• Handlungsorientierung: Es gibt Hilfe

Die Information über die rechtlichen Möglichkeiten ist konzeptioneller Bestandteil der Opferberatung. Die Klientinnen sollen darüber in Kenntnis gesetzt werden, welche Hilfen zum Schutz vor häuslicher Gewalt der Staat vorhält. Die Ergebnisse der Befragung der Beraterinnen verdeutlichen, dass die Expertinnen die Möglichkeiten des Gewaltschutzgesetzes als Erfolg versprechend hinsichtlich einer Beendigung häuslicher Gewalt bewerten. Sie schätzen außerdem den Zeitpunkt des Platzverweises als außerordentlich günstig ein, diesen Schutz für sich geltend machen zu können. Dieser Deutung liegt das Vorstellungsbild zugrunde, dass nach Rückkehr des Mannes in die gemeinsame Wohnung dieser Schritt für die Klientinnen kaum mehr gehbar ist. Ist er erst einmal zurück, wird sich die Gefährdungslage für die Frau möglicherweise drastisch verschlechtern, wenn sie zivilrechtlich gegen ihn vorgeht.

Die Existenz der zivilrechtlichen Schutzmöglichkeit führt im Handeln der Beraterinnen nicht selten zu dem Appell: Es gibt Hilfe, du kannst dich schützen. Schutz vor häuslicher Gewalt wird zu einer „Wahlmöglichkeit“ (B 4, Abs. 63); sie können etwas „bewegen“ (B 1, Abs. 17), wenn sie es wollen. Hier zeigt sich eine Veränderung des Opferbildes: Durch die neue Gesetzeslage hat sich die Situation für gewaltbetroffene Frauen deutlich verbessert: Schutz hat nicht mehr den Preis einer weitgehenden Destabilisierung ihres Lebens. Der Staat verteidigt durch das Gewaltschutzgesetz die Rechte gewaltbetroffener Frauen und diese stehen in ihrer Situation deutlich weniger hilflos da als vor Einführung des Gesetzes. Der Opferstatus kann verlassen werden, wenn sie sich für die Beantragung dieser rechtlichen Hilfe entscheidet.

Dass dies nicht so einfach ist, wie dies auf den ersten Blick klingen mag, wird von den Beraterinnen anerkannt. Die Entscheidung, einen gerichtlichen Prozess gegen den Menschen zu führen, der einmal Lebenspartner war und zu dem Gefühle der Liebe und Zuneigung bestanden oder noch bestehen, wird als schwierig betrachtet. Ist eine Frau außerdem durch die Gewalterfahrung körperlich und psychisch geschwächt, bestehen emotionale, soziale oder finanzielle Abhängigkeiten, sind Ängste vorhanden, die Anforderungen des Lebens allein nicht zu meistern, sind die Hoffnungen der Beraterinnen, die Frau möge diesen Weg einschlagen und bewältigen, gering. Auch wird von negativen Erfahrungen mit Gerichten berichtet, welche die beantragten Schutzmaßnahmen nicht oder nicht in dem gewünschten Umfang erließen. Ob eine Frau den rechtlichen Schutz erwirken kann oder nicht, liegt nicht in ihrer Hand. Dennoch propagieren die Beraterinnen diesen Weg. Sie sind bestrebt, durch das Vorhalten intensiver Unterstützung und Begleitung diesen Schritt für die Frau zu erleichtern. Sie wissen aber auch um die Grenze ihrer Hilfe:

„Also den Schmerz, den kann ich nicht nehmen oder auch die Belastung. Ich kann unterstützen, ich kann begleiten, ich kann zuhören, aber entschEIden und auch die Situation DURCHstehen, kann immer nur die Person selber.“ (B 2, Abs. 126)

• Handlungsorientierung: Klassifizierung – wo steht die Frau?

Für die Beraterinnen ist es von zentraler Bedeutung, rasch zu erfassen, wo die Frau hinsichtlich ihrer Gefährdung, ihrer Trennungswilligkeit und ihrer Unterstützungsbedürftigkeit steht. Die erste Frage, die sich hier einer Beraterin stellt, ist die der Gefährdung. Welche Einschätzung über eine weitere Gefährdung äußert die Frau selbst und welche Anzeichen in ihrer Erzählung lassen auf welchen Grad an Gefährdung schließen? Weisen Informationen der Polizei oder auch weiterer Behörden auf eine hohe bzw. geringe Gefährdung hin? Bei einer Konstruktion, dass sich häusliche Gewalt im Regelfall fortsetzt, kann eine zukünftige Gefährdung nie gänzlich ausgeschlossen werden. Die sich anschließende zentrale Frage, die sich den Beraterinnen stellt, ist die, ob sich eine Frau im Zuge des Platzverweises trennen möchte oder nicht. Die Wege zur Verbesserung von Schutz vor häuslicher Gewalt sind für trennungswillige Frauen andere als für jene, die die Partnerschaft fortsetzen möchten. Beratung hat damit die Tendenz, rasch die Affinität der Frau hinsichtlich Bleiben oder Gehen einzuordnen und eine Verbindung zur Gefährdungslage herzustellen: Ist sie hoch gefährdet und trennungswillig? Ist sie hoch gefährdet und gebunden? Oder ist sie hoch gefährdet und der Partnerschaft ambivalent gegenüber? Dieselbe Frage stellt sich bei der Einschätzung einer geringen Gefährdung. Die dritte Klassifizierung betrifft ihren Bedarf an professioneller Hilfe sowie ihre Bereitschaft, diese anzunehmen und dies ebenfalls in Bezug zur Gefährdungslage und Trennungswilligkeit zu setzen: Ist sie hoch gefährdet, trennungswillig und darin hilfsbedürftig? Ist sie hoch gefährdet, trennungswillig und darin handlungsmächtig? Ist sie hoch gefährdet, gebunden und beratungswillig? Ist sie hoch gefährdet, gebunden und wenig gesprächsoffen? usw.

Für das professionelle Handeln in der Opferberatung ist die rasche Einordnung der Klientinnen bezüglich dieser drei Aspekte von zentraler Bedeutung. Erst wenn in etwa eingeschätzt werden kann wo Frauen „stehen“ (B 5, Abs. 79), können Beraterinnen den Bedarf erfassen und ihr Handeln diesbezüglich ausrichten. Ist eine Frau gefährdet, trennungswillig, beratungsbereit und hilfsbedürftig, ist sofortiges Handeln notwendig, wenn ein lückenloser Schutz im Anschluss an den Platzverweis mittels Gewaltschutzgesetz oder eines Umzugs in eine sichere Umgebung hergestellt werden soll. Anders gestaltet sich dies bei Frauen, welche die Partnerschaft fortsetzen wollen. Hier drängen keine institutionellen Abläufe im Rechtssystem zur Eile. In Abhängigkeit ihres Bedarfs an Hilfen und ihrer Offenheit für beraterische Prozesse wird mit der Frau erörtert, was sie für die Stärkung ihres Schutzes tun kann. Bei ambivalent gebunden Frauen, welche zwischen Bleiben und Gehen schwanken, stellt sich Beraterinnen die Frage nach dem Zeitpunkt, wann sich die Ambivalenz auflösen könnte. Sie setzen an der Unentschiedenheit der Frau in der Beratung an, insbesondere vor dem Wissen, dass es wieder des schnellen Handelns bedarf, sollte sich die Ambivalenz zeitnah in Richtung Trennung mit Schutzmaßnahmen lösen. Gerade in diesen Fällen stehen Beraterinnen in einem eindeutigen Dilemma: Die Kürze des Platzverweises drängt zur Eile, gleichzeitig schätzen sie die Zeit, welche der Prozess der Auseinandersetzung mit der Zukunft der Partnerschaft, den eigenen Gefühlen gegenüber dem Partner und der Option Trennung braucht, in der Regel länger ein als den Zeitrahmen des Platzverweises. Gelöst kann dieses Dilemma unterschiedlich werden: Eine Form ist die des oben bereits beschriebenen „Verkaufens“: zur Beantragung von Schutzmaßnahmen zureden in der Hoffnung, dass das Ergebnis der Auseinandersetzung mit der Zukunft der Partnerschaft von der Frau mithilfe Beratung nachfolgend passend getroffen wird. Eine andere ist die des Informierens ohne Druckausübung: schnell über Schutzmaßnahmen informieren, diese mit der Frau erörtern und dann wieder „bremsen“ (B 5, Abs. 79, B 2, Abs. 27), wenn deutlich wird, dass die Ambivalenz einer Frau einem solchen Schritt entgegensteht. Eine dritte Handlungsform ist die Konfrontation: Es wird dabei an die Frau appelliert, dass Schutz möglich ist, von ihrer Entscheidung abhängt und sie kaum Chancen hat, einen anderen Weg zur Gewaltbeendigung gemeinsam mit dem Mann zu finden. Erstere und letztere Handlungsform orientieren sich stark an dem Bedarf, den die Beraterin an vorderste Stelle setzt: Gewalt muss beendet werden. Bei Zweiteren steht die innere Situation der Unsicherheit der Frau im Mittelpunkt: Sie weiß auch nach einer Information über rechtliche Schutzmaßnahmen nicht, wie sie handeln soll, und die Beraterin kehrt an diesen Ausgangspunkt in der Beratung wieder zurück.

Hier wird die Schwierigkeit für Beraterinnen sichtbar, sich angesichts der Erwartung weiterer Gewalttaten klientenorientiert zu verhalten. Die Vorstellung, eine Frau könne wieder Opfer von Gewalt werden, ängstigt und kann dazu führen, dass sich eine Beraterin stärker an ihrer Gefährdungsprognose und ihrer eigenen Angst um die Frau orientiert als an den Wünschen der Klientin.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >