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Folgeinterventionen

Es kam bei diesem Muster zu keinen weiteren polizeilichen Interventionen aufgrund erneuter Gefährdungssituationen. Weitere Kontakte zur Polizei ergaben sich im Zuge des Strafverfahrens oder auch aufgrund eines Regelungsbedarfs während des Platzverweises. So wurde zur Gewährleistung des Schutzes der Frau die Polizei erneut aktiv, wenn es darum ging, dass der Mann während des Platzverweises bestimmte persönliche Sachen aus der Wohnung benötigte. Hier ist zu verzeichnen, dass die Polizei den Wünschen der Frauen bei der Gestaltung der Übergabe entgegenkam.

Erlebte Ausrichtung polizeilichen Handelns

• Beruhigung und Stabilisierung

Die Frage nach einem Bedarf an ärztlicher Hilfe für die Frau, die Aufforderung, eine vertraute Person zu rufen, sowie die Beaufsichtigung der Frau bis diese

Person eintrifft, das beruhigende Gespräch einer Polizeibeamtin mit einem ebenfalls gewaltbetroffenen Sohn sowie die Bekräftigung, dass der getätigte Notruf der Frau richtig war – in diesen Interviews findet sich eine Vielzahl an Schilderungen fürsorglichen Handelns der Polizei. Die Beamt/innen wurden mit einer Vielzahl an positiven Attributen versehen: Sie waren „nett“ (F 3, Abs. 20), „freundlich“ (F 3, Abs. 20; F 1, Abs. 33), „fast liebevoll“ (F 3, Abs. 20), „verständnisvoll“ (F 2, Abs. 18), „positiv“ (F 5, Abs. 17), „angenehm“ (F 8, Abs. 60). Die Frauen fühlten sich sowohl in ihrer Gewaltbetroffenheit als auch ihren Wünschen ernst genommen. Sie spürten, dass ihnen Sympathie entgegengebracht wurde.

Einzig eine sehr junge Interviewpartnerin beschrieb, wie sich polizeiliche Fürsorge in ihr Gegenteil verwandelte: Sie fühlte sich während des Polizeieinsatzes „überbeobachtet“ und erlebte die ausnahmslos männlichen Polizeibeamten ihr gegenüber als „unbeholfen“ (F 4, Abs. 23). Diese Unbeholfenheit führte sie auf ihre Erscheinung zurück: verletzt, seelisch aufgelöst und in Nachtkleidung. Sie beschrieb, dass die Beamten fortwährend um sie herum waren, aber keinen Weg fanden, sie zu trösten oder die beschämende Situation der unangemessenen Bekleidung aufzulösen. Ihre Deutung hierzu richtete sich auf das Geschlecht der Beamten. Eine Polizistin hätte sich ihrer Vorstellung entsprechend zu helfen gewusst: „Frauen sind da schon ein bisschen feinfühliger, und die hätte vielleicht die Türe abgeschlossen und gesagt: Ziehen sie sich erst mal was an und dann reden wir.“ (2-F 4, Abs. 19) Gravierender noch gestaltete sich die Vernehmungssituation für sie einige Tage nach dem Polizeieinsatz: Als vermeintlichen Beistand der Frau drängte der zuständige Polizist entgegen ihrem Einwand auf die Anwesenheit ihres Vater bei der Vernehmung. Sie erlebte es als „richtige Erniedrigung“ (2-F 4, Abs. 19), vor ihrem Vater verbale Demütigungen und Details der erfahrenen körperlichen und sexuellen Gewalt ausbreiten zu müssen. Zudem zeigte sie sich besorgt, ihren Vater durch dieses Wissen zu belasten. Anstelle Stärkung – wie intendiert – gestaltete sich die Vernehmungssituation für sie als beschämend und qualvoll.

• Stärkung der Sicherheit und des Sicherheitsempfindens

Positiv erwähnten diese Frauen Versprechungen der Polizei, während des Platzverweises häufiger eine Streife am Haus vorbeifahren zu lassen sowie die Aufforderung, sie möge sich erneut an die Polizei wenden, wenn der Mann dem Platzverweis zuwiderhandelt. Dieser Aufruf geschah einer stark verängstigten Interviewpartnerin zufolge mit hohem Nachdruck:

„Die haben dann gesagt ich soll mich auch nicht scheuen, wenn ich die Vermutung hab er wäre im Haus oder würde sich um das Haus herum irgendwie aufhalten, soll ich sofort anrufen – sie sind da um zu helfen. Und wenn ich das Gefühl ZEHNmal am Tag hab, soll ich ZEHNmal bei ihnen anrufen und sie werden ZEHNmal vorbeikommen und schauen, ob der Verdacht sich irgendwie bestätigt.“ (F 4, Abs. 3)

Deutlich wird in diesem Zitat nicht nur die Wahrnehmung einer polizeilichen Intention, mögliche Gefährdungen abzuwenden, sondern auch die des Bestrebens, eine Scheu der Frau gegenüber einer erneuten Inanspruchnahme der Polizei abzubauen. Die Frau hörte, dass ihre Angst ernst genommen wird, auch wenn sie sich im Nachhinein als unbegründet herausstellen würde: Sie darf sich ihrer Sicherheit durch polizeiliche Hilfe vergewissern. Mit dieser jungen Frau hielt die Polizei zudem von sich aus mehrfach Kontakt, um ihr den aktuellen Aufenthaltsort des Mannes nach dessen Vernehmung auf der Polizeidienststelle mitzuteilen. Sie begleitete außerdem den Mann beim Holen persönlicher Sachen aus der Wohnung, und zwar so kontrolliert, dass eine Begegnung der Partner strikt unterbunden war.

Alle acht Frauen brachten zum Ausdruck, dass sie die erlebte Sorge der Polizei um ihre Sicherheit und um den Abbau ihrer Angst als sehr wohltuend und wertschätzend erlebten. Keine rief jedoch ein zweites Mal die Polizei. Mehrheitlich hielten sich die Männer an den Platzverweis – mit Ausnahme des Gebots des Unterlassens der Kontaktaufnahme per sms oder Telefon. Einzig ein Mann drohte am Telefon, die ganze Familie töten zu wollen und wollte direkt nach Ausspruch des Platzverweises wieder in die Wohnung, was die Frau nicht zuließ.

 
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