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Die polizeiliche Intervention

Allen fünf Frauen gemeinsam ist, dass sie sich über das polizeiliche Handeln empört zeigten, weil die Polizeibeamt/innen ihrer Wahrnehmung nach die Bedrohungssituation nicht erkannten, die Schutzbedürftigkeit der Frau in Frage stellten und dementsprechend reserviert intervenierten. Zum einen führten die Frauen das erlebte polizeiliche Misstrauen auf äußere Umstände zurück: So hatte keine der Frauen größere Verletzungen davongetragen. Sie alarmierten die Polizei entweder in Erwartung einer Gewalttat, oder die Verletzungen waren äußerst gering, wenngleich das Gefährdungspotential ihrer Erzählung nach teilweise sehr hoch war (z. B.: Einsatz eines Messers, Holzbrettes). Außerdem gab es bei zweien keine unmittelbare polizeiliche Intervention auf eine Gewaltsituation. Sie suchten erst nach dem Gewaltvorfall die Polizeidienststelle auf, eine von ihnen sogar erst einige Tage später. Ein direkter Eindruck des Gewaltvorfalls blieb der Polizei hier zwangsläufig verborgen. Zum Zweiten benannten die Frauen zudem persönliche Faktoren, die sie als mögliche Erklärung für das wahrgenommene Misstrauen der Polizist/innen am Vorliegen einer Gefährdungssituation heranzogen: So beschrieben mehrere Frauen, sich nicht wie ein klassisches Opfer verhalten zu haben. [1] Eine Interviewpartnerin drückt dies folgendermaßen aus:

„Vielleicht bin ich nicht der Typ, ja, ich trete nicht so auf oder ich saß jetzt nicht da und und saß hier und hab geheult und hab mir jetzt – um Gottes Willen, wenn ich so mich verhalten hätte, vielleicht hätten sie [die Polizisten, Anm. Verf.] sich dann mir gegenüber auch anders verhalten, aber ich war einfach nur stinksauer. Und dann kam ich halt – ich kam als Starke rüber, und mein Mann stand auf dem Balkon und hat geheult. Ja. Und dann kam er als Schwacher rüber.“ (F 11, Abs. 89; Helfferich u. a. 2004: 74)

Ferner beschrieb sich eine Frau während des Polizeieinsatzes als „nervlich total durchgedreht“ (2-F 13, Abs. 62), zudem war sie in höherem Maße alkoholisiert als ihr Partner. Sie räumte in ihrer Erzählung auch sich eine gewisse Beteiligung an der Zuspitzung der Situation ein: Sie schüttete einen Eimer Wasser über den schlafenden Mann, der sich ihrem Rechtsempfinden entsprechend zu Unrecht noch in der Wohnung aufhielt. Rückblickend schlussfolgerte sie: „Ich denk, ich hab auch kein so tolles Bild abgegeben.“ (F 13, Abs. 7). Eine dritte Erklärung für eine polizeiliche Intervention der Zurückhaltung lag für eine Befragte in der Zugehörigkeit ihres Partners zum öffentlichen Dienst. Dies machte ihn ihrer Deutung entsprechend zu einer Art Kollegen der Polizeibeamten, mit dem man vorsichtiger umgeht:

„Also den Eindruck hab ich ganz stark gehabt: Hier ist ja auch jemand, der auch wie wir im öffentlichen Dienst ist, also das hab ich ganz krass empfunden, man hat sich von so 'ner Äußerlichkeit beeindrucken lassen.“ (F 9, Abs. 75)

• Ermitteln

Mehrheitlich wurde die Ermittlung der Polizei vor Ort von den Frauen aufgrund des wahrgenommenen Misstrauens als unangenehm empfunden. Die Frauen erlebten, dass sich die Ermittlung weniger auf das Vorliegen von Gewalt und Bedrohung bezog, sondern vielmehr auf ihre Glaubwürdigkeit. Die Erzählung einer Interviewpartnerin beschreibt dies besonders anschaulich: Diese Frau berichtete, dass sie von den vor Ort tätigen Polizisten mit dem Hinweis konfrontiert wurde, man müsse prüfen, ob sie Gewalt und Gefährdung womöglich nur vortäusche, um die Wohnung für sich zu gewinnen. Ihrer Interpretation nach wollte die Polizei ihre Glaubwürdigkeit an ihrer Bereitschaft zum Stellen eines Strafantrags überprüfen, wie folgendes Zitat belegt:

„Die haben ja zu mir klipp und klar gesagt: Sie haben die Polizei gerufen, dann müssen Sie jetzt Ihren Mann auch anzeigen. Warum rufen Sie die Polizei? Wenn nichts ist, dann brauchen Sie die Polizei nicht rufen. Also das war so ein bisschen irgendwie so ein Kuddelmuddel, ja. Im Nachhinein klar war ich froh, dass die den Platzverweis ausgesprochen haben, und dass er dann nicht mehr kommen durfte, aber bis das soweit war! Ich hab ja immer nur gesagt: Ich möchte nur, dass er geht. Ich will, dass er geht, er ist sturzbetrunken, er hat mich angegriffen, und ich möchte, dass er jetzt geht. Ich will ihn nicht anzeigen. Doch, das müsste ich. Warum ich dann die Polizei hole, dann bräuchte ich sie nicht rufen. Na hab ich gesagt: Ich hab Sie gerufen, damit Sie mir einfach helfen, ja? Das heißt ja nicht gleich, dass ich sofort die Scheidung einreiche und sofort meinen Mann anzeige.“ (2-F 11, Abs. 44)

Die Frau erlebte die Aufforderung der Polizei, einen Strafantrag zu stellen, als deren Bestreben, die Aufrichtigkeit der Frau zu prüfen. Sie erkannte im Handeln der Polizei die Logik: Wer wirklich schutzbedürftig ist, ist auch bereit, das Seinige beizutragen und einen Strafantrag zu stellen. Zudem liegt hier die Interpretation nahe, dass ihr relativ selbstbewusstes und auch forderndes Verhalten gegenüber der Polizei – wie sie es im Zitat beschreibt – möglicherweise bei den tätigen Polizeibeamt/innen eine gewisse Abwehr auslöste und diese nun mit einer Gegenforderung reagierten.

Eine andere Frau führte das Scheitern ihres Antrags auf Wohnungszuweisung und ihren Antrag auf eine Härtefallscheidung auf eine mangelnde Ermitt lungstätigkeit der Polizei zurück. Ihr Rücken wurde nicht auf blaue Flecken hin begutachtet, und sie selbst beschrieb sich als zu beschämt, um die Verletzungen beim Arzt attestieren zu lassen. Eine besondere Dramatik liegt in diesem Fall darin, dass es sich um eine hochgradig schwerhörige Frau handelte, deren Wohnung auf ihre Behinderung hin entsprechend eingerichtet war. Sie zog in ein Frauenhaus.

• Entscheiden

Die Entscheidung der Polizei über einen Erlass polizeilicher Maßnahmen fiel in dieser Gruppe von Frauen sehr unterschiedlich aus, und die Erzählungen der Frauen hinterlassen zum Teil Fragezeichen zur erteilten Maßnahme und zum Interventionsverlauf. Jene schwerhörige Frau berichtete von insgesamt drei Hilfeersuchen bei der Polizei. Die erste polizeiliche Intervention führte zu einem Platzverweis, den das Paar jedoch einvernehmlich nicht einhielt. Der hier gestellte Strafantrag wurde von der Frau zurückgezogen, weil sie der Beziehung mithilfe einer Paarberatung nochmals eine Chance geben wollte. Die folgenden zwei Hilfeersuchen der Frau mit der konkreten Bitte, erneut einen Platzverweis auszusprechen, wurden nun an die Ortspolizeibehörde überstellt, da die Tat bereits einige Tage zurücklag und kein sofortiges Handeln notwendig war.

Drei weitere Frauen dieses Musters wurden durch einen Platzverweis geschützt. Aber auch hier zeigten sich Besonderheiten: Bei einer währte der Platzverweis ausschließlich sieben Tage, welche sie im Interview als die maximal mögliche Zeitspanne erklärte. Eine andere berichtete, vom Polizeivollzugsdienst die Information erhalten zu haben, dass sie die Ortspolizeibehörde aufsuchen müsse, sollte sie eine Befristung des Platzverweises über 24 Stunden hinaus wünschen. Eine Verlängerung des Platzverweises wäre zudem von einem Strafantrag abhängig, was ebenfalls unrichtig ist. Dem Partner der dritten Frau wurde im Zuge des Platzverweises nur der Wohnungsschlüssel und nicht der Hausschlüssel abgenommen. So hielt sich der Mann während des Platzverweises zum größten Teil im Keller des Hauses auf. Die Frau beschrieb, nicht nur in Sorge um ihre eigene Sicherheit gewesen zu sein, sondern auch in Sorge um den Mann, weil es ein äußerst kalter Winter war, und er gerade eine Phase extremen Trinkens durchlebte. Sie bilanzierte:

„Also das war ja irgendwo inkonsequent, man hat das, was man in dem Fall hätte machen müssen, nicht getan oder nicht konsequent genug getan. Halbherzig.“ (F 9, Abs. 77)

Bei jener Frau, welche einen Eimer Wasser über den Mann schüttete, wurden kein Platzverweis und auch keine andere polizeiliche Intervention veranlasst. Ihr vor Ort geäußerter Wunsch, einen Strafantrag zu stellen, wurde aufgrund ihres alkoholisierten Zustandes abgewiesen.

• Aufklären

Die Aufklärung der Polizei über den Platzverweis fiel jenen Befragten entsprechend, deren Partner verwiesen wurde, dürftig aus. Sie berichteten teilweise von einem Merkblatt, das ihnen ohne Erläuterung „in die Hand gedrückt“ (F 11, Abs.

89) wurde. Informationen über die Möglichkeiten des Gewaltschutzgesetzes wurden nicht erteilt.

  • [1] Zu den Themen Handlungsmächtigkeit, Opferrollen und Opferbilder sowie deren Konsequenzen für die handelnde professionelle Praxis siehe Helfferich u. a. 2004.
 
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