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Erlebte Ausrichtung polizeilichen Handelns

• Wir definieren, entscheiden und handeln – Demonstration von Deutungsautonomie und Handlungsmacht

Die Erzählungen der Frauen weisen darauf hin, dass sie den Eindruck gewannen, die vor Ort tätigen Polizeibeamt/innen geben ihnen deutlich zu verstehen, dass sie sich nicht von ihren Darstellungen und Wünschen leiten lassen werden, sondern ihre eigenen Einschätzungen und Entscheidungen treffen. Drei Frauen berichteten, mit dem Vorwurf konfrontiert worden zu sein, die Polizei zu Unrecht gerufen zu haben, da doch nichts Gravierendes geschehen sei. Die Auffassung der Frau, in einer bedrohlichen Situation zu sein, wurde in Frage gestellt und andere Motive für den Polizeiruf erwogen:

„Also mir wurde nicht geglaubt, mir wurde unterstellt, ich hätte die Polizei nur gerufen, weil ich ihn raushaben will. Und also ich wurde behandelt als hätte ich irgendwas verbrochen. (...) ich meine, die haben mir das erklärt, sie haben gesagt: Für sie gibt es erst mal keinen Schuldigen, sie müssen erst mal auf nach allen Seiten praktisch abfragen, wer jetzt da Recht hat oder wer nicht, und wem sie da glauben oder nicht. Okay, das kann ich ja noch einsehen, ja, vielleicht gibt es solche Fälle, wo Frauen das so machen, ja, oder ihren Männern was weiß ich was anhängen wollen. Aber dass man so behandelt wird, ja, also furchtbar. Also ich fand FURCHTbare Behandlung, wirklich. Also auf gut Deutsch unter aller Sau.“ (F 11, Abs. 24 / 89)

Diese Frau erlebte die Zurückweisung ihrer Situationseinschätzung durch die Polizeibeamt/innen als abwertend und demütigend. Für die Notwendigkeit eines Hinterfragens ihrer Angaben kann sie grundsätzlich ein gewisses Verständnis aufbringen. Es empört sie aber, dass sie sich unerwartet in der Rolle der Beschuldigten wiederfand und sich erklären musste.

Eine andere Befragte war bei einem vorangegangenen Einsatz aufgrund häuslicher Gewalt bereits von der Polizei über die Maßnahme Platzverweis informiert worden, machte damals aber einen „Rückzieher“ (F 9, Abs. 9), so dass kein Platzverweis ausgesprochen wurde. Sie entgegnete den Polizeibeamten nun beim zweiten Polizeieinsatz auf den Vorwurf des unbegründeten Notrufs folgendermaßen:

„...ich sag: Ja, ich bin im Oktober schon mal da gewesen, war blitzeblau und war vier Wochen lang krankgeschrieben, und ich wollte es nicht wieder so weit kommen lassen. Und außerdem hat mir ihr Kollege damals gesagt, schon die Androhung von Gewalt ist ausreichend um einzuschreiten. Man muss es nicht erst bis zur Vollendung kommen lassen. Also ich bin von dem Polizisten dann wirklich – war ich diejenige, wie kann ich sie zum Samstagabend denn holen und so. Ich weiß nicht, ich bin mir so vorgekommen wie der letzte Dreck. (....) Und dann hab ich mir eben erlaubt zu fragen, ob man ihm den Schlüssel wegnimmt. Das müssen sie uns schon überlassen, das ist unsere Sache.“ (F 9, Abs. 5/7)

Helfferich u. a. fanden bereits in verschiedenen Interviews Hinweise darauf, dass ein solch aufgeklärtes Auftreten gegenüber der Polizei unter Umständen dazu beitragen kann, genau deren Misstrauen hervorzurufen. Die gut informierte, argumentierende Frau gerät hier unter den Verdacht, möglicherweise niederträchtig und eigennützig zu handeln, wenn das Vorliegen von Gewalt und Gefährdung nicht offensichtlich ist. Sie steckt in einem „Dilemma“ (vgl.: Helfferich u. a. 2004: 62). Jene hier zitierte Frau nahm in diesem Zusammenhang zudem die Präsentation polizeilicher Autonomie und Stärke wahr. Sie traf auf Polizeibeamte, welche ihrem Eindruck entsprechend eine Frage bereits als Einmischung in ihre Intervention verstanden und die bestrebt waren, in ihrer Unabhängigkeit und Autorität wahrgenommen zu werden: Die Polizei lässt sich nicht sagen, was sie zu tun hat. Diese wahrgenommene Ausrichtung polizeilichen Handelns korrespondiert mit dem von den befragten Polizist/innen dieser Studie vorgetragenen Verdacht, von Paaren in hochstrittigen Trennungssituationen instrumentalisiert zu werden (vgl.: Kap. 4.2.2.1).

• Aufwand gering halten – Eigenverantwortung einfordern

Die Frauen dieses Musters berichteten zum Teil sehr drastisch ihren Eindruck, dass der polizeiliche Einsatz für die tätigen Polizeibeamt/innen eine „leidige Geschichte“ (F 13, Abs. 31) gewesen war, die sie rasch hinter sich bringen wollten. In ihren Augen beschränkten sich die Polizist/innen auf das Nötigste und verwiesen die Frauen auf ihre Eigenverantwortung. Sie gaben ihnen zu verstehen, dass sie ihren Fall im Grunde als einen nach außen getragenen eskalierten Beziehungskonflikt einstufen, bei dem das Vorliegen einer ernstlichen Gefährdung unwahrscheinlich, aber eben doch nicht ganz auszuschließen ist.

„Jetzt sagen die mir: Ja Frau Bauer*, wir können so und so weit machen, das ist auch okay, aber Sie müssen dann gucken, nach ihrem eigenen Scheiß gucken.“ (F 12, Abs. 19)

Diese Frau beschrieb hier, wie die Polizei ihre Zuständigkeit einräumte, als berechtigt erklärte, aber deutlich begrenzte: Für die langfristige Abwendung der Gefährdungsfaktoren sei die Frau selbst verantwortlich, das ist ihr „eigener Scheiß“. Inwiefern die Polizei tatsächlich die Worte so gewählt haben mag oder nicht, bleibt dahingestellt – erkennbar wird in diesem Zitat aber, dass die Frau eine Geringschätzung ihrer Lebenssituation mit einem gewalttätig gewordenen Partner wahrnahm. Die Polizei vermittelte ihr in dieser Aussage auch, dass sie sie grundsätzlich für fähig hält, die Probleme selbständig in Angriff zu nehmen.

Dies geschieht jedoch nicht ermunternd und wertschätzend. Vielmehr wird ihrer Interpretation nach unterschwellig der Vorwurf hörbar, warum sie ihre inakzeptable Lebenssituation nicht selbst frühzeitig geordnet habe, bevor es zur Eskalation kam. Die Zuschreibung von Handlungsfähigkeit führte sie darauf zurück, dass sie nicht aufgelöst, sondern „innerlich ziemlich gefasst“ (F 12, Abs. 51) auftrat. Diese Selbstbeherrschung wurde ihr ihres Erachtens als Stärke ausgelegt, weshalb weitere Hilfen von Seiten der Polizei unterblieben. Dabei hätte sie sich Beratung für sich und ihren Partner gewünscht, ebenso ein ernsthaftes und zugewandtes Interesse der handelnden Polizisten: „...dass da vielleicht auch einfach so das Menschliche ein bisschen mehr rüberkommt.“ (F 12, Abs. 53; Helfferich

u. a. 2004: 95). Diese Erfahrung der Geringschätzung durch die Polizeibeamten zog sie als Erklärung dafür heran, dass sie sich an keine weitere Institution innerhalb der Interventionskette gewandt hatte. Auch ein pro-aktiv gestelltes Beratungsangebot lehnte sie ab.

Eine andere Befragte beschrieb, wie sie am Tag nach Ausspruch des Platzverweises mehrfach auf das Polizeirevier gebeten wurde. Sie erlebte das polizeiliche Handeln, vornehmlich eines speziellen Beamten, als eine Schikane:

„Sonntag früh um sechs hat man hier angerufen, ich möchte doch bitte sofort aufs Polizeirevier kommen, hier in Backnang*. Ich dachte: Na ja früh um sechs, na ja gut, vielleicht ist ja um acht Schichtwechsel, dass sie das noch fertig machen müssen, das Protokoll. Hmhm, (verneinend) weit gefehlt. Der gleiche Beamte war auch noch Sonntagnachmittag, ich soll dann noch ne Tasche fertig machen, und hab's auch noch auf 's Polizeirevier gebracht, also war er Sonntagnachmittag hat der Gleiche noch Dienst gehabt. Also man hätte mich nicht früh um sechs schon da hinzitieren müssen. Ich konnte ja die Nacht eh nicht schlafen, bin erst gegen Morgen eingeschlafen, und da war ich grad eingeschlafen, und da klingelte eben um sechs das Telefon: Sofort kommen. Und also ich, wie gesagt, ich bin mir eigentlich vorgekommen wie's Letzte.“ (F 9, Abs. 7).

Zwei weitere Frauen berichteten vom Abschlagen ihrer konkreten Bitten an die Polizist/innen, wie einen Transport in ein Krankenhaus oder Hilfe beim Rausschaffen persönlicher Habseligkeiten aus der Ehewohnung. Mögen die Hilfeersuchen auch im speziellen Einzelfall unangemessen oder fehladressiert gewesen sein – bedeutsam hier ist zum einen die Wahrnehmung einer Schroffheit, mit der die Polizist/innen ihre Anliegen abwiesen. Zum Zweiten erhielten sie keine Informationen, wer oder was für diese Anliegen in Frage kommen könnte. Folgendes Zitat illustriert dies deutlich:

„Kein einzigster Polizist hat mir dann geholfen vielleicht ein Bild hochzutragen, die haben dann zu mir gesagt: Sie sind doch keine Möbelpacker...“ (F 10, Abs. 69)

 
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