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Folgeinterventionen

Beide Frauen berichteten von nachfolgenden Interventionen der Polizei aufgrund weiterer Gewaltvorfälle sowie aufgrund eines Überschreitens gerichtlich erwirkter Schutzmaßnahmen. Gewalt, verbale Auseinandersetzungen, Stalkingverhalten trotz bestehendem Näherungsverbot machten weitere Polizeieinsätze notwendig. Neu ist hier, dass die Frauen das Gefühl hatten, ihren Hilferuf nun der Polizei erklären zu müssen:

„Der [Ex-Partner, Anm. Verf.] hatte dann teilweise die Polizei gerufen oder so Geschichten, weil er meinte ich würde ihn nicht reinlassen und so. Und da hab ich gesagt: Moment mal, andersrum wird ein Schuh daraus, und musste praktisch mich mal rechtfertigen, und das war

– das waren teilweise komische Situationen, ja.“ (F 14, Abs. 9)

Beide Frauen machten die Erfahrung, dass sowohl die Polizei als auch die Außenwelt im Allgemeinen mit Unverständnis darauf reagierten, dass es trotz Platzverweis und Gewaltschutzmaßnahmen überhaupt noch zu Konfliktsituationen in der Wohnung kommen konnte. Eine der Frauen fühlte sich nicht nur unter Erklärungsdruck, sondern auch von der Polizei „beschimpft“ (2-F 15, Abs. 19), weil sich der Mann trotz Verbot in ihrer Wohnung aufhielt. Aufgrund der bestehenden gerichtlichen Wohnungszuweisung wurde kein weiterer Platzverweis ausgesprochen. Der Mann wurde mal „abtransportiert“ (2-F 15, Abs. 21), mal zur Ausnüchterung in Gewahrsam genommen und mit Geldstrafen versehen.

Erlebte Ausrichtung polizeilichen Handelns

Was in den Erzählungen der beiden Frauen deutlich zur Sprache kam, ist ihre Wahrnehmung einer sich verändernden Handlungsorientierung der Polizei im Laufe der mehrfachen Interventionen. In Bezug auf den ersten Polizeieinsatz berichteten die Frauen jeweils von einer schnellen, klaren aber auch knappen Intervention mit dem Ziel der Herstellung von Schutz. Die darauf folgenden polizeilichen Interventionen wurden anders geschildert: Aufgrund des Zuwiderhandelns gegen die erlassenen Maßnahmen wurden nun in zunehmendem strengem Ton Trennungsappelle an die Frau gerichtet:

• Ermahnung, die Trennung konsequent durchzusetzen

Eine Befragte schilderte eine für sie bedrohliche Situation nach der für sie nun endgültigen Trennung vom Partner. Der Mann passte sie ab, drängte sie, ihm Geld zu besorgen und wartete in der Wohnung auf ihre Rückkehr von der Bank. Sie alarmierte die Polizei und kehrte mit dieser in ihr Zuhause zurück:

„Die haben ihn dann rausgeleitet, das war ohne Platzverweis, und dann hat sie [die Polizistin; Anm. Verf.] noch zu mir gesagt: Ja, jetzt geben Sie ihm den Schlüssel aber nicht mehr. Dann hab ich gesagt: Ja den Schlüssel hat er ja gar nicht gell, ich hab ihn einfach trotzdem halt irgendwie halt reingelassen wenn er mich da immer abfing. Teilweise lauerte der mir ja quasi im Hausflur auf, weil ihm irgendwer im Haus halt aufgemacht hatte, ja. Und // also da hatte ich schon das Gefühl bei der, dass die ja // natürlich auf meiner Seite war, ja, aber das ist halt dann oft diese Sache, dass natürlich Leute überhaupt nicht verstehen können, wieso ist das nicht endlich mal zu Ende.“ (F 14, Abs. 16)

Diese Frau nahm bei der Polizistin, die sie bereits aus den vorangegangenen Einsätzen kannte, die Auffassung wahr, dass Platzverweis und Näherungsverbot grundsätzlich das Potential besitzen, eine Gewaltbeziehung langfristig beenden zu können. Sollten sie diese Wirkung nicht entfalten, so muss dies am inkonsequenten Verhalten der Frau liegen. Die Polizistin hatte ihrer Beschreibung nach nicht erfasst, dass sich die zunächst ambivalente Haltung der Frau zum Partner allmählich aufgelöst und sie die Trennung bereits entschieden vorangetrieben hatte. Der Partner verhielt sich jedoch trotz gerichtlicher Schutzanordnungen und trotz Scheidung fortwährend „penetrant“ (F 14, Abs. 4) ihr gegenüber. Außerdem verbat ihr das bestehende Umgangsrecht des Vaters mit den gemeinsamen Kindern einen kompletten Kontaktabbruch. Ihn kurzzeitig wieder in die Wohnung zu lassen bedeutete für sie zu diesem Zeitpunkt in keinster Weise eine Wiederaufnahme der Beziehung. Interessant ist, dass diese Befragte die Aufforderung zur Trennung dieser Polizistin positiv bewertete. Sie betonte sogar, dass dies grundsätzlich frühzeitig und mit höherem Nachdruck geschehen sollte:

„...diese Ermutigung diese Situation auch einfach abzuschließen, und nicht irgendwie in die Richtung zu gehen: Na ja, vielleicht wird es wieder. Also ich denk, dass die Polizeibeamtin zwar eben doch – zumal die mir damals im Januar dann letzten Jahres eben sagte: Jetzt geben Sie ihm aber nicht die Schlüssel oder jetzt lassen Sie ihn nicht mehr rein. Die hat natürlich das im Prinzip auch benannt, die hat schon gesagt: Also das ist ja jetzt ne Situation, da muss wirklich ein Schlussstrich sein. Da gibt's nicht hier da nähert man sich wieder an oder so Geschichten. Aber wenn ich nicht selber schon so weit gewesen wäre, dann hätte das ja eigentlich gar nichts genützt, dass die mir das halt so sagt, ja. Also ich denk da müsste // viel stärker drauf hingewiesen werden, dass es auch – also ich glaub viele Frauen, die denken das können sie nicht machen oder so. Also dass man denen ganz klar sagt: das ist in Ordnung, und das ist vielleicht in dem Fall oder ganz sicher der einzig richtige Weg zu sagen – äh einen kompletten Bruch zu machen oder so. Also das vermisse ich eigentlich, und ich denk, wie gesagt, zum Glück hab ich das ja für mich selber ja so gewollt.“ (F 14, Abs. 34)

Eine eindrückliche Aufforderung zur Trennung sowie eine Abweisung jeglicher Idee einer Wiederannäherung oder Verpflichtung gegenüber dem Partner erachtet sie generell als hilfreich. Gleichzeitig beschreibt sie, dass ohne die eigene Überzeugung, dass die Lösung der Beziehung den einzig richtigen Weg darstellt, kein Appell etwas bewirken könne. Dennoch sollte dieser ihrer Auffassung entsprechend erfolgen, je eindrücklicher umso besser. Für die Befragte spielte sicherlich zudem die erlebte wertschätzende Haltung der Polizistin ihr gegenüber eine bedeutsame Rolle. An anderer Stelle des Interviews lobt sie das „ruhige“ (F 14, Abs. 9) und stringente Handeln der Polizistin. Sie hatte trotz der mahnenden Worte den Eindruck, die Polizistin verurteilt sie nicht. Ganz anders gestaltete sich hier der Eindruck der anderen Interviewten dieses Musters:

„Also die Polizei ist für mich überhaupt gar keine Lösung mehr, überhaupt nicht mehr. Also das Letzte was ich erlebt hab war einfach nur der Satz: Ja Frau Reiser-Baum*, wir wissen ja wie das bei Ihnen ist, Sie lassen Ihren Mann doch immer wieder rein, und wir brauchen ja schon gar nicht mehr kommen, weil kein Handlungsbedarf besteht. So ungefähr (...) mit erhobenem Zeigefinger: du DARFST doch nicht, du solltest doch nicht, und warum HAST du?“ (2-F 15, Abs. 19)

Diese Frau hörte in der polizeilichen Mahnung Sarkasmus heraus. Sie fühlte sich von der Polizei angegriffen und abgewiesen, weshalb sie sich keine Hilfe mehr von ihr versprach.

 
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