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Abschließende Anmerkungen

Die Erzählungen über das polizeiliche Handeln insgesamt betrachtet legen die Interpretationen nahe, dass die Polizeieinsätze sowie der Platzverweis weder bei den beiden Frauen noch bei ihren Partnern einen großen Eindruck hinterließen. Der Platzverweis rückte die Frauen im wechselseitigen Kampf um Macht und Anerkennung kurzfristig zwar in eine stärkere Position, er gab jedoch keinen Anstoß für einen Wendepunkt in der Partnerschaftsdynamik: „...das war halt – es war eigentlich ein Schuss vor den Bug gegen ihn, aber der war so minimal, das hat ja damals überhaupt nichts bewirkt dann im Endeffekt.“ (F 14, Abs. 32)

Beide äußerten den Wunsch nach Kontrolle und Zwang: Die Einhaltung des Platzverweises solle überprüft und durchgesetzt werden. Außerdem sollten nach der Auffassung einer der beiden Frauen ein Vorsprechen bei der Polizei am Folgetag des Platzverweises sowie psycho-soziale Beratung für beide Partner verpflichtend sein. Die andere Frau erachtete es als unerlässlich, dass dem Paar die Notwendigkeit der Trennung eindringlich vor Augen geführt wird. Im Verständnis beider liegt im Platzverweis prinzipiell die Chance eines Auftaktes einer Intervention, die nun unter Zuhilfenahme von „Zwang“ (F 15, Abs. 37) folgen sollte. Eine Strafanzeige lehnten die Frauen entschieden ab. Die eine, um dem Mann die ohnehin schon bestehenden beruflichen Schwierigkeiten nicht zu verstärken, die andere, weil sie „...das nicht noch weiter an die Spitze treiben wollte.“ (2-F 15, Abs. 5)

Es stellt sich die Frage, weshalb gerade diese beiden Frauen, die sich im Interview als gebildet, reflektiert und lebenstüchtig präsentierten und von einem stabilen sozialen Netz berichteten, so stark den Wunsch nach polizeilichem Zwang, Kontrolle des Platzverweises und Strenge in Bezug auf die Trennungsaufforderung verbalisierten. Gerade hier kann möglicherweise der Schlüssel zum Verständnis liegen: Weil sie sich als kluge, kompetente und gestandene Frauen definieren und präsentierten, kann ihr Anspruch an sich selbst, die Partnerschaft zum Gelingen zu bringen, besonders hoch ausfallen. In dem gesellschaftlichen Milieu, in dem sie sich verorteten, wird eine Partnerschaft nicht leichtfertig beendet, sondern man arbeitet und kämpft miteinander um eine Lösung der Probleme. Dies mag besonders gerade für diese beiden Frauen gelten, denn es ist bereits ihre zweite Ehe, welche scheitert. Zwang und Strenge von außen – sofern sie respektvoll vorgetragen werden – könnten ihnen helfen, von ihrem eigenen Anspruch abzurücken. Eine weitere Deutung: Die Frauen beschrieben die erste polizeiliche Intervention als kurz und knapp. Der Platzverweis wurde „ratzfatz“ (F 14, Abs. 6), schnell und ohne viele Worte ausgesprochen. Eventuell war es auch hier die präsentierte Lebenstüchtigkeit, weshalb die Polizei so handelte: die Polizeibeamt/innen betrachteten die Frauen als Gewaltopfer, jedoch nicht als hilflos. Möglicherweise sind sie ihrem Eindruck erlegen, diese Frauen würden die Problematik der gewalttätigen Beziehung aufgrund ihrer vorhandenen Ressourcen schnell selbst bewältigen, und sie könnten sich daher auf den Erlass der Maßnahme Platzverweis beschränken. Dieser erste Eindruck wurde in den Folgeeinsätzen enttäuscht. Die nun folgende Strenge der Polizei kann ein Ausdruck für die Deutung sein: sie könnte, wenn sie nur wollte.

 
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