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6.1.4 Hartnäckig und präventiv – die polizeiliche Intervention zur Beendigung einer Tyrannei

Die neun Frauen in diesem Muster erlebter polizeilicher Intervention (F 16 F

24) beschrieben Gewalt und Tyrannei, welche die Mehrheit auf einen schweren Alkoholismus, eine einzelne Frau auf akute Schübe einer psychotischen Erkrankung, eine andere auf krankhafte Eifersucht des Mannes zurückführte. Deutlich wird in diesen Erzählungen, wie sehr der Mann ihnen fremd geworden ist, wie „verrückt“ (F 21, Abs. 6; F 17, Abs. 11) oder „abartig“ (F 20, Abs. 3) ihnen sein Verhalten in ausgeprägten Phasen erscheint. Die Auslöser der Gewalt beruhten in den Augen der Frauen nicht auf einem zwischenmenschlichen Konflikt in Partnerschaft oder Familie, sondern allein auf der gravierenden Persönlichkeitsstörung des Mannes aufgrund der Sucht oder der schweren psychischen Problematik. Der Mann wurde als krank definiert, und in den Extremphasen der Krankheit war er nicht mehr der Mann, den sie geheiratet hatten, sondern ein „Tier“ (F 17, Abs. 16), ein „ekelhafter Prolet“ (F 22, Abs. 13), ein „Lustmolch (...) ein Triebtäter“ (F 20, Abs. 53). Teilweise berichteten sie, wie sie im Laufe der Zeit Ekel und Hass dem Mann gegenüber entwickelten.

Die Gewalterfahrungen von acht der neun Frauen sind schwerwiegend: Prügeln, Würgen, in einem Einzelfall sadistische sexuelle Gewalt, daneben

„Psychoterror“ (F 20, Abs. 2; F 17, Abs. 8) durch verbale Erniedrigungen und formulierte Todesdrohungen. Aggressivität und Übergriffe richteten sich zum Teil auch auf weitere Familienmitglieder, insbesondere auf die Kinder, die versuchten, ihre Mutter zu verteidigen und dabei selbst Opfer wurden. Die Frauen beschrieben ein Leben in Angst sowie die Unmöglichkeit, dem als übermächtig angesehenen Partner zu entkommen ohne sich extrem zu gefährden.

Zwei der Frauen lebten erst rund drei Jahre unverheiratet mit dem gewalttätigen Partner zusammen. Sie hatten Kinder aus einer vorangegangenen Ehe. Die übrigen Frauen waren über einen längeren Zeitraum von zehn bis hin zu 40 Jahren mit dem Mann verheiratet. Sie erzählten ähnliche Eckdaten ihrer Lebensgeschichte: Jung geheiratet, früh das erste Kind bekommen, eine klassische Rollenverteilung in der Ehe, welche teilweise dazu führte, dass sie nach der Geburt des ersten Kindes nicht mehr oder nur noch phasenweise geringfügig berufstätig waren. Teilweise beschrieben sie sich als naiv und unselbständig, zum einen, weil sie die Anzeichen von Alkoholismus in früheren Zeiten nicht erkannten, zum Zweiten, weil sie den Mann lange Zeit idealisierten und ihm große Entscheidungsspielräume innerhalb der Familie überließen. Die Frauen lebten in unterschiedlichen sozialen Milieus.

Jene sieben Frauen, deren Männer Alkoholiker waren, beschrieben einen langen Kampf gegen die Sucht, immer in der Hoffnung, dass sich die Partnerschaft wieder erholen könne, wenn die Sucht bewältigt würde. Zum Teil berichteten sie, dass sich diese Hoffnung phasenweise erfüllte und erzählten von gewaltfreien Ehejahren, zum Teil erlebten sie aber auch, dass der Mann in trockenen Zeiten dennoch aggressiv und gewalttätig gegen sie agierte. Durch Rückfälle, erneute Alkoholexzesse, gebrochene Versprechungen reifte sukzessive der Entschluss, die Beziehung beenden zu wollen. [1] Ähnlich gestaltete sich auch die Erzählung der Frau, welche mit einem Psychotiker liiert war. Sie berichtete von mehreren erfolglosen Therapien und medikamentösen Behandlungen ihres Mannes, wobei ihre Hoffnung, die Krankheit in den Griff zu kriegen, sukzessive schwand. Acht der neun Frauen waren bereits vor dem Platzverweis zur Trennung entschlossen, aber noch auf der Suche nach einem für sie gangbaren Weg. Die fortwährende Bedrohungssituation, das Gefühl der eigenen Wertlosigkeit, das sie durch die langjährige Erniedrigung entwickelt hatten, bei manchen auch die bereits erwähnte allgemeine lebenspraktische Unselbständigkeit, ließen sie die Trennung nicht zielstrebig umsetzen. Einige bemühten sich daher, zunächst Selbständigkeit und Selbstsicherheit (zurück) zu gewinnen, und es setzte jener Prozess ein, den Helfferich u. a. als die Umkehrung der Gewaltspirale beschrieben (vgl.: Helfferich u. a. 2004: 44f).

  • [1] Zur Rolle des Alkohols in gewalttätigen Partnerschaften siehe Helfferich u. a. 2004: 123ff.
 
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