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6.2.3 Unterbringung des Mannes

Der Ortspolizeibehörde obliegt auch die Aufgabe der Unterbringung eines Verwiesenen während des Platzverweises, sofern dieser nicht selbst für sich sorgen kann. Vier Frauen berichteten, dass ihrem Mann eine solche kommunale Behausung angeboten wurde. Eine Frau äußerte sich grundsätzlich positiv über diese Wohnmöglichkeit für den Mann, da hierdurch für die Familie keine großen finanziellen Aufwendungen entstehen:

„Die haben ihm ja so ein Zimmer angeboten, das wiederum fand ich total – toll, weil wenn du jetzt nicht besonders betucht bist wäre das ja echt ein Problem.“ (F 3, Abs. 38)

Die Erzählungen der Frauen lassen aber auch erkennen, dass der Gedanke, dass ihr Mann in einem Obdachlosenheim untergebracht werden würde, für sie nicht einfach zu ertragen war. Die obig Zitierte lehnte daher Informationen über den Ort der Unterbringung ihres Mannes ab. Sie vermutete, „dass man die Männer da nicht belohnt.“ (F 3, Abs. 34) und wollte sich durch Wissen nicht belasten. Sie untersagte dem Mann zudem, den Kindern am Telefon über die Schäbigkeit der Unterkunft vorzujammern. Zwei weitere Frauen, noch unentschlossen, ob sie die Partnerschaft fortsetzen wollen oder nicht, boten ihrem Mann an, wieder in die Ehewohnung zurückzukehren. Die Vorstellung ihres Mannes in einer kommunalen Notunterkunft schien ihnen unerträglich.

„...wo er da untergebracht ist, das ist wirklich das letzte Loch. Das ist schon bald menschenunwürdig wo er da lebt, mit Ratten verbunden und lauter so Zeug, also ist echt das Letzte, das tut mir dann irgendwo wieder leid, dass ich schon so weit war und hab gesagt gehabt, er soll wieder zurückkommen.“ (F 1, Abs. 29)

Der Mann dieser Frau nahm das Angebot der Rückkehr, welches sie mit einem Vorschlag eines Neustarts des Zusammenlebens verband, nicht an. Er wollte ihrer Erzählung entsprechend von sich aus den Abstand zur Familie auch über die Zeit des Platzverweises hinaus. Dabei ergab sich die Problematik, die Helfferich u. a. bereits erwähnten (vgl.: Helfferich u. a. 2004: 129), dass sie sich in der dörflichen Gemeinschaft, in der sie lebten, zwangsläufig wiederholt begegneten:

„Man ist sich dann halt einfach im Ort halt über den Weg gelaufen, und das also in dem Moment ist's echt beschissen, das soll dann lieber an 'nem anderen Ort sein, dass man sich dann selber hier irgendwie frei bewegen kann...“ (F 1, Abs. 47)

Die räumlich nahe Unterbringung des Mannes bedeutete für die Frau ihrer weiteren Erzählung nach eine Einschränkung, weniger wegen Unsicherheit und Angst vor erneuten Übergriffen als vielmehr wegen der ständigen Möglichkeit einer Begegnung. Diese waren für sie mit Gefühlen von Trauer, Mitleid und Schuld verbunden. Die persönliche Krise des Mannes blieb ihr durch die Enge der Dorfstruktur nicht verborgen, so dass sie sich rückblickend einen größeren räumlichen Abstand gewünscht hätte. Ebenso kritisierte sie, dass ihm neben der Unterbringung keine Unterstützung angeboten wurde. Sie hätte ihn damit versorgt gewusst, was sie emotional entlastet hätte. Bei der zweiten Frau, welche dem Mann den Verbleib im gemeinsamen Wohnhaus als Alternative zu einer Obdachlosenunterkunft gestattete, verhielt sich der Sachverhalt ihrer Beschreibung nach anders. Hier war es der Mann, der gegenüber der Mitarbeiterin der Ortspolizeibehörde den Wunsch äußerte, während des Platzverweises in der räumlich abgetrennten Mansarde des Wohnhauses der Familie bleiben zu dürfen. Die Verwaltungsfachkraft reichte den Wunsch an die Frau weiter:

„Ich seh das jetzt im Nachhinein als verkehrt an. Er hat dann drum gebeten, dass er oben in der Mansarde einziehen darf, also dort wohnen kann, und dass er nicht irgendwo anders hingebracht wird. Ich wurde dann gefragt von der Frau, ich glaub Frau Schmidt* heißt die, vom Amt für öffentliche Ordnung, und hab dann zum Schluss auch eingewilligt, dass er das durfte, dann also hat er die Schlüssel für unsere Wohnung abgeben müssen, hat die 100 Meter Abstand zu mir halten müssen und so weiter. Und die ersten paar Tage, wo er noch dann seinen Rausch ausgeschlafen hat, ist es auch ruhig gewesen, aber dann hat's dann halt angefangen: Er wollte rein weil der Computer, er musste an den Computer und ja immer so Sachen. Ich hab dann auch früher als die ausgeschriebene Zeit ihn wieder in die Wohnung reinkommen lassen, zum Essen. Und das ist etwas jetzt mit diesem im Haus bleiben, also ich denke es wäre für ihn vielleicht lehrreicher gewesen, hätte er woanders hin müssen.“ (F 19, Abs. 5)

In diesem Zitat wird eine Expertin beschrieben, welche den Wunsch des Mannes mit der Frau erörterte. Zum Ausdruck kommt hier eine grundsätzliche Bereitschaft der Behörde zu einem gewissen Entgegenkommen, zu einer Abschwächung der Härte und Konsequenz des Platzverweises, sofern die Frau hierfür ihre Zustimmung erteilt. Die Frage nach der Möglichkeit der Nutzung der Mansarde traf auf die ohnehin vorhandene Besorgnis der Frau um das Wohlergehen ihres schwer alkoholkranken Mannes. Eine Unterbringung in einer Obdachlosenunterkunft war für sie aufgrund seines Alkoholproblems daher mit großen Bedenken verbunden. Außerdem bestand für sie die Gefahr einer möglichen Aufdeckung der Suchtund Gewaltproblematik, da ein Freund der Familie in einer solchen Einrichtung beschäftigt war. Rückblickend hatte sie ihr Nachgeben bereut, da der Mann ihrer Beschreibung entsprechend den Platzverweis und das Näherungsund Kontaktverbot nicht mehr ernst nahm, ihr Entgegenkommen nicht würdigte und keinerlei Lehre aus der Intervention zog.

Beide Frauen kritisierten an sich, zu viel an Mitgefühl und Rücksicht für den Mann aufgebracht zu haben. Was in ihren Erzählungen fehlt, ist eine kritische Einschätzung des Handelns der Ortspolizeibehörde. Sie nahmen das Handeln und Entscheiden der Ortspolizeibehörde ohne Wertung als gegeben hin.

 
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