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6.2.4 Informieren und Unterstützen

In drei Interviews erwähnten Frauen, dass sie von den Verwaltungsfachkräften der Ortspolizeibehörde Erläuterungen zum Verstehen der Abläufe erhalten haben. Erteilt wurden Informationen zum Platzverweis und zum Angebot der Opferberatung sowie Hinweise auf zivilrechtliche Schutzmöglichkeiten. Eine dieser drei Frauen hob lobend hervor, dass sie im Gespräch mit dem dortigen Sachbearbeiter wichtige Informationen zur Interventionskette erhalten habe. Hier schien es ihr erstmals möglich, ihre Konzentration überhaupt auf das Verstehen ihrer rechtlichen Möglichkeiten zu richten. Diese Kenntnis gab ihr die Zuversicht, dass die handelnden Institutionen ihr zur Seite stehen und sie keine Angst zu haben braucht:

„Was mir geholfen (...) von die Rathaus, von diesem Mann, und er mir alles erzählt, und ich brauche nicht Angst haben.“ (F 21, Abs. 53)

Eine andere Frau beschrieb rückblickend ihre Zufriedenheit mit dem telefonischen Gespräch mit einer Mitarbeiterin der Ortspolizeibehörde. Ihre Worte deuten indirekt darauf hin, dass ihr möglicher Bedarf an Unterstützung Bestandteil des Gespräches gewesen sei. Dies erlebte sie als aufmerksam und wohltuend, auch wenn sie einen Hilfebedarf für sich verneinte:

„Jedenfalls hat eine Frau beim Rathaus das weiß ich – die vom Ordnungsamt wahrscheinlich. Vom Ordnungsamt. Und die hat mich angerufen. Ich kann's jetzt nicht mehr zurückverfolgen, aber ich war auch sehr sehr zufrieden. So ich mein ich hab jetzt nicht das Gefühl gehabt, Hilfe zu brauchen in dem Sinne, ich war mit mir so im Reinen und im Klaren, aber es hat mir trotzdem sehr sehr gut getan.“ (F 8, Abs. 67)

6.2.5 Zusammenfassung und Schlussfolgerung

Die Ausführungen der Frauen zur Intervention der Ortspolizeibehörde machen eine unterschiedliche Handlungspraxis der Behörde deutlich. Zum einen findet sich jene Handlungspraxis, bei der auf einen Kontakt zum Opfer verzichtet wurde. Die Behörde trat gegenüber der Frau gar nicht, allenfalls mit der Zusendung eines schriftlichen Bescheids über die Terminierung des Platzverweises, in Erscheinung. Die Behörde verzichtete zur Beurteilung der Gefährdungslage auf die Einschätzung der Frau. Hinsichtlich der Entscheidung über den Platzverweis fanden sich in dieser Praxis alle möglichen Varianten: von der Aufhebung des Platzverweises bis hin zur Befristung über den empfohlenen Zeitraum von 14 Tagen hinaus. Zum Zweiten wurde eine Handlungspraxis beschrieben, in der die Ortspolizeibehörde zunächst ebenfalls auf eine Anhörung der Frau verzichtete, jedoch mit ihr Kontakt aufnahm, um zu klären oder zu erläutern, inwiefern den Interessen des Mannes gegenüber Rechnung getragen werden kann. So der Fall bei jener Frau, die gefragt wurde, ob der Mann während des Platzverweises in der Mansarde wohnen könne oder jener Frau, deren Schutz durch den Platzverweis aufgrund des im Haus befindlichen Geschäftstelefons des Mannes auf sieben Tage begrenzt wurde. Der Wahrnehmung dieser Frauen entsprechend ging es der Sachbearbeiterin in diesem Kontakt in erster Linie um eine Vergewisserung, ob eine Milderung der Einschränkungen, die für den Mann mit einem Platzverweis verbunden sind, vertretbar ist. Die Besonderheit, die sich hierbei für die Frauen im Kontakt mit der Behörde ergab, war, dass sie sich auf den Vorschlag des Einlenkens beziehen mussten.

Im Interviewmaterial fand sich außerdem eine Form der Intervention, der ein Interesse an der Aussage und dem Befinden der Frau zugrunde lag. Ihre Darstellung des Geschehens wurde eingeholt und die Möglichkeit genutzt, ihr das Verfahren zu erläutern und sie gegebenenfalls auf hilfreiche Einrichtungen hinzuweisen. Besonders umfassend fiel das Gespräch mit jenen Frauen aus, bei denen kein Einsatz des Polizeivollzugsdienstes vor Ort stattfand, sondern die Prüfung direkt von der Ortspolizeibehörde durchgeführt wurde. Die Anhörung der Frauen wurde zum Ausgangspunkt ihrer Entscheidung über den Platzverweis. Es wurden aber auch einige Frauen von der Behörde zum Gespräch geladen, bei welchen eine Befristung eines vorläufigen Platzverweises anstand. Deren Erinnerungen und Eindrücke über den Kontakt fielen jedoch recht dürftig aus, was darauf hindeuten könnte, dass man von Seiten der Behörde nicht mehr allzu tiefgreifend nachfragte und sich hauptsächlich an den Fakten orientierte. Dennoch: Ein von der Behörde zum Ausdruck gebrachtes Interesse an ihrer Situation und ihrem Informationsund Hilfebedarf fand eine positive Erwähnung.

Dass das Datenmaterial zur Ortspolizeibehörde quantitativ wie qualitativ eher spärlich ausfiel, mag einerseits daran gelegen haben, dass der Fragebogen der Platzverweisstudie das Handeln dieser Behörde eher nur am Rande streifte. Dies allein reicht aber meines Erachtens als alleinige Erklärung nicht aus. Vielmehr kann hierin ein Anhaltspunkt liegen, dass in den Gesprächen im Erleben der Frauen wenig Eindrückliches stattgefunden hat. Besonders deutlich wird dies daran, dass den Frauen der Name der Verwaltungskraft sowie die Bezeichnung der entsendenden Behörde in der Regel entfallen waren. Es ist zu vermuten, dass sich den Frauen der Auftrag der Ortspolizeibehörde und deren Handlungsleitsätze und -spielräume nicht gänzlich erschlossen. Dieses fehlende Wissen kann dazu führen, dass sie mehrheitlich dem Handeln der Behörde vertrauten, deren Entscheidungen unhinterfragt und kritiklos hinnahmen und kaum Erwartungen entwickelten. Möglicherweise zeigt sich hier, wie gewaltbetroffene Frauen reagieren, wenn – wie Helfferich u. a. beschrieben – der Platzverweis ein institutionelles Verfahren in Gang setzt, das ihrer Kontrolle weitgehend entzogen ist (vgl.: Helfferich u. a. 2004: 57): abwartend und hinnehmend. Schutz schien in ihren Augen weniger ein Recht zu sein denn eine Gunst, die ihnen zuteil wird.

 
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