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6.3.1 Erlebte Beratungsmodule

6.3.1.1 Schutzmaßnahmen

[1]

In den Erzählungen der beratenen Frauen wird deutlich, dass sie in der Erstberatung über die rechtliche Möglichkeit informiert wurden, die gemeinsame Wohnung längerfristig alleinig nutzen zu können. Dies berichteten sowohl Frauen, die die Ehe aufrechterhalten wollten als auch solche, die zur Trennung entschlossen waren. Für einzelne war diese Option gänzlich neu:

„Das hat mir schon geholfen in dem Moment. Weil sie einfach die Möglichkeit // gesagt gehabt hat, dass man dann halt hier bleiben kann und nicht grad andersrum wie sonst die Frauen halt eben immer flüchten irgendwie, ins Frauenhaus gell. (...)Ich hab immer gesagt ich verlass das Haus, ich verLASS das nicht. Weil jedes LÖFFELE auf Deutsch gesagt gehört MIR da drinnen. Und deswegen war das so, für mich kam das – das wär egal gewesen was passiert wär, ich wär da hanne nicht raus. Weil ich gedacht hab das ist's Einzige was ich hab und was mir selber gehört und deswegen.“ (F 1, Abs. 39 / 99)

Für diese Frau war genau die Information über die Möglichkeit einer Wohnungszuweisung der Ausweg aus einer konfliktreichen Lebenssituation. Eine andere hatte schriftliche Informationen zum Gewaltschutz bereits von der Polizei erhalten, die sie jedoch nicht befähigten, einer Antragstellung nachzugehen. Sie beschrieb, für die Inanspruchnahme des Gesetzes auf Erläuterungen in der Beratung angewiesen gewesen zu sein:

„Ich hatte auch das Blatt [Informationsmaterial Gewaltschutzgesetz, Anm. Verf.] hier durchgelesen, ich hab das in dem Moment nicht so erfasst, dass ich da hingehen muss zu dem Anwalt, um das jetzt verlängern zu können. Das hat sie mir ausdrücklich gesagt. Sagt sie: Ja wenn Sie möchten, dass er nach den 14 Tagen nicht wieder hier auf der Matte steht,

Ein anderer Aspekt im Zusammenhang mit Schutz in der Beratung betrifft die Standhaftigkeit gegenüber erlassender Schutzmaßnahmen. Eine Frau erzählte von „starken Angstgefühlen“ (F 23, Abs. 10) gegenüber dem psychisch kranken Partner, der sie trotz Platzverweis und Näherungsverbot wiederholt aufsuchte. Sie betonte die Bedeutung des Appells der Beraterin an ihre Entschlossenheit, der sie ermutigte, sich gegen seine Überschreitungen zur Wehr zu setzen und sich ihm nicht aus Angst zu beugen:

„...hab mich da auch immer wieder mit Frau Eppler* beraten lassen so und sie sagte auch: also auf keinen Fall aufmachen, auf keinen Fall sich auf irgendwas einlassen, sondern Sie müssen Ihre Linie schon gehen und konsequent bleiben. Und ich hab dann auch einmal beim Arbeitsplatz die Polizei angerufen, also das war mir ganz arg peinlich und ganz arg also – aber ich bin dann froh, sie die waren da und haben ihn dann abgefangen. (...) Also da blieb ich dann auch hart, und dann musst ich das auch also mit ganz harten Mitteln durchziehen lassen sozusagen. (...) Weil er hat's dann nur auf dieser Sprache oder Ebene verstanden gell, anders konnt man da nicht kommunizieren – und das auch, wie gesagt, mit Beratung.“ (F 23, Abs. 10 12)

Die Erzählungen der Frauen zum Beratungsmodul Schutz kreisen vornehmlich um die Maßnahme der gerichtlichen Wohnungszuweisung. Die Frauen berichteten wenig über eine Erörterung individueller Möglichkeiten zur Stärkung der eigenen Sicherheit in der Beratung, sie benannten jedoch – allgemein formuliert

– viele Informationen und Tipps bekommen zu haben, welche sich möglicherweise auf solche bezogen.

Eine besondere Episode zu Gefährdung und Schutz als Thema in der Beratung beschrieb eine Interviewpartnerin, deren Erzählung sich dadurch auszeichnet, dass sie im Interview eine Geschichte der Befreiung aus Tyrannei und Ohnmacht entwarf. Sie erzählte wie ihre Beraterin, welcher der Auftrag obliegt, sowohl dem Opfer als auch dem Täter ein Beratungsangebot nach Platzverweis zu unterbreiten, selbst in eine Bedrohungssituation geriet:

„Die Frau Schneider* hat ja auch versucht mit ihm ins Gespräch zu kommen, und dann hat er ihr gegenüber gedroht: Ha ja das wird noch Konsequenzen haben, und da werden Köpfe rollen. Und dann hat mich die Frau Schneider* angerufen und hat gesagt: Oh Gott Frau Klein*, was mach ich denn jetzt? Der äh – wo sind denn die Waffen? Na sag ich: Soweit ich weiß sind die noch bei der Stadt. Hat sie gesagt: Ja aber das kann doch sein, dass der die wieder – dass die die gar nicht behalten dürfen. Und dann hab ich gesagt: Das machen wir anders. Ich hab dann versucht den Mensch zu erreichen im Rathaus. Der für die Waffen zuständig ist, der war im Urlaub. Na bin ich trotzdem hinmarschiert zu seinem Kollegen, hab ihm gesagt: Horchen Sie her, so und so schaut 's aus, lassen Sie bitte die Waffen da.“ (F 22, Abs. 41)

Der Darstellung der Frau entsprechend wandte sich die Beraterin hilfesuchend an sie, und die Klientin nahm es selbst in die Hand, Vorsichtsmaßnahmen zur Stä

kung des Schutzes für sich als auch für die Beraterin zu treffen. Zu berücksichtigen ist dabei die allgemeine Selbstpräsentation der Frau im Interview: Sie legte den Akzent darauf, ihren Weg eigenständig bewältigt zu haben. Professionelle wirken in ihrer Darstellung wie Randgestalten: Sie kommen, agieren und gehen wieder – sie bleiben immer in Distanz zu ihr. Manchen erhaltenen Ratschlag griff sie auf, andere verwarf sie, beharrlich ging sie ihren eigenen Weg.

  • [1] Zur Notwendigkeit des Aufgreifens des Themas Schutz und Sicherheit in der Beratung siehe Helfferich u. a. 2004: 102ff.
 
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