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Von "Unsterblichen" und "Identitären" – Mediale Inszenierung und Selbstinszenierung der extrem Rechten

Roland Sieber

Hunderte Jugendliche mit weißen Masken marschieren mit Fackeln und pompöser Musik durch die Nacht. Ihre Forderungen gegen den "Volkstod" hallen landauf und landab durch Straßen und Städte. Die deutsche Jugend steht auf, so zumindest suggerieren es Videoclips der "Unsterblichen", die sich auf Videoplattformen und über Social Networks verbreiten.

Die Realität sieht anders aus: Anwohner werden von Böllerlärm, Fackellicht und unverständlichen, aber lautstarken Parolen von – zumeist maskierten – jungen Männern aus dem Bett geschreckt. Bis die Polizei eintrifft, sind die dunklen Gestalten oft wieder verschwunden. Der Sinn hinter den vorgetäuschten "spontanen" Flashmobs ergibt sich für die unfreiwilligen Zeugen erst nach Schauen des jeweiligen Videozusammenschnitts, der üblicherweise samt politischem Pamphlet einige Stunden nach dem gespenstischen Geschehen ins Netz gestellt wird. Eine Aktionsform aus der völkisch-rassistischen Neonaziszene, konzipiert für die mediale Verbreitung.

Neonazis und "Identitäre" versuchen sich neuerdings auch in Flashmobs auf Hardbass tanzend. Ein Musikstil, der aus Russland kommt, Anleihen aus dem Dubstep nimmt sowie auf Hardstyle zurückgeht (Burstup 2012) [1]. Die modern erscheinende virale Marketingstrategie haben österreichische und deutsche Rechte bei der aktionsorientierten französischen "Génération identitaire" und den italienischen Faschisten der "Casa Pound" abgeschaut, die unter anderem Gebäude besetzen, rechte "Kulturzentren" etablieren und gegen Sparpolitik "flashmobben".

Für das Netz "gemacht" und speziell auf den derzeitigen größten Social Network Service "Facebook" zugeschnitten, wurde die selbsternannte "Identitäre Bewegung Deutschland". Deren angebliche 54 offizielle und weitere inoffizielle Ortsgruppen schienen im Herbst 2012 wie Pilze aus dem Boden zu schießen, zumindest virtuell.

"Unsterbliche" und "Identitäre" haben die popkulturelle Aufbereitung und mediale Überhöhung extrem rechter Ideologien gemeinsam. Die vergleichsweise wenigen Aktivisten werden intern in ihrem "Wir-Gefühl" bestärkt. Durch die Verbreitung der vermeintlich progressiven Aktionen über Onlinemedien soll eine medienaffine Generation zielgruppenorientiert angesprochen und so neue Aktivisten gewonnen werden. Die Aktion an sich steht als Träger der politischen Botschaft im Vordergrund. Das Medienecho in seriösen Zeitungen, Radiound Fernsehsendungen ist Teil der Strategie. Die Ideologie dahinter bleibt vorerst schwammig. Die Aktionen provozieren und wecken Neugier. Das Marketingziel "Aufmerksamkeit" wird erreicht bzw. zu Lasten von diskriminierten Personengruppen erzwungen. Es wird Aktion suggeriert, hinter der sich aber politische Reaktion verbirgt. Um sich selbst über "das Volk" bzw. die "kulturelle Identität" veredeln zu können, braucht es Sündenböcke: Die "Volks"oder "Kulturfremden" und verschwörungsideologisch deren angebliche Helfershelfer im "multikulturellen Mainstream", also alle vermeintlichen (Links-)Liberale, Linke, Grüne, wahlweise "die Juden" oder Muslime, die etablierten Parteien und die "Systempresse" oder kurz: jede und jeder der nicht ins (kultur-)rassistische Weltbild passt.

Dieses plumpe "Wir" gegen "Die" kommt virtuell bei der Zielgruppe an und ist in seiner verkürzten Botschaft perfekt geeignet, schnell "geliked" und geteilt zu werden. Wobei die Anhänger des "Wir" dabei angeblich nur dem "gesunden Menschenverstand" folgen, auf ihr "natürliches" innerstes "Eigenes" hören und aus ihrer Sicht demnach folgerichtig auf der "guten", der "richtigen" Seite stehen. Exklusive, ausschließende Solidarität als Abgrenzung zu konstruierten, pauschalisierten und mit negativen Fremdzuschreibungen belegten Personengruppen. Mit der Ausgrenzung der vermeintlich "Anderen" geht aber auch immer eine Disziplinierung der "Eigenen" durch Kulturalisierung, Ethnisierung und Biologisierung einher. Dabei wird das konservative Familienbild hochgehalten und Frauenund Schwulenfeindlichkeit offen ausgelebt. Was nicht ins geschlossene Weltbild passt, wird mit Verschwörungstheorien ins eigene Gedankenbild hineingepresst. Mit den "Unsterblichen" und den "Identitären" wurden zwei politische "Corporate Designs" entworfen. Ersteres erinnert an den Faschismus der dreißiger Jahre, an nächtliche Fackelzüge durchs Brandenburger Tor, an die Machtdemonstrationen der Nationalsozialisten und deren propagandistisch-filmische Aufbereitungen. Für Zweiteres wird – ausgerichtet auf die Verbreitung mittels Aufklebern und via Facebook – eine modernere und zeitgemäßere Aufmachung von Parolen und Bilder verwendet. Inhaltlich läuft es auf dieselbe einfache, kurze und prägnante Botschaft hinaus: "Was uns ausmacht stirbt aus, wenn wir uns jetzt nicht wehren."

  • [1] Burstup (2012): Rechte vereinnahmen Hardbass. FM4/ORF. In: fm4.orf.at/stories/1707634/ Zugegriffen: 10. November 2012.
 
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