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6.3.1.3 Erörterung der Lebensund Paarsituation

Die Frauen berichteten mehrheitlich, in der Beratung die Möglichkeit erhalten zu haben, Sorgen und Belastungen hinsichtlich der Gewaltproblematik, der Partnerschaft, der familiären Lebenssituation sowie weitere Themen von Belang offen zu erzählen. Einzelne Frauen hoben schon allein dieses Angebot hervor, weil sie aus unterschiedlichen Gründen den Eindruck hatten, sich keiner Person aus ihrem privaten Umfeld anvertrauen zu können:

„Die Gespräche mit der Frau Kramer*, das war schon irgendwo – weil mit wem soll man drüber reden, mit wem gell?“ (F 24, Abs. 63)

Dieses Erzählen-Dürfen wurde dann als wohltuend beschrieben, wenn sich die Frauen von ihrer Beraterin „verstanden“ (F 24, Abs. 94; F 8, Abs. 91; 2-F 1, Abs.

57) fühlten. In den Interviews hierzu wurde deutlich, dass dies zum einen dann der Fall war, wenn eine Frau den Eindruck gewann, dass die Beraterin „weiß, von was ich rede“ (F 24, Abs. 94). Diese Aussage impliziert ein Vertraut-Sein mit dem Thema häusliche Gewalt, ein Wissen, mit welchen Belastungen und Gefühlen diese Problematik für eine Frau verbunden sein kann sowie eine empathische Haltung. Zum Zweiten wurde in den Erzählungen deutlich, dass eine Akzeptanz der Entscheidung einer Frau hinsichtlich ihrer Partnerschaft für ein Gefühl des Verstanden-Werdens von zentraler Bedeutung war. Es zeigte sich, dass Frauen es schätzten, wenn ihre Entscheidung nicht in Frage gestellt, sondern akzeptiert, besser noch, bestärkt wurde [1]:

„...diese Ermutigung, diese Situation auch einfach abzuschließen und nicht irgendwie in die Richtung zu gehen: Na ja, vielleicht wird es wieder.“ (F 14, Abs. 34)

Hörbar wird in diesem kurzen Zitat die Befürchtung, in der Erstberatung nach Platzverweis könnte ihr ein Überdenken ihres Trennungsentschlusses angeraten werden. Andere Beratungsstellen hatten ihr ihrer Erzählung nach im Vorfeld des Platzverweises einen solchen Rat erteilt, ihres Erachtens in der Intention, den gemeinsamen Kindern die Familie zu erhalten. Sie selbst sah sich nun an einem Punkt angekommen, an dem ihr eine Trennung nach mehreren Jahren des Hin

und Her, des Einlenkens und Aufbrechens sowie der gescheiterten Hoffnungen unausweichlich schien. Sie lobte nun eine „etwas vehementere Gangart“ (F 14, Abs. 26) ihrer Beraterin, die ihr zu verstehen gab, dass es in ihrer Situation keine Alternative zu ihrem Trennungsentschluss gäbe und sie darin bestärkte, ihre Rechte gegenüber dem Mann durchzusetzen. „...das war das, was mir wichtig war ja, weil alles andere wusste ich ja selber.“ (F 14, Abs. 26): Mit den problematischen Facetten einer Trennung ohnehin vertraut, benötigte sie eine Bestärkung, den Weg der Trennung konsequent zu gehen.

Eine Bestärkung gefällter Entscheidungen kann auch in einem fortgesetzten Beratungsprozess bedeutsam werden, insbesondere dann, wenn sich im Verlauf der Umsetzung Zweifel an der Richtigkeit einstellten. So berichtete eine Frau über ihre Beraterin:

„Sie ist auch jemand wo man wirklich gut sprechen kann, wo einen halt auch wieder auf den BOden runter holt. Wo dann wo dann sagt, er fährt nur auf Mitleid. Ich soll das jetzt mal kapIERen, und SCHON DANN AUCH Tacheles mit einem schwätzt, aber das ist auch wichtig, irgendwo. Also sie hat mir schon geholfen.“ (F 1, Abs. 65)

Diese Frau beschreibt hier eine Beraterin, die offen und schonungslos ihre Interpretation der Situation äußerte und sie aufforderte, sich dieser anzuschließen und sich nicht durch den Mann beirren zu lassen. Sie erlebte diese Offenheit als hilfreich, weil sie hierdurch wieder „auf den Boden“ kommt, im Sinne einer Festigung ihres Trennungsentschlusses und einer Abwehr ihrer bindenden Gefühle gegenüber dem Mann.

In den Erzählungen der Frauen waren es nicht nur Trennungen, welche in der Beratung akzeptiert und bestärkt wurden, sondern auch die gegensätzliche Entscheidung, die Fortführung der Ehe. Folgende Zitierte berichtete über mehrere Beratungsgespräche, in denen sie eine Beraterin erlebte, die...

„...auch aus eigenem Interesse auch mir Tipps gegeben hat, wie ich mich eventuell vielleicht verhalten könnte gegenüber meinem Mann. Es hat mir schon gut getan. Ich hab mich dann schon besser gefühlt nachdem ich mich mit ihr unterhalten konnte. Weil ich auch da von ihr in einigen Punkten auch Recht bekommen habe, was ich von meinem Mann nicht bekommen habe, wo ich im Recht war.“ (F 6, Abs. 51)

Die gewählte Beschreibung “aus eigenem Interesse“ zeugt von einer wahrgenommenen Anteilnahme und Wichtigkeit, welche das künftige Wohlergehen der Frau in der Ehe für die Beraterin hatte. Diese „setzte sich mit ihr auseinander“ (F 6, Abs. 51), sie erteilte Tipps bezüglich ihres Verhaltens gegenüber dem Mann, was impliziert, dass die Frau eine Beraterin erlebte, die ihre Entscheidung zu bleiben anerkennt. Das Bleiben wurde zum Ausgangspunkt einer Beratung zur Verbesserung ihrer Lebenssituation.

In der Platzverweisstudie wurde bereits die Bedeutsamkeit der Akzeptanz gefällter Entscheidungen in Bezug auf die Partnerschaft der Frauen in der Bera-

tung herausgearbeitet (vgl.: Helfferich u. a. 2004: 86f). In vier Erzählungen übten die Frauen zum Teil heftig Kritik, wenn sie den Eindruck gewannen, die Beraterin berate in entgegengesetzter Richtung als die selbst gewählte. Sie fühlten sich unverstanden und hatten den Eindruck, sie müssten sich erklären wenn nicht gar „verteidigen“ (F 11, Abs. 68). Sie berichteten zudem, ein weiteres Beratungsgespräch aus diesem Grund abgelehnt zu haben. Eine zum Bleiben entschlossene Frau beschrieb:

„Ich hatte nicht das Gefühl, dass die überhaupt sich ein bisschen reinfühlen kann was ne Familie ist, so hatte ich das Gefühl. Ich hatte nicht das Gefühl, dass die selber irgendwie Familie hat. Also eigentlich dass Familie ne Fremdsprache ist (lächelt) in Anführungszeichen. Weil sie das überhaupt nicht so begriffen hat, was ich ihr da gesagt hab...“ (2-F 3, Abs. 32)

Das erlebte Unverständnis hinsichtlich ihres Wunsches zu bleiben erklärte sich diese Frau mit einer vermuteten Unerfahrenheit der Beraterin über die Bedeutung von Bindung in einer Familie. Eine Familie löst man ihrer Auffassung entsprechend nicht so schnell auf: „ne Chance kriegt jeder.“ (F 3, Abs. 54).

  • [1] siehe hierzu Anforderungen an die Beratung, Helfferich u.a. 2004: 105ff
 
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