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6.3.1.6 Prüfung des Kindeswohls

[1]

Der gesetzliche Schutzauftrag verlangt bei häuslicher Gewalt von den Mitarbeiter/innen der ASD von Jugendämtern die Prüfung, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt. Sind diese mit der Aufgabe der Erstberatung von Gewaltopfern im Platzverweisverfahren betraut, stehen sie vor der Anforderung, die Interessen der Frau als auch die Interessen der Kinder gleichermaßen zu berücksichtigen. Jene Frauen, welche minderjährige Kinder hatten und eine Erstberatung durch einen ASD des Jugendamtes erhielten, berichteten, dass die Prüfung des Kindeswohls einen zentralen Bestandteil des Erstgesprächs bildete.

„Sie hat mehr oder weniger alles abgefragt, die Situation, die finanzielle Situation, es ging halt um Trennung dann. Wie die Situation wäre, wenn ich mich trennen würde, aber das wusste ich alles schon, weil ich ja schon halbes Jahr davor beim Anwalt war, und da ging es halt darum. Aber mehr eigentlich großartig jetzt nicht. Es ging eben um die Kinder, weil die Kinder an dem Tag ja nicht da waren, und sie hat gesagt, sie würde sich ja auch um das Wohl der Kinder kümmern.“ (F 11, Abs. 60)

In diesem Zitat wird der Eindruck der Frau hörbar, dass die Klärung des Kindeswohls die zentrale Leitlinie der Beratung darstellte. Ihre Aussage: ‚es ging eben um die Kinder' deutet darauf hin, dass sie die vom ASD eingebrachten Fragen zur finanziellen Situation und zur Trennungsoption letztendlich vor dem Hintergrund des Kindeswohls gestellt sah. Die Handlungspraxis dieser Sozialpädagogin sah – wie die Befragte an anderer Stelle erläuterte – ein Erstgespräch mit der Frau, ein Gespräch mit dem Mann und darauf folgend ein gemeinsames Gespräch vor. Die Frau zeigte sich diesem Verfahren gegenüber zunächst aufgeschlossen. Sie war entschieden, die Ehe im Zuge des Platzverweises vorerst nicht zu lösen, weshalb ihr auch ein begleitetes gemeinsames Gespräch sinnvoll erschien. In dem gemeinsamen Beratungsgespräch fühlte sich die Frau jedoch wenig verstanden und tendenziell angeklagt, so dass sie das Gespräch abbrach,

„...weil sie eigentlich irgendwie nicht verstanden hat, um was es eigentlich geht. Also das hat mir überhaupt nichts gebracht. Vielleicht waren wir da auch nicht auf einer Wellenlänge, ich weiß es nicht. Also sie stand da eigentlich auf seiner Seite, und ich stand da und musste mich da praktisch – ja irgendwie dann – verteidigen verteidigen, ja genau. Und warum ich denn nicht, und was ich machen würde wenn und wenn und wenn, und ich hab gesagt: Ja wenn, es ist aber nicht WENN! (...) Das endete dann damit, dass sie gesagt hat, ja das hat alles gar keinen Sinn, dann müssten wir jetzt die Trennung besprechen...“ (F 11, Abs. 66 – 68)

In der Darstellung der Interviewten schien die Beraterin des ASD beharrlich auf ein klares Ergebnis der offenen Frage ‚Fortsetzung oder Trennung der Partnerschaft' hinzuarbeiten. Helfferich u. a. weisen darauf hin, dass Beratung scheitert, wenn sie nicht ergebnisoffen in Bezug auf die Frage ‚Trennen oder Bleiben' gestaltet wird (vgl.: Helfferich u. a. 2004: 94). Diesbezüglich kann ergänzt werden, dass Beratung auch dann scheitern kann, wenn sich Frauen zu einer raschen Entscheidung hinsichtlich der Zukunft der Partnerschaft gedrängt fühlen und den Eindruck haben, dass eine offene Auszeit der Partnerschaft nicht als eine mögliche dritte Option anerkannt wird. Ergebnisoffenheit impliziert auch vorläufige Ergebnisse und den Aufschub von Entscheidungen.

  • [1] Zum Thema Kinder im Platzverweisverfahren siehe Helfferich u. a. 2004: 135ff.
 
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