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6.3.2 Verschiedene Beratungseinrichtungen – verschiedene Ausgestaltung der Hilfe

Die Erzählungen der Frauen zeugen vom Erleben von Unterschieden hinsichtlich der Beratungskultur, der Themenfokussierung sowie des Aufgabenverständnisses unter den verschiedenen Trägern der Erstberatung. Die 17 beratenen Frauen erhielten, wie eingangs dargestellt, Erstberatung durch einen ASD, durch eine Beratungsstelle eines Frauenhausträgervereins oder durch eine Beratungsstelle in diakonischer Trägerschaft. Wenn nun im Folgenden auf diese Unterschiede eingegangen wird, muss berücksichtigt werden, dass zum einen die Fallgruppe von 17 Frauen relativ klein ist. Zum Zweiten beschränken sich die Erfahrungen der Frauen mit diakonischen Beratungsstellen auf zwei konzeptionell sehr unterschiedliche Einrichtungen: eine auf den Platzverweis ausgerichtete Koordinierungsstelle sowie auf eine allgemeine Lebensberatung. Auch deuten manche Erzählungen eher auf individuelle Beratungsstile der einzelnen Expert/innen hin als auf unterschiedliche institutionelle Kulturen. Dennoch soll an dieser Stelle der Versuch unternommen werden, Unterschiedlichkeiten aus den Erzählungen herauszuarbeiten.

Ausrichtung der Erstberatung durch den ASD im Erleben der Frauen

Im Folgenden wird der Blick zunächst auf Besonderheiten der Gestaltung der Erstberatung durch den ASD gerichtet, welche in den Interviews zum Ausdruck kamen. Vorweg: Allgemeine Soziale Dienste öffentlicher Träger zeichnen sich dadurch aus, dass sie als „Basisdienst der Sozialen Arbeit“ (Greese 1994, in Merchel 2003: 44), als erste Anlaufstelle für soziale Problemlagen im Bereich Jugendoder Sozialhilfe fungieren. Sie sind die Allrounder der Sozialen Arbeit,

arbeiten in der Regel stärker in die Breite als in die Tiefe. Die Beratung des ASD umfasst klassischerweise die Klärung des Bedarfs, die Information über Hilfen sowie die Weitervermittlung in entsprechende Hilfsangebote. Sie prüfen und überwachen, wo Aufgaben ihr staatliches Wächteramt betrifft. Das folgende Zitat einer befragten Frau zur persönlichen Erstberatung durch eine Sozialpädagogin des ASD veranschaulicht dieses professionelle Handlungsverständnis:

„Die hat mich dann halt gefragt, wie es mir geht, und ob ich jemand hab, mit dem ich drüber reden kann oder ob sie dafür sorgen soll, dass noch jemand mit mir spricht.“ (F 3, Abs. 26)

Die Frau erlebte eine Expertin, die in Sorge um deren seelische Befindlichkeit war und die eine Vertrauensperson für sie in ihrer Situation als hilfreich erachtete. Sie selbst präsentierte sich hierfür nicht als Gesprächspartnerin, bot aber an, ihr eine solche Person zu vermitteln. Die Wahrnehmung eines tendenziell koordinierenden Handlungsauftrags lässt sich in allen acht Interviews finden, in denen der ASD erstberatend für die Frau tätig war. Logischerweise endete diese Beratungstätigkeit in Bezug auf die Situation des Platzverweises somit auch nach ein bis zwei Terminen. Hinsichtlich Kindeswohl, Umgangsoder Sorgerechtsangelegenheiten im Zuge nachfolgender Scheidungsverfahren ergab sich manche längerfristige Begleitung.

Mehrere der beratenen Frauen beschrieben ein Bestreben der Fachkraft des ASD, rasch den vorliegenden Bedarf zu erfassen, um darauf bezogen ein stringentes pragmatisches Unterstützungskonzept zu entwerfen. Die Frage des Bleibens oder Trennens war ihren Erzählungen entsprechend von zentraler Bedeutung, um die wirtschaftliche Lage einer Familie zu erfassen, welche sich in Abhängigkeit dieser Entscheidung gestaltet. Eine Frau hatte hierzu eine klare Entscheidung gefällt, so dass die Mitarbeiterin des ASD rasch finanzielle Hilfen in die Wege leiten konnte:

„Die Frau Walter* vom Sozialamt, die hat da also muss ich sagen sich sehr sehr gut eingesetzt. Also mich beraten, mir die finanziellen Mittel vorgeschlagen, wo ich jetzt kurzfristig sagen wir mal an etwas mehr als ans normale Geld rankommen kann, das heißt also über Kleidergeld und so weiter, dass ich da – und auch heute noch muss ich sagen bin ich – jetzt war eben das ganze Problem mit dem Erziehungsgeld von ihm, darüber bin ich ja versichert, krankenversichert. Das war dann ein Anruf bei ihr, dass das Sozialamt eben die Kosten für die Krankenversicherung für mich und die Kinder übernommen hat und so weiter. Also ich muss sagen da – auch von der Menschlichkeit, von der Art und Weise von der Frau Walter*.“ (2-F 13, Abs. 58)

Als unkonventionell, schnell und freundlich beschreibt diese Frau hier die Unterstützung des ASD. Diese Frau präsentierte sich in beiden Interviews relativ beratungsfern, was sich darin ausdrückte, dass sie Fragen nach Beratung oder nach Wünschen an Unterstützung entweder ablehnend beantwortete oder hierauf von negativen Erfahrungen mit dem Jugendamt berichtete. Die pragmatische Hilfe des ASD, welche ihren Bedarf an finanzieller Unterstützung erfüllte, war für sie richtig und passend.

Einige Frauen, vornehmlich jene, welche die Partnerschaft zunächst nicht lösen wollten, kritisierten die handlungsorientierte Beratungspraxis eines erstintervenierenden ASD. Sie nahmen „wenig Einfühlungsvermögen“ (F 3, Abs. 34) wahr. Die erlebte starke Ausrichtung auf klare Entscheidungen und folgerichtige Handlungsschritte hinterließ bei ihnen den Eindruck, hier bestünde das Ansinnen, eine „Akte“ (2-F 9, Abs. 53) müsse abgearbeitet werden:

„Man wird immer abgehandelt ne, und dann müssen sie halt das tun, dann müssen sie halt das tun. Ja ich kann das nicht einfach tun, ja? Wir sind 20 Jahre zusammen, wir haben drei Kinder, und ich kann nicht einfach 20 Jahre wegschmeißen und sagen: Ja, so jetzt geht's nach dem Paragraph, und er hat das getan, dann machen wir jetzt das, und dann die Schiene und dann das. Das geht einfach nicht. Man wird da halt irgendwie in ne Schublade gesteckt hab ich so das Gefühl.“ (F 11, Abs. 97)

Hörbar wird hier zudem der Eindruck der Befragten, die Beraterin bemühe sich darum, ihren Fall in bekannte Schemata einzuordnen, um so auf ein vorgefertigtes und folgerichtiges Handlungskonzept zurückgreifen zu können. Eine andere Interviewte wollte die Ehe ebenfalls zunächst nicht lösen, sondern prüfen, ob ihr Mann durch den Platzverweis zu Einsehen gelangt und sich hinsichtlich der von ihr eingeforderten psychologischen Hilfe nun öffnet. Dass sie nun zunächst zuwartet und keine zentralen Veränderungen im Gefüge der Familie initiiert, schien in ihren Augen für die Beraterin unverständlich zu sein. Sie hatte den Eindruck, dass es für die Expertin selbst hilfreich gewesen wäre, sie könne handeln, einen handfesten Beitrag dahingehend leisten, dass häusliche Gewalt ein Ende findet:

„Das hat sie überhaupt nicht verstanden, die hat mir dann eingeschwätzt, ich würde jetzt da irgendwas verdrängen oder was weiß ich. (...) ich glaub für sie wäre es gut gewesen, wenn ich gesagt hätte: Okay, ich brauch einen Anwalt, ich brauch das, (lacht) ich brauch das, wenn ich ihr dieses ganze Ding da runtergerattert hätte, vielleicht wäre das für sie gut gewesen. (...) dann hätte sie einen Zettel gehabt: Okay, können wir das abhaken, das abhaken.“ (2-F 3, Abs. 34; Helfferich u. a. 2004: 144)

Eine weitere Besonderheit der Handlungspraxis der ASD, welche sich in den Interviews zeigte und welche bereits in einem der Beratungsmodule angedeutet wurde, besteht in einer engen Kooperation mit der Ortspolizeibehörde. So lassen die Berichte dreier Frauen aus ein und derselben Kommune darauf schließen, dass Absprachen zwischen diesen beiden Abteilungen der Stadtverwaltung bestanden. Keine der drei Frauen wurde zur Anhörung auf die Ortspolizeibehörde einbestellt, alle erhielten aber am Folgetag des Platzverweises ein pro-aktives Gesprächsangebot durch den ASD. Die Erzählungen machen deutlich, dass die Sozialarbeiterin bereits mit einigen Kenntnissen über den Fall in die Beratung kam, über die Befristung des Platzverweises und deren Begründung informiert war und einige Informationen über den Mann besaß. Die Erzählungen erwecken den Eindruck, dass der ASD bestimmte Aufgaben der Ortspolizeibehörde übernahm. So war eine der interviewten Frauen der festen Überzeugung, dass sie von einer „Sozialarbeiterin vom Ordnungsamt“ (F 3, Abs. 62) aufgesucht wurde und erläuterte im Zweitinterview rückblickend: „Warum ist die jetzt eigentlich gekommen? Ach so, die wollte eigentlich wissen, wie lange ich das haben möchte, glaub ich, und ob ich noch Hilfe bräuchte“ (2-F 3, Abs. 32). Eine andere Frau schilderte, dass sie am Folgetag auf dem Sozialamt vorsprechen „musste“ und schien die Information über die Aufhebung des Platzverweises dort erhalten zu haben. Beide Frauen gingen von der Annahme aus, dass die Sozialarbeiterin mit ihr die Befristung des Platzverweises bespräche und damit in einer Entscheidungsverantwortung stünde.

 
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