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Inverantwortungnahme der Opfer: Trotz der täterorientierten Maßnahme Platzverweis bleiben Opfer hinsichtlich langfristiger Gewaltbeendigung im Fokus der Expert/innen

Die Einführung des Platzverweisverfahrens wurde als ein Paradigmenwechsel im staatlichen Umgang mit häuslicher Gewalt präsentiert: Es galt, der Privatisierung häuslicher Gewalt zu Lasten der Gewaltbetroffenen ein Ende zu setzen. Staat und Gesellschaft nahmen das Problemfeld als ihre Aufgabe an. Mittels Platzverweis und dem Ausschöpfen des Strafrechts sollen Täter nun in die Verantwortung für ihr Gewalthandeln genommen werden. Gewaltbetroffene haben zudem die Möglichkeit, ihren langfristigen Schutz durch zivilrechtliche Maßnahmen zu verbessern. Tätern wie Opfern wird ein Beratungsangebot zur Seite gestellt – so die Intention (vgl.: WiBIG Band IV 2004: 122; Dearing u. a. 2000: 20ff).

Die in der Expert/innenbefragung aller untersuchten Berufsfelder aufgezeigten Handlungsorientierungen „Häusliche Gewalt setzt sich regelmäßig fort“ und „Dauerhafte Gewaltbeendigung bedarf des Handelns der Frau“ zeugen jedoch in ihren Auswirkungen auf das professionelle Handeln von einer Konzentration auf das Opfer. Es wird an ihre Verantwortung im Kampf gegen die eigene Gewaltbetroffenheit appelliert. Dieser Hinwendung an das Opfer liegen wie aufgezeigt wurde mehrere wirksame Konstruktionen zugrunde: zum einen die Vorstellung, Täter häuslicher Gewalt ließen in der Regel von ihrem Gewaltverhalten nicht ab. Die Expert/innen äußerten deutlich ihre Zweifel an den persönli chen Entwicklungsmöglichkeiten von Tätern, Gewalt mit oder ohne Hilfe von außen dauerhaft einzustellen. Den täterorientierten polizeilichen Interventionen Platzverweis, Gefährderansprache sowie einer eventuell normverdeutlichenden Mahnung auf der Ortspolizeibehörde folgen daher opferzentrierte Interventionen in Form von Appellen an Gewaltbetroffene, Gewaltschutzmaßnahmen in die Wege zu leiten, sich zu trennen, Strafantrag zu stellen oder sich zumindest beraten zu lassen. Es sind die gewaltbetroffenen Frauen, von denen aus Sicht der Expert/innen eine Beendigung der Gewalt am ehesten zu erwarten ist.

Zum Zweiten deuten die Handlungsorientierungen der Expert/innen auf ein Vorstellungsbild vom Gewalttäter hin, wonach dieser an seiner Partnerschaft festhält: Von einem Mann ist keine Trennungsinitiative zu erwarten. Appelle dahingehend werden deshalb an die Frau gerichtet. [1] Einige Erzählungen gewaltbetroffener Frauen widersprechen dieser Konstruktion: Sie berichteten, dass der Mann nach Ablauf des Platzverweises aus eigenem Interesse nicht mehr in die Wohnung zurückkehrte. Darunter befanden sich auch Frauen, die ihrem Mann eine Rückkehr eingeräumt hatten. Dies mag noch keine Einsicht des Mannes in das Unrecht seines Gewalthandelns bedeuten, es zeugt jedoch zumindest von seinem Bestreben, eine konfliktreiche Verbindung zu lösen. Von Seiten der Wissenschaft und Praxis wurde vielfach diskutiert, warum Frauen an gewalttätigen Partnern festhalten und welcher Prozesse es bedarf, dass sie den Weg aus einer Gewaltbeziehung finden. Solche Erkenntnisse stehen meines Wissens in Hinblick auf Gewalttäter noch aus.

Eine Tendenz zur Abkehr von der Täterorientierung zeigt sich in dieser Arbeit auch im Rahmen der Expert/innenbefragung der Polizei und Ortspolizeibehörde zum professionellen Umgang mit Paaren, bei denen wiederholt polizeiliche Einsätze wegen Gewalt stattfinden. Den Aussagen der befragten Polizist/innen und Verwaltungsfachkräften zufolge will man zwar auf die jeweilige Situation bezogen im Bereich der Gefahrenabwehr handeln, Frauen sollen jedoch verschärft aufgefordert werden, selbst Verantwortung für ihren Schutz zu übernehmen. Die beiden Erzählungen der Frauen, welche dem Muster der „Polizeilichen Intervention der zunehmenden Strenge“ zugeordnet wurden, bestätigen eine solche Handlungspraxis: Wiederholt hilfesuchende Frauen laufen Gefahr, in die Kritik der Polizei und der Ortspolizeibehörde zu geraten und deren anfängliches Wohlwollen zu verlieren.

In der Befragung der Frauen finden sich einige Hinweise darauf, dass sie sich selbst ebenfalls in der Verantwortung sehen, einen Weg zur Lösung der Gewaltproblematik zu finden: Sie betonten die Bedeutung des Platzverweises als Auszeit, um über ihre Lebenssituation nachzudenken. Viele nahmen das Beratungsangebot an, suchten einen Rechtsanwalt auf, baten die Familie oder Freundinnen um Rat und Unterstützung, forschten nach Hilfen für die mitbetroffenen Kinder und den problembelasteten Mann. Manche stellten einen Strafantrag oder einen Antrag auf zivilrechtlichen Schutz. Sie trennten sich, begaben sich intensiv auf Wohnungssuche oder stellten Bedingungen an den Mann für das weitere Zusammenleben. Sie beschrieben sich selbst als sehr aktiv und wiesen eine Eigenverantwortung für ihren künftigen Schutz nicht von sich. Jene Frauen, welche wiederholt auf die Hilfe der Polizei angewiesen waren, erlebten Vorwürfe der Untätigkeit oder der Inkonsequenz als sehr demütigend. Manche kritisierten, dass ihr Mann von Seiten des Staates zu wenig in die Pflicht genommen wird, an seinem Gewalthandeln zu arbeiten.

Diese Ausführungen werfen die Frage auf, wie Täterorientierung in der Interventionskette stärker verankert werden könnte. Sowohl in den Augen der Frauen als auch der Expert/innen kommt der Täterarbeit im Kampf gegen häusliche Gewalt eine zentrale Rolle zu: Gewalttätern sollen das Unrecht ihres Handelns, ihre Verantwortlichkeit und Veränderungsmöglichkeiten intensiv vor Augen geführt werden. Sie sollen motiviert, notfalls gezwungen werden, an ihrem Verhalten und den ihm zugrunde liegenden Konflikten zu arbeiten. Berichtet wurde aber auch von beiden Seiten von einer großen Beratungsferne der Männer. Verschiedene Untersuchungen haben bestätigt, dass ein pro-aktiver und zeitnaher Zugang auf gewaltbetroffene Frauen, welche von sich aus nie Beratung aufgesucht hätten, den Weg in Beratung ebnete. Es wäre einen Versuch wert, ob ein solcher Zugang für Gewalttätige ebenfalls lohnenswert ist. { Interessant wären in diesem Zusammenhang die Erfahrungen von Koordinierungsstellen, inwiefern es ihnen gelingt, in Kontakt mit Gewalttätern zu kommen und diese zu motivieren, Angebote der Täterarbeit anzunehmen. Eine pro-aktive Kontaktaufnahme durch eine Täterberatungsstelle würde ein niedrigschwelligeres Angebot darstellen, da Gewaltpersonen zur Inanspruchnahme von Hilfen nicht nochmals die Einrichtung wechseln müssten. Außerdem könnte eine Kontaktaufnahme durch einen Mann erfolgsversprechender ausfallen als durch eine Frau, deren Einsatzort Koordinierungsstelle unter Umständen noch bei einem Frauenhausträgerverein angesiedelt ist.}} Eine kontinuierliche Täterorientierung würde auch bedeuten, einen zunehmenden Druck auf Frauen, welche sich wiederholt an die Polizei wenden, zu vermeiden. Sensibilität ist dafür zu schaffen, dass Frauen auf vielfältige Art und Weise nach Wegen aus der Gewalt suchen und eine Trennung sich für sie häufig erst nach Misslingen anderer Strategien legitimiert (vgl.: Brückner 1983; Helfferich u. a. 2004). Die Entscheidung zu bleiben darf nicht als Passivität, Hilflosigkeit nicht als Bequemlichkeit ausgelegt werden. Die Möglichkeit, dass es Paaren gelingen kann, Gewalt zu beenden sowie die Möglichkeit, dass Frauen Zeit, Beratung und unter Umständen wiederholt polizeilichen Schutz benötigen bis sie bereit sind, ziviloder strafrechtlich aktiv zu werden, sollte mit bedacht werden. Bei Frauen, bei denen die handelnden Institutionen unsicher sind, wie es um deren Sicherheit nach Ablauf des Platzverweises bestellt ist, kann eine wiederholte Rückfrage zu ihrer aktuellen Lebenssituation und weiterer möglicher Gefährdungen sinnvoll sein. Frauen sollen darauf vertrauen können, dass sie im Notfall erneut mit der Hilfe von Polizei und Beratung rechnen dürfen.

  • [1] Dieses Vorstellungsbild bestätigte sich mir in einer Fortbildungsveranstaltung mit Polizeibeamt/innen. Ich berichtete, dass den Ergebnissen dieser Arbeit entsprechend Frauen von der Polizei vielfach aufgefordert werden, sich zu trennen, einem Mann diese Möglichkeit jedoch nicht vor Augen geführt wird. Man könne den Mann im Prinzip auch auffordern, dass er sich von einer Frau trennt, die ihn so wütend macht, dass er meint sie schlagen zu müssen und Kinder dabei in Angst und Schrecken versetzt. Mehrere Polizisten zeigten sich erstaunt über diese Option und bestätigten, diesen Appell künftig einsetzen zu wollen.
 
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