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Aufstieg und Fall westlicher Herrschaft im interdisziplinären Diskurs: Konturen und Evolution einer Kontroverse

Martin Sebaldt, Andreas Friedel, Sabine Fütterer und Sarah Schmid

1 Zur Fragestellung

Im Jahr 2002 verkündete Charles Kupchan das Ende des Westens (Kupchan 2002a). Sein Essay in der Zeitschrift The Atlantic Monthly schlug nicht Wellen, weil diese Aussage völlig neu gewesen wäre. Er tat es, weil die Frage nach dem Schicksal westlicher Herrschaft gerade zu diesem Zeitpunkt hochgradig virulent war; Kupchan hatte den Nerv der Zeit getroffen. Sein zeitgleich publiziertes Buch The End of the American Era (Kupchan 2002b) machte dann noch deutlicher, worin er den eigentlichen Grund für diesen Verfall erblickte: Europa werde sich aufgrund gewachsener ökonomischer und politischer Potenz Schritt für Schritt von den USA lösen – eine Entwicklung, welche die bisherige westliche Hegemonialmacht auch durch ihre weltpolitischen Alleingänge nach dem Ende des Kalten Krieges zu verantworten habe. Das Ende des Westens, so Kupchan, resultiere also nicht aus dem Konflikt „The West and the Rest“ (Huntington 2002, S. 183), sondern aus dem Auseinanderfallen seiner europäischen und amerikanischen Teile (Kupchan 2002b).

Gut eine Dekade später liest sich das Problem wieder deutlich nüchterner: Weder hat sich Europa von den USA gelöst, noch hegen die Vereinigten Staaten ähnlich weitreichende Überlegungen. Zwar haben Zerwürfnisse um die Beteiligung an militärischen Auslandseinsätzen und um die Gestaltung der interkontinentalen Wirtschaftsbeziehungen in der Tat zu Entfremdung und gegenseitigem Misstrauen geführt; gleichwohl haben neue globale Herausforderungen, die nur durch eine transatlantische Kooperation bewältigt werden können, diesen Prozess erkennbar gebremst: Denn weder kann der internationale Netzwerkterrorismus in einem USamerikanischen oder einem europäischen Alleingang effektiv bekämpft werden, noch gilt dies für die Eindämmung der machtpolitischen Bedrohungen durch Russland und China. Europa ist sich gerade deswegen der fortwährenden Notwendigkeit des nuklearen Schutzschirms der USA bewusst, und die Vereinigten Staaten sehen angesichts exponentiell gewachsener internationaler Verpflichtungen mehr denn je die Gefahr der imperialen Überdehnung (Kennedy 1988, S. XVI) eigener Potenziale, der nur durch eine sicherheitspolitische Arbeitsteilung mit Europa begegnet werden kann.

Die Frage um Aufstieg und Fall westlicher Herrschaft ist also nach dem Ende des Kalten Krieges drängender denn je, und doch ist sie buchstäblich seit Jahrhunderten auf der politischen und auch der wissenschaftlichen Agenda: Denn mit gutem Grund kann die moderne Debatte, die ihre Wurzeln im frühen 20. Jahrhundert hat, als aktualisierte Fortsetzung geschichtsphilosophischer und sozialhistorischer Betrachtungen über die Logik der Geschichte verstanden werden, welche vor allem im fortschrittsgläubigen 19. Jahrhundert Konjunktur hatten. Diese wiederum speisten sich häufig aus noch älteren, bis in die Spätantike zurückreichenden Analysen zum Aufstieg und Fall des Römischen Reiches (Demandt 2014). Bis heute werden daher immer wieder Parallelen in den Entwicklungslinien des Imperium Romanum und moderner supranationaler Ordnungen gesucht (Engels 2014).

Die vorliegende Publikation kann diesen vielschichtigen Themenkomplex nicht vollumfänglich abdecken. Sie setzt sich ein begrenzteres Ziel, rückt aber gerade dadurch die Kernfrage noch besser in den Mittelpunkt: Anhand der seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts erschienenen monographischen Klassiker zum Problem des Aufstiegs und des Falls westlicher Herrschaft soll die Vielfalt der aktuellen Erklärungsansätze synoptisch zusammengeführt und systematisch verglichen werden.

Die gewählte zeitliche Zäsur ist keineswegs zwingend. Jedoch ist gerade ab den 1970er Jahren, maßgeblich induziert durch den Disput zwischen westlich orientierten Modernisierungstheoretikern und der antiwestlichen Dependencia-Bewegung, ein stetig steigendes Interesse an der Thematik erkennbar und damit auch ein entsprechender Boom an Publikationen. In diesem Zeitraum entfaltet sich also mit anderen Worten die moderne wissenschaftliche Diskussion zum Sujet und gewinnt dabei auch eine fachliche und perspektivische Breite, die sie vorher nicht besessen hatte.

Die Universalität der Fragestellung bedingt auch eine ausgeprägt interdisziplinäre Forschungslandschaft: Geographen und Physiologen finden sich hier ebenso wie Ökonomen, Historiker, Philosophen, Soziologen und Politikwissenschaftler. Daraus resultiert am Ende ein sehr vielschichtiges Panorama der Erklärungsansätze, denn nicht überraschend prägt der jeweilige fachliche Schwerpunkt auch die Perspektive auf den Gegenstand: Dass Protestantische Ethik und Industrielle Revolution mehr in den Fokus von Historikern und Ökonomen geraten als die von den Geographen prominent platzierte Topographie, ist bei genauerem Besehen ebenso gut nachvollziehbar wie die politikwissenschaftliche Konzentration auf Institutionen und Machtarchitekturen.

Zu fragen wird aber sein, ob aus dem interdisziplinären Nebeneinander am Ende auch ein produktives Miteinander erwächst: Denn eigentlich liegt es ja nahe, die unterschiedlichen Zugänge als Chance bzw. als Ausgangspunkt zu ihrer komplementären Synthese zu begreifen, um damit zu einem Erklärungsansatz für Aufstieg und Fall westlicher Herrschaft zu gelangen, der der Komplexität des Gegenstandes wirklich entspricht. Damit sei schon angedeutet, dass hier wohl eher noch eine gigantische ‚Baustelle' zu erwarten ist als eine bereits gut aufgeräumte Diskussionslandschaft.

Aber mehr soll hier nicht vorgegriffen werden. Stattdessen wird in den folgenden Passagen der Versuch unternommen, die Entwicklungslinien der älteren und der jüngeren Diskussion, auf der die modernen Klassiker aufbauen bzw. in welche sie eingebettet sind, in geraffter Form einzublenden und zu systematisieren. Das impliziert, dass die über Jahrhunderte zurückreichenden Traditionslinien der Debatte nur schlaglichtartig erfasst und anhand zentraler Werke exemplarisch illustriert werden können. ‚Mut zur Lücke' war hier also unumgänglich. Umfassendere Bilanzierungen dazu müssen Folgestudien vorbehalten bleiben.

 
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