Von der Antike bis zum Humanismus

Blickten Zeitgenossen in der Spätantike unter dem Einfluss der ‚Romideologie' optimistisch „auf Roms historische Größe“ (Demandt 2014, S. 68) oder erachteten sie diese aus christlicher Perspektive „als gottgewollte Friedensordnung“ (Demandt 2014, S. 69) mit einer Zukunft nach der Logik der Daniel-Prophezeiung zumindest bis zum Jüngsten Gericht (Demandt 2013a, S. 29), so wurden Anzeichen für eine gegenteilige Entwicklung „weginterpretiert“ (Demandt 2014, S. 69). Es gab aber auch pessimistische Zukunftsprognosen, sowohl auf christlicher Seite im Rahmen einer „eschatologische[n] Apokalyptik“ (Demandt 2014, S. 68) als auch in Teilen der altgläubigen Literatur, die warnend auf das aus der griechischen Historiografie übernommene Dekadenzmodell[1] verwiesen (Demandt 2014, S. 68–69 und 431). Für eine Vielzahl der Erklärungen für den Fall Roms, die in den darauffolgenden Jahrhunderten herangezogen wurden, lassen sich aber auch Wurzeln bis in die Antike zurückverfolgen: So finden sich bis auf sozioökonomische Erklärungen (Demandt 2014, S. 274) gerade außenpolitische, naturwissenschaftliche und innenpolitische Verfallsgründe nicht nur in römischer, sondern teilweise bereits auch in griechischer und ägyptischer Literatur, während Gefahren durch das Christentum auch schon von Zeitgenossen angesprochen wurden (Demandt 2014, S. 347, 352–353, 397 und 467–468).

Aufgrund des Umstandes, dass sich die „herrschenden Mächte des Mittelalters […] historisch durch ihre Kontinuität aus der Römerzeit“ (Demandt 2014, S. 89) legitimierten, erkannten die meisten mittelalterlichen Autoren vor diesem Hintergrund später dann eine „langsame und allmähliche Verschlechterung und Deprivation des römischen Imperiums“ (Rehm 1966, S. 35), verorteten sich aber weiterhin in einer „verlängerte[n] Spätantike“ (Demandt 1997, S. 38). Dies führte dazu, dass ein Ende Roms aus byzantinischer, päpstlicher und deutscher Herrscherperspektive „kaum als Phänomen, geschweige denn als Problem empfunden“ (Demandt 2014, S. 605) wurde. Die breite Verankerung im Christentum schloss zudem gerade „eine religionsgeschichtliche Diskussion über den Fall Rom[s]“ (Demandt 2014, S. 246) aus. Eine Geschichtsauffassung nach der Logik der Translatio Imperii, basierend auf der Vier-Reiche-Lehre des Buches Daniel, verhinderte auch eine Betrachtung der Germanen als Zerstörer Roms und sprach ihnen vielmehr die Rolle als dessen Erben zu (Demandt 2014, S. 468).

In der frühen Neuzeit realisierten humanistische Autoren in ihrer Idealisierung der Antike dann allerdings eine „Kluft zwischen der antiken Hochkultur und der Gegenwart“ (Demandt 2008, S. 492) und erkannten die Notwendigkeit, erstere als abgeschlossene Epoche und den Fall Roms als historisches Ereignis zu begreifen (Demandt 2014, S. 91, 165 und 605), wofür auch die Eroberung Konstantinopels 1453, der Machtverlust der Päpste und nicht zuletzt die Reformation sprachen (Demandt 2014, S. 118). Sie öffneten demnach „die Augen gegenüber einem historischen Phänomen […], demgegenüber das Mittelalter sie geschlossen hielt“ (Demandt 2014, S. 119). Als dessen Erklärung wurde gerade seit Machiavelli eine zyklische Zeitenfolge diskutiert (Demandt 2008, S. 492, 2013b, S. 137), die „für das Geschichtsdenken der Humanisten bezeichnend ist“ (Demandt 2008, S. 492): Machiavelli führte die innere Schwäche auf die „verderbliche[.] Wirkung der WeltMonarchie“ (Demandt 2013a, S. 31) in Form der typischen Dekadenzmerkmale Luxus und Korruption zurück, was die Barbaren schließlich zu nutzen verstanden (Rehm 1966, S. 53–56). An ihm lässt sich auch erkennen, dass gerade die Ausgestaltung der außenpolitischen Erklärung davon abhängig war, ob sie von italienischen oder deutschen Humanisten vorgenommen wurde (Demandt 2014, S. 91 und 468): „Klar war die Rolle der Germanen, zweifelhaft nur, ob sie als rohe Barbaren eine blühende Zivilisation zerstört oder als unverdorbenes Naturvolk ein korruptes und labiles System zum Einsturz gebracht“ (Demandt 1997, S. 38–39) haben.

  • [1] Eine knappe Erklärung dieses Modells liefert Demandt (1997, S. 37–38): „Äußeres Elend zwingt ein Volk zur Entfaltung der inneren Kräfte; es kommt zu Macht, Größe und Reichtum: Im Luxus aber erlahmt die Leistung. Dem Glanz folgt der innere Niedergang, bis auch das äußere Glück verloren ist.“
 
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