Das 19. Jahrhundert

Bei der Deutung des Schicksals Roms blieb bis zum Ende der Aufklärung „die Spannbreite innerhalb der jeweils gleichzeitigen Deutungen zum Fall Roms gering“ (Demandt 2014, S. 243). Ab dem 19. Jahrhundert jedoch „vervielfältigen sich die Stimmen“ (Demandt 2013b, S. 138) zur Erklärung dieses Phänomens; es existieren progressiv und zyklisch argumentierende Autoren nebeneinander (Demandt 2008, S. 493), sodass eine chronologische Überblicksdarstellung in der hier gebotenen Kürze nur noch eingeschränkt möglich ist (Demandt 2014, S. 243). Weitgehende Einigkeit herrschte ab diesem Zeitpunkt aber grundsätzlich bezüglich des Umstandes, dass die Auflösung des Imperiums im 5. Jahrhundert als Tatsache begriffen wurde (Demandt 2014, S. 243). Wenngleich sich religionsgeschichtliche Erklärungen weiterhin mehrfach finden lassen (Demandt 2008, S. 504), traten zunehmend säkulare Verfallstheorien auf (Hoeres et al. 2013, S. 11), und gerade die Erkenntnisse der Naturwissenschaften eröffneten eine Vielzahl an „neue[n] Perspektiven“ (Demandt 2014, S. 394).

Bei der Interpretation der Rolle der Germanen wurde im 19. Jahrhundert der Einfluss der aufkeimenden Nationalismen spürbar, sodass die Herkunft der Autoren wieder die Sichtweise prägte (Demandt 2008, S. 501–502), während sich bei innenpolitischen Erklärungen eine andere Differenzierung aufzeigen lässt: War man im vorangehenden Jahrhundert noch der Aufklärung verpflichtet und prangerte Despotismus und Ausbeutung als wichtige Niedergangsfaktoren an, spalteten sich die Historiker im 19. Jahrhundert in ihrer Interpretation: Kritische Betrachter der Französischen Revolution mit einem monarchistisch-konservativen Weltbild bemühten eher kulturzyklische und außenpolitische Untergangserklärungen, während republikanisch-liberale und sozialistische Denker eher sozioökonomische und innenpolitische Gründe benannten (Demandt 2014, S. 427).[1]

Zu diesen liberalen Historikern jener Zeit ist auch Theodor Mommsen zu zählen, der als derjenige deutsche Althistoriker des 19. Jahrhunderts gilt, der „den höchsten Ruhm“ (Christ 1972, S. 84) errungen hat. Für Mommsen stellte das Christentum aufgrund seiner Kirchenorganisation und der Relativierung der Bürgerdurch die Gewissenspflicht „ein im höchsten Grade staatsgefährdendes Prinzip“ (Mommsen 1992, S. 498; ähnlich auch Mommsen 1974, S. 280) dar, während die Germanen „am römischen Staat die Exekution vollzogen“ (Mommsen 1992, S. 571) hätten. Allerdings fungieren beide – wie bei Gibbon – nur als „auslösende Faktoren“ (Demandt 1995, S. 291), da Rom vielmehr „an innerer Fäulnis“ (Mommsen 1974, S. 289; ähnlich auch S. 275) zugrunde gegangen sei: Diese lasse sich am Söldnerheer, welches durch den Pazifismus in der Bevölkerung notwendig wurde (Mommsen 1974, S. 275 und 277–278, 1905b, S. 23), ebenso aufzeigen wie am abnehmenden Patriotismus durch die „widernatürliche Erweiterung“ (Mommsen 1976a, S. 392, 1905a, S. 318–319). Gerade die mit der Expansion einhergehenden Faktoren, wie das Latifundienwesen, die Sklavenwirtschaft, Beamtenwillkür und die Ruinierung des Bauernstandes (Mommsen 1976b, S. 176, 1992, S. 557 und 565), entzogen bereits „der Republik die soziale Basis“ (Demandt 2013c, S. 279). Die zunehmende Macht der Prokonsuln und Imperatoren (Demandt 2013c, S. 279) führte schließlich dazu, dass „das römische Wesen […] innerlich […] völlig vertrocknete und abstarb“ (Mommsen 1976b, S. 143).

  • [1] Sozioökonomisch argumentieren u. a. Max Weber, der weiter unten ausführlicher thematisiert wird, sowie Karl Marx (1972). Weitere Vertreter innenpolitischer Erklärungsansätze führt Demandt (2008, S. 508) auf.
 
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