Zum Ewigen Frieden: Immanuel Kant

Diese zentralen Faktoren finden sich auch in anderen Erklärungsansätzen wieder. Immanuel Kant als Vertreter der Aufklärung, dessen höchstes Entwicklungsziel der dauerhafte Friede zwischen den Staaten darstellt, erkannte ebenfalls in der Gestaltung des Staates und der Wirtschaft die Triebfedern für eine erfolgreiche Evolution des eigenen Erdteils. Mit seinen Definitivartikeln zum ewigen Frieden (Kant 2013, S. 16, 22, 28) widmet er sich der Antwort auf die Frage, wie die Schutzaufgaben des Staates, welche schon Smith in den Fokus seiner Untersuchung gerückt hatte, konkret zu erfüllen seien (Zürn 2000, S. 20). So geht aus seinem Werk Zum ewigen Frieden (Kant 2013) von 1795 hervor, dass es zunächst die homogene Ausgestaltung der Verfassungen von Staaten nach republikanischem Vorbild sei, welche eine friedliche Entwicklung ausschlaggebend begünstige (Kant 2013, S. 16).

Diese Determinante, die er in seinem ersten Definitivartikel zum ewigen Frieden herausstellt8, beschreibt er als eine Art von staatlicher Ordnung, die nicht nur auf Freiheit und Gleichheit der Bürger ausgerichtet ist, sondern darüber hinaus auch Rechtsstaatlichkeit und eine Teilung der staatlichen Gewalten vorsieht9 (Kant 2013, S. 16; Calic 2000, S. 47). Diese republikanische Art der staatlichen Ordnung sei nicht nur der Höhepunkt eines „regelmäßigen Gang[s] der Verbesserung der Staatsverfassung in unserem Weltteile“ (Kant 1964, S. 19), sondern auch der einzige staatliche Rahmen, in dem die Staatsbürger selbst dazu berechtigt sind, über einen möglichen Kriegseintritt zu entscheiden. Da es aber eben diese Bürger sind, die im Kriegsfall die größte Gefahr für die eigene Person fürchten müssten, sei es in einer solchen Staatsstruktur sehr unwahrscheinlich, dass die Entscheidung für den Krieg ausfalle. Seien also die Regierungen aller Staaten nach republikanischem Muster organisiert, so werde zwischen diesen Staaten Frieden herrschen (Kant 2013, S. 17, 22; Weber-Fas 2003, S. 145, 147).[1]

Dadurch, dass er auf diese Weise eine bestimmte Herrschaftsform mit einem spezifischen Grad an Gewaltbereitschaft in Verbindung bringt, formuliert Kant eine unbedingte Anforderung an einen Staat, der friedlich und damit langfristig erfolgreich sein wolle (Calic 2000, S. 51). An diesem Punkt tritt Kants eurozentrisches Weltbild zutage, indem er die westlichen Staaten, die sich zu Republiken entwickelt haben, in das Zentrum rückt und ihnen eine Vorbildfunktion zuschreibt (Katzenstein 2000, S. 347). „Denn wenn das Glück es so fügt: dass ein mächtiges und aufgeklärtes Volk sich zu einer Republik […] bilden kann, so gibt diese einen Mittelpunkt der föderativen Vereinigung für andere Staaten ab, um sich an sie anzuschließen[…]“ (Kant 2013, S. 26).

Zusätzlich zu diesem Argument sieht Kant auch den Handel als einen unentbehrlichen Faktor, der zu einem friedlichen Verhältnis zwischen Staaten maßgeblich beiträgt (Gantzel 2000, S. 328). „Es ist der Handelsgeist, der mit dem Kriege nicht zusammen bestehen kann, und der früher oder später sich jedes Volks bemächtigt“ (Kant 2013, S. 44). Die Triebkraft, die Kant in diesem Zusammenhang als friedensstiftend identifiziert, findet sich in der Perzeption eines gegenseitigen Profitierens der Staaten untereinander. „Weil nämlich unter allen der Staatsmacht untergeordneten Mächten (Mitteln) die Geldmacht wohl die zuverlässigste sein möchte, so sehen sich Staaten (freilich wohl nicht eben durch Triebfedern der Moralität) gedrungen, den edlen Frieden zu befördern und, wo auch immer in der Welt Krieg auszubrechen droht, ihn durch Vermittelungen abzuwehren, gleich als ob sie deshalb im beständigen Bündnisse ständen“ (Kant 2013, S. 44–45). Handel erzeuge vor diesem Hintergrund eine gegenseitige Abhängigkeit der verschiedenen Staaten, in deren Folge sich die Tätigkeit der Außenpolitik auf eine friedliche Ebene verlagere (Calic 2000, S. 50). Kant charakterisiert also die Herausbildung demokratischer Staaten und die Entwicklung globaler Märkte als Garant für den ewigen Frieden und damit als anzustrebendes Modell und Erfolgsrezept für alle westlichen Staaten.

  • [1] Das langfristige Ziel wäre nach dieser Argumentation ein Völkerstaat, in den alle Völker der Erde integriert sind und sie durch ein Völkerrecht ihre Wildheit und Feindlichkeit abgelegt haben (Kant 2013, S. 27). Dies ergibt sich aus Kants zweitem Definitivartikel zum ewigen Frieden: „Das Völkerrecht soll auf einen Föderalism freier Staaten gegründet sein“ (Kant 2013, S. 22).
 
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