Die Protestantische Ethik: Max Weber

Der moderne Staat und die kapitalistische Wirtschaftsordnung als Grundlage für den Aufstieg des Okzidents stehen auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch im Mittelpunkt von Erklärungsansätzen. Dies wird unter anderem in Max Webers Die Protestantische Ethik und der „Geist“ des Kapitalismus (Weber 1996) deutlich, dessen erste Fassung im Jahre 1904/1905 erschien. Der Soziologe und Nationalökonom identifiziert hier nicht nur den modernen Kapitalismus, der im 17. Und 18. Jahrhundert in westlichen Staaten entstand, als Triebfeder für den Aufstieg des Abendlandes, sondern auch die eigentliche Ursache, welche erst zur Entwicklung dieser spezifischen Art des Kapitalismus geführt und ihn so erfolgreich gemacht habe, dass das gesamte ökonomische Leben sowohl in den westlichen Ländern als auch – aufgrund des kolonialen Einflusses dieser Staaten – in einem großen Teil der nichtwestlichen Welt nach diesen Prinzipien ausgerichtet wurde (Guttandin 1998, S. 20).[1]

Diesen genuinen Auslöser der Entwicklung findet er jedoch nicht, wie es Adam Smith noch getan hatte, in ökonomischen Zusammenhängen, sondern vielmehr in spezifischen religiösen Werten und Leitlinien, namentlich in der protestantischen Ethik (Kalberg 2005, S. xxviii–xxix). Zunächst einmal charakterisiert Weber den modernen Kapitalismus, wie er ihn in den abendländischen Staaten vorfindet und der auf den Elementen der rationalen Organisation freier Arbeit (gelenkt durch methodisches Gewinnstreben), der Marktorientierung auf der Grundlage einer modernen Wirtschaftsethik und der Existenz von modernen industriellen Unternehmen (Kalberg 2005, S. xxv) basiert, als einzigartig, weil sein Erwerbshandeln auf Rationalismus als Grundmaxime basiere, die nicht nur alle wirtschaftlichen, sondern darüber hinaus auch alle staatlichen Strukturen durchdringe (Weber 1996, S. 32).[2] Damit dieses Modell jedoch effizient funktionieren kann, genüge es nicht allein, diesen staatlichen und wirtschaftlichen Rahmen der Rationalität zu schaffen, sondern es bräuchte auch Individuen mit spezifischen Fähigkeiten, die eben modern-rational und damit gegen traditionelle, feudale Prinzipien der Ökonomie handelten (Weber 1996, S. 180–181). Weber sieht einzig und allein in der Entwicklung einer neuen Ethik das Potential, große Menschengruppen zu einer solchen Änderung des Handelns zu befähigen. Diesen Auslöser findet er schließlich in der Ethik der protestantischen Sekten und Kirchen, die am deutlichsten an der calvinistischen Lehre erkennbar sei, da hier „ein virtuoser kapitalistischer Erwerbssinn mit den intensivsten Formen einer das ganze Leben durchdringenden und regelnden Frömmigkeit in denselben Personen und Menschengruppen zusammentrifft […]“ (Weber 1996, S. 8). So sei im 16. und 17. Jahrhundert die calvinistische Prädestinationslehre so interpretiert worden, dass methodische Arbeit, Profit und Erlangung von Reichtum von der Zuneigung Gottes zeugten (Weber 1996, S. 182; Guttandin

1998, S. 35, 157).

Die aus religiösen Werten geborenen Prinzipien der asketischen, aufopferungsvollen und nach Gewinn strebenden Arbeit durchdrangen auf diese Weise auch das gesamte Berufsleben und die Ökonomie (Weber 1996, S. 29, 39), schufen eine systematische Rationalisierung der Lebensweise und begründeten so den Durchbruch des modernen Kapitalismus zu einer Zeit, in der andere Bedingungen dafür bereits existierten (Weber 1996, S. 120; Guttandin 1998, S. 38). Jedoch sei die völlige Entfaltung und damit ein langfristiger Aufstieg des westlichen Kapitalismus erst dadurch gewährleistet worden, dass Leitlinien, die die protestantische Ethik in das Wirtschaftsleben eingespeist hatte, durch säkularisierende Tendenzen nun unabhängig von ihrem religiösen Bezug weiter bestehen blieben (Kalberg 2005, S. xxviii–xxix). Gemäß Weber haben die spezifischen ethischen Grundlinien der protestantischen Lehre folglich als entscheidende Startbedingungen für den Durchbruch der kapitalistischen Gesellschaft fungiert (Guttandin 1998, S. 161) und begründen seiner Lesart zufolge letztlich die „Einmaligkeit der westeuropäischen Entwicklung“ (Eun-Jeung 2000, S. 419).

  • [1] Auf diese Weise erklärt er, warum sich der moderne Kapitalismus ausschließlich im Okzident herausgebildet hat, obwohl es auch in anderen Hochkulturen Ansätze dazu gab
  • [2] Im Zentrum stehen hier vor allem die rationale bürokratische Autorität und eine unpersönliche Gerichtsbarkeit, die vor dem Hintergrund universell angewendeter Regeln und Gesetze geschieht (Kalberg 2005, S. xxiii–xxiv.), sowie systemische Arbeit, moderne Wirtschaftsethik, Städte mit autonomen Regierungseinheiten, moderne Wissenschaft und fortgeschrittene Technologie (Kalberg 2005, S. xxvii).
 
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