Der Untergang des Abendlandes: Oswald Spengler

Seit dem Ende des Ersten Weltkrieges aber wird die Forschung über das Schicksal des Westens, die bis dahin stark eurozentrisch ausgerichtet war, ergänzt durch eine zu dieser Zeit revolutionäre Denkrichtung, die immer stärker von der Untersuchung innerer okzidentaler Umstände absieht und den Westen vielmehr in einen globalen und universalgeschichtlichen Kontext stellt. Andere Kulturen werden nun in die Analyse einbezogen, die dieser Lesart zufolge nicht nur gleichberechtigt neben dem Abendland stehen (Thöndl 2014, S. 73), sondern vielmehr auch bereits ähnliche Entwicklungen durchlaufen haben. Auf diese Weise wurde die schon aus der Antike bekannte Kreislauftheorie in Form einer modernen Geschichtsphilosophie revitalisiert.

Als berühmtester Vertreter dieses Forschungsstranges lässt sich Oswald Spengler mit seinem zentralen Werk Der Untergang des Abendlandes (Spengler 1969) von 1918/1922 nennen. Der Autor setzt kulturelle Entwicklung der Entwicklung von biologischen Organismen gleich und kommt auf diese Weise zu dem Schluss, jede Kultur habe einen Lebenslauf, der – wie bei allen Lebewesen – aus den Phasen Frühzeit, Hochblüte, Verfallsstadium und Vollendung[1] bestehe (Spengler 1969, I. Tafel „gleichzeitiger“ Geistesepochen, 35, 153). Spengler betrachtet deshalb Weltgeschichte als einen immerwährenden Aufstieg und Niedergang von Kulturen und grenzt sich so von einem linear angelegten Geschichtsbild ab (Spengler 1969, S. 21, 29–30).

Diese Annahme versucht er durch einen breit angelegten Vergleich verschiedener Kulturen[2], die er als Träger aller geschichtlichen Entwicklungen sieht, zu belegen.[3] Durch dieses Instrument der interkulturellen Parallelisierung der jeweiligen Entwicklungsgeschichte ergibt sich für ihn das Diktum der Gleichzeitigkeit: Jede Hochkultur, die bisher existiert habe oder heute noch existiere, folge einer Zeitrechnung, die beginne, sobald sich die Kultur entwickele und deren Phasenablauf sich jeweils gleich gestalte (Spengler 1969, S. 36). Insgesamt gesteht Spengler jeder Hochkultur eine Lebensdauer von ungefähr einem Jahrtausend zu (Bollenbeck 2007, S. 218).

Dies bedeutet, dass nicht nur der Westen, sondern jede Hochkultur in der Frühzeit einen bestimmten religionsbildenden Mythos – in der Antike fand sich dieser in den olympischen Göttern, im Abendland im Katholizismus – und während ihrer Hochblüte eine Phase der Aufklärung kenne, welche in der Antike durch Platon und Aristoteles, im Abendland durch Immanuel Kant verkörpert wurde (Spengler 1969, S. 31, 168, 684). Darüber hinaus seien bestimmte Weltstädte, wie das spätantike Rom und das heutige New York, Zeichen der Phase der Erstarrung der Kultur (Bollenbeck 2007, S. 219). Auf diese Weise werden die Fortschritte des Westens, die in der vorhergehenden Forschung als einzigartige Errungenschaften betrachtet wurden, relativiert und im Sinne dieser entwicklungstheoretischen Logik mit Errungenschaften in anderen Hochkulturen gleichgesetzt.

Jedoch seien diese Neuerungen, die kulturübergreifend in den einzelnen Phasen auftauchen, jeweils in einer spezifischen Art ausgeprägt, weshalb sie sich in ihrer Ausrichtung voneinander unterschieden (Spengler 1969, S. 37, 585). Die Wurzel dieser fehlenden Gleichartigkeit der einzelnen Phasen findet Spengler in einem der jeweiligen Kultur eigenen „Ursymbol“ (Spengler 1969, S. 233), in einer Seele, die charakterisiert ist durch die „mütterliche Landschaft“ (Spengler 1969, S. 29), aus der sie entsteht (Spengler 1969, S. 660) und die jedes Individuum und damit auch alle Völker, die zu dieser Kultur gezählt werden, prägt (Spengler 1969, S. 29, 231, 233, 439, 660, 760–761).[4] Das jeweils gewählte Ursymbol – das abendländische findet sich im „unendliche[n] Raum“ (Spengler 1969, S. 234) – spiegele sich deshalb auch in der „Staatsform, in den religiösen Dogmen und Kulturen, den Formen der Malerei, Musik und Plastik, dem Vers, den Grundbegriffen der Physik und Ethik“ (Spengler 1969, S. 250) wider.[5]

Die Folge, die sich aus diesen Zusammenhängen für die Einschätzung der Situation der westeuropäisch-amerikanischen Kultur und vor allem für ihre Zukunft ergibt, lässt sich bei Spengler durch Analogien zu anderen Kulturen, die früher in der Geschichte existiert haben, klar voraussehen: Der Westen sei mit Napoleon in die letzte Stufe seines Lebenszyklus eingetreten und befinde sich deshalb seit dem 18. Jahrhundert in der Phase der Vollendung, die Spengler auch als Zivilisationsphase bezeichnet (Spengler 1969, S. 1097). Folglich rückt der Westen seinem Untergang näher und wird unaufhaltsam das Schicksal nehmen, welches schon so vielen anderen Hochkulturen vor ihm widerfahren ist (Spengler 1969, S. 3).

  • [1] Gemäß Spengler ist dies ein organischer Zyklus, der in allen Kulturen gleich ist (Thöndl 2014, S. 74).
  • [2] Insgesamt identifiziert Spengler seit den letzten 5000 Jahren acht Hochkulturen, die heute existieren oder in der Vergangenheit existiert haben: die ägyptische, die babylonische, die indische, die chinesische, die antike (griechisch-römische), die arabische, die mexikanische und die abendländische (seit 900 n. Chr. in Westeuropa und später auch in Nordamerika). Als zusätzliche, sich gerade in der Entstehungsphase befindende neunte Hochkultur erkennt er die russische, deren Zukunft er im dritten Jahrtausend sieht (Spengler 1969, S. 596–597.;I. Tafel „gleichzeitiger“ Geistesepochen).
  • [3] Im Zentrum hierbei stehen vor allem die arabische, die antike und die abendländische Kultur.
  • [4] Spengler unterscheidet zum Beispiel zwischen dem apollinischen Charakter in der Antike, den er als statisch, mit einem Fokus auf den endlichen Kosmos und den „sinnlich-gegenwärtigen Einzelkörper“ (Spengler 1969, S. 234) charakterisiert, und dem faustischen Charakter des Abendlandes, den er als dynamisch, in den unendlichen Raum strebend beschreibt (Spengler 1969, S. 31, 117, 234, 553).
  • [5] So zeige sich die gängige Staatsform in der antiken Kultur im Stadtstaat, während in der abendländischen Kultur eine Tendenz zum Flächenstaat vorherrsche (Spengler 1969, S. 234–244).
 
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