A Study of History: Arnold Toynbee

Diesem stark deterministisch ausgerichteten Ansatz setzt sich ein weiterer Kreislauftheoretiker entgegen, der sich an die Aussagen Spenglers anlehnt, jedoch in entscheidenden Punkten eine differierende Herangehensweise verfolgt und so insgesamt zu einem anderen, eher offeneren Ergebnis seiner Analyse gelangt. Arnold Toynbee legt in seinem zwölfbändigen[1] Monumentalwerk Studie zur Weltgeschichte (1949b), das in den Jahren 1934–1961 veröffentlicht wurde, dar, dass sich die Weltgeschichte zwar – wie auch bei Spengler – durch einen Kreislauf der Kulturen[2] als Träger der Geschichte entwickele, fügt aber als zentrale These hinzu, dass über alle nacheinander ablaufenden Kreisläufe hinweg ein linearer Prozess erkennbar sei (1949b, S. 432).[3] So nimmt Toynbee – während Spengler seine Kulturen isoliert nebeneinander stehen sieht – ein gewisses Verwandtschaftsverhältnis[4] und Wirkungszusammenhänge zwischen seinen kulturellen Einheiten an, wodurch die Möglichkeit besteht, dass erworbenes Wissen oder Güter „von einer in eine andere Kultur tradiert werden und in sie eingehen“ (Wenzl 1953, S. 202). Ausschlaggebend für diese potentiell evolutionäre Entwicklung der einzelnen Kulturen sei deren Fähigkeit, tatsächlicher Wille und Einfallsreichtum, auf Herausforderungen[5], die sich ihnen im Laufe der Geschichte entgegenstellen, mit adäquaten Lösungen zu reagieren (Toynbee 1949b, S. 82, 221). Entwicklung und damit ein Fortbestand der Kulturen können vor diesem Hintergrund also angestoßen werden, wenn die so genannte „schöpferische[.] Minderheit“ (Toynbee 1949b,

S. 243) – gesehen in der Führungsschicht einer kulturellen Gruppe – eine kreative Antwort auf den Anreiz einer Herausforderung findet und diese erfolgreich bewältigt, weshalb der Rest der Bevölkerung dieser kulturellen Einheit, gedacht als die unschöpferische Mehrheit, dazu ermutigt wird, diesen Lösungsansatz nachzuahmen (Toynbee 1949b, S. 64). So erscheint es, dass diese „Wechselwirkung von Herausforderung und Antwort wirklich den gesuchten Einfluß kennzeichnet, also die Kraft ausmacht“ (Toynbee 1949b, S. 82), die für alle Veränderungen und allen Fortschritt verantwortlich zeichnet und so für die Dynamisierung der Entwicklung von Kulturen ausschlaggebend ist.

Komplementär dazu ist es aber auch genau diese Interdependenz von „Aufgabe und Antwort“ (Toynbee 1949b, S. 432), die den Auslöser für den Untergang einer Kultur bringen kann. Dies geschehe dann, wenn die schöpferische Minderheit ihre schöpferische Kraft verliere und keine angemessene Antwort auf eine Herausforderung mehr geben könne. Die fatale Folge daraus zeige sich schließlich darin, dass die Mehrheit der Bevölkerung jene wenig erfolgreichen Handlungen nicht nachahme, wodurch die soziale Einheit im Gesellschaftskörper verloren gehe und jegliche Entwicklung ausgebremst werde (Toynbee 1949b, S. 65). Stattdessen befinde sich eine Kultur in einem solchen statischen Zustand an der Schwelle zu ihrem Niedergang. So ist es die Freiheit der schöpferischen Schicht, welche von Toynbee als wegweisend und anspornend für eine Kultur eingestuft wird.

Der Westen scheint sich vor dem Hintergrund dieser Argumentation in einem eher statischen Zustand zu befinden. Zwar habe es der Okzident durch die Trennung von Religion und Kultur bei gleichzeitiger Konzentration auf Wissenschaft und Technik geschafft, über sich hinauszuwachsen und so einen großen Schritt in Richtung Fortschritt zu machen, welcher sich auch dadurch auszeichnete, dass westliche Staaten einen großen Einfluss auf außereuropäische Länder ausüben konnten (Stadtmüller 1950, S. 180, 187). Jedoch habe sich der Westen, allen voran Europa, vom Mittelpunkt der Welt zu einem Einfallstor nichtwestlicher Mächte gewandelt (Toynbee 1949a, S. 111) und werde aus diesem Grund nun von Erscheinungen bedroht, denen schon andere, heute vom Erdball verschwundene Kulturen gegenüberstanden. Diese fanden sich entweder in „Krieg oder Klasse oder irgendeine[r] Komplikation aus diesen beiden“ (Toynbee 1949a, S. 29–30), die für jede andere Kultur den Todesstoß bedeuteten und heute die schöpferische Kraft des Westens herausfordern. Auf dieser Basis kommt Toynbee zu einem Schluss, der ihm unumgänglich für das Überleben der westlichen Kultur und als einzige adäquate Antwort auf diese Herausforderung erscheint: „Wir müssen Krieg und Klasse abschaffen, und das sofort“ (Toynbee 1949a, S. 31).[6]

Durch diese Argumentation stellt Toynbee – ähnlich wie Spengler – die Diagnose, dass das Abendland in einer Krise stecke. Während Spengler aber ihr Schicksal, dem biologischen Kreislauf folgend, als unabwendbar dem Niedergang zustrebend prognostiziert, bleibt die Zukunft des Westens bei Toynbee ergebnisoffen, je nachdem, ob und wie auf die bevorstehenden Herausforderungen schöpferisch geantwortet werden kann (Wenzl 1953, S. 202).

  • [1] Der 12. Band ist gedacht als „Zusammenfassung, Weiterführung, Korrektur und Verteidigung des Gesamtwerkes“ (Müller 1964, S. 311).
  • [2] Toynbee identifiziert 21 Kulturen, von denen sich sechs aus sich selbst heraus entwickelt hätten (Toynbee 1949b, S. 63; Engel-Janosi 1974, S. 26).
  • [3] Auch hier lässt sich durch die gleichberechtigte Nebeneinanderstellung verschiedener Kulturen die Abkehr von der Absolutstellung der abendländischen Kultur in der wissenschaftlichen Betrachtung erkennen, wie sie seit dem 20. Jahrhundert typisch ist.
  • [4] So ist z. B. die westliche Kultur mit der hellenischen Kultur verwandt (Stadtmüller 1950, S. 180).
  • [5] Solche Herausforderungen finden sich in verschiedenen Stimuli: im „Stimulus of Hard Countries“ (Toynbee 1963, S. 31), im „Stimulus of New Ground“ (Toynbee 1963, S. 73), im„Stimulus of Blows“ (Toynbee 1963, S. 100), im „Stimulus of Pressures“ (Toynbee 1963,S. 112) und im „Stimulus of Penalizations“ (Toynbee 1963, S. 208).
  • [6] Dies könne – unter dem Eindruck der zeitgenössischen Konfliktlinien, die Toynbee während der Erstellung seines Werkes auf internationaler Ebene wahrnimmt – allein durch einen Staatenbund im Sinne einer politischen Vereinigung funktionieren, der aus Großbritannien und den westeuropäischen Ländern bestehe und zwischen den beiden Supermächten USA und der Sowjetunion zu vermitteln helfe.
 
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