Der Westen und der Rest der Welt: Die jüngeren Kontroversen

Das Ende des Zweiten Weltkrieges und die sich abzeichnende bipolare Weltordnung markierten eine einschneidende Zäsur für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Aufstieg und Niedergang der Nationen. Der Zerfall der europäischen Kolonialreiche und die Entstehung unabhängiger afrikanischer und asiatischer Staaten transformierte die Suche nach einem ‚Erfolgsmodell' nationaler Entwicklung von einem Gegenstand des primär akademischen Interesses zu einem weltpolitisch hochaktuellen und brisanten Sujet. Denn diese jungen politischen Gemeinwesen bildeten nicht zuletzt die Arena, in der die militärische, politische, ökonomische und insbesondere auch ideologische Konfrontation zwischen den USA und der Sowjetunion ausgetragen wurde und in der Washington eine überzeugende Alternative zum sozialistischen Entwicklungsmodell aufzeigen musste (Gilman 2007, S. 11–12; Scheuch 2003, S. 264–265).

Modernisierungstheorie

In diesem historischen Kontext etablierte sich die Modernisierungstheorie als dominante Strömung der Entwicklungsforschung ‒ ein Status, den sie bis in die 1970er Jahre nicht verlieren sollte. Zu ihren bekanntesten Vertretern, die mehrheitlich innerhalb der US-amerikanischen Sozialwissenschaften zu verorten sind, zählen Seymour M. Lipset (Politikwissenschaft), Talcott Parsons (Soziologie), Walt Whitman Rostow (Geschichtswissenschaft), David McClelland (Psychologie) und Daniel Lerner (Soziologie) (Peet und Hartwick 2009, S. 116–134).

Im Hinblick auf ihre Zielvorstellung – die Erfüllung einer Reihe an ökonomischen, politischen und soziokulturellen Indikatoren, die in ihrer Summe ‚Modernität'[1] abbilden – präsentieren sich die Autoren als vergleichsweise homogen. Unterschiedlich dagegen gestalten sich die Priorisierung einzelner Parameter sowie die Eingriffsintensität, die für einen erfolgreichen Abschluss des Modernisierungsprozesses veranschlagt wird (Gilman 2007, S. 9–11). Gemein ist allen Vertretern ein dichotomes Verständnis von Moderne und Tradition. Modernen Gesellschaften wird dabei ein hohes Maß an sozialer Differenzierung und Adaptionsfähigkeit bescheinigt, zudem seien sie innovationsfreundlich, säkular und propagierten einen systemstabilisierenden Werteuniversalismus. Tradition hingegen ist auf eine Residualkategorie reduziert, in der ‚überkommene' gesellschaftliche Strukturen und Normen wie Passivität, Tribalismus, Aberglaube, Innovationsfeindlichkeit und politischer Partikularismus gebündelt werden (Pieterse 2000, S. 22–25; Degele und Dries 2005, S. 55).[2]Modernisierung wird aus dieser Perspektive als „Wandlungsprozess[.] der Nachzügler“ (Bendix 1969, S. 510) charakterisiert, bei dem mit endogene Unterstützung traditionelle Gesellschaften grundlegend transformiert und in die Moderne ‚überführt' werden. Dieser Entwicklungspfad sei dabei auf ökonomischer Ebene durch Industrialisierung, Massenkonsum und die Entstehung erster Ansätze eines staatlichen Wohlfahrtssystems charakterisiert, politisch lasse sich die Genese einer nationalstaatlichen Identität und staatsbürgerlichen Engagements beobachten, und auf soziokultureller Ebene sei schließlich ein Wertewandel hin zu Rationalität, Säkularisierung und Individualismus identifizierbar (Degele und Dries 2005, S. 16–18).

Ein Leitmotiv, das sich sowohl durch die Modernisierungstheorie als akademische Disziplin und politisches Projekt als auch durch die Biographien ihrer Vertreter zieht, ist der Glaube an den Leitbildcharakter des westlichen Modernisierungsweges und seine Übertragbarkeit auf die Developing Nations Asiens und Afrikas.

[3] Modernisierung kann hierbei als „Ausbreitung des Westens“ (Berger 1996, S. 45) und – im Lichte der Nationalität vieler ihrer Vordenker – als Ausdruck des amerikanischen Exzeptionalismus gelesen werden (Lidz 1991, S. 28–29; Belmonte

2008, S. 116–135).[4]

Neben den skizzierten Parallelen lassen sich jedoch auch innerhalb der Modernisierungstheorie unterschiedliche Strömungen beobachten. So interpretiert Parsons als Theoretiker des Strukturfunktionalismus die Modernisierung sozialer Strukturen als Adaptionsreaktion, mit der eine Systemstabilisierung erreicht werden kann. Zwar sehen sich alle sozialen Organismen mit den gleichen Aufgaben konfrontiert – in Parsons klassischem AGIL-Schema sind dies Adaptation, Goal Attainment, Integration und Latent Pattern Maintenance –, doch traditionelle Gesellschaften seien ob ihres geringeren Differenzierungsgrades und fehlenden Werteindividualismus verwerfungsanfälliger, während ihre modernen Pendants als Ergebnis der Differenzierung sozialer Subsysteme eine hohe Kontrollfähigkeit gegenüber ihrer Umwelt besäßen und ihr Wertepluralismus die persönliche Autonomie ihrer Mitglieder garantiere. Der Entwicklungspfad von Tradition zu Moderne weise dabei im historischen Querschnitt sogenannte evolutionäre Universalien auf

– einzelne die Steuerungskapazität des sozialen Systems verbessernde Innovationen wie beispielsweise bürokratische Organisation –, die als Motoren gesellschaftlicher Innovation dienten (Jetzkowitz 2002, S. 82–86).

Anders als Parsons argumentiert Lipset aus einer politikwissenschaftlichen Perspektive. Für ihn steht primär der Konnex zwischen Entwicklung und demokratischer Stabilität im Vordergrund (Pickel 2014, S. 191). Wirtschaftswachstum sei dabei die Triebfeder einer erfolgreichen Konsolidierung, da es die soziale Stratifikation innerhalb einer Gesellschaft grundlegend verändere und zwar „from a […] pyramid, with a larger lower-class base, to a diamond with a growing middleclass“ (Lipset 1959, S. 83). Diese wachsende Mittelklasse wirke werteund systemstabilisierend, da sie als Ergebnis sozialer Cross Pressures und zur Sicherung des Status Quo moderate Parteien präferiere und sich zivilgesellschaftlich engagiere (Lipset 1959, S. 83–85).[5]

Ökonomische Entwicklung bildet auch den Fokus von Rostows Oeuvre, unter den Vorzeichen eines Stufenmodells, das auf dem Entwicklungspfad Westeuropas fußt, aber von ihm als Referenzrahmen für alle existierenden Gesellschaften universalisiert wird (Peet und Hartwick 2009, S. 132). Rostow identifiziert dabei fünf Stadien historischer Entwicklung, die zwischen Traditionalismus und Massenkonsum rangieren. Insbesondere der dritte Entwicklungspunkt, die Take Off-Phase, ist dabei für ihn von besonderem Interesse, da in diesem der Grundstein der Modernität gelegt wird. Prämissen für diesen Durchbruch sind Investitionen von mindestens zehn Prozent des Nettosozialproduktes, die Entwicklung eines industriellen Sektors sowie die Schaffung eines politischen und sozialen Institutionengefüges, das Mobilisierung von Mensch und Kapital ermöglicht (Rostow 1960, S. 36–58; Scheuch 2003, S. 284).

Ein letzter Strang der Modernisierungstheorie, repräsentiert durch McClelland und Lerner, zielt vorrangig auf die psychologischen Voraussetzungen der Modernisierung ab. McClelland konstruiert einen Idealtypus des modernen Menschen, der in Anlehnung an Max Weber durch Selbstständigkeit und disziplinierte Pflichterfüllung charakterisiert ist. Diese sogenannte Achievement-Aspiration sei etwa in den USA überdurchschnittlich häufig gegeben, könne aber auch den Bürgern anderer Staaten ‚antrainiert' werden (McClelland 1961, S. 391–438). Lerner entwickelt ein ähnliches Schema der „mobilen Persönlichkeit“ (Scheuch 2003, S. 266), das jedoch einen umfangreicheren Katalog an modernen Attributen umfasst und dabei die Dichotomie-Paare „village versus town, […] illiteracy versus enlightenment, resignation versus ambition, and piety versus excitement“ (Lerner 1967, S. 44) entwirft.

  • [1] Für die Problematik der Operationalisierung dieses Begriffes vgl. Pieterse (2000, S. 22).
  • [2] Besonders prononciert spiegelt sich diese Wertung in Wehlers Dichotomien-Alphabet(1975, S. 14–15).
  • [3] Für ein Beispiel hierfür vgl. Deutsch (1961). Peet und Hartwick bilanzieren kritisch, dass

    „global history is reduced to a series of copies made from distilling the experience of the West“ (2009, S. 131).

  • [4] Obgleich die Hauptströmungen der Modernisierungstheorie die Moderne als westliches Phänomen rezipieren, so existieren doch insbesondere in den 1960er Jahren einzelne Autoren, die zwar die oben skizzierten Elemente der Moderne aufnehmen, sie allerdings unter kommunistischen Vorzeichen interpretieren und gerade in Stalins Sozialund Kulturpolitik in den zentralasiatischen Sowjetrepubliken verwirklicht sehen. Vgl. exemplarisch hierfür Wilber (1969, S. 160–167, 214) sowie Nove und Newth (1967, S.
  • [5] Eine Vertiefung seiner Ergebnisse nimmt Lipset in Political Man (1981) vor. Sein Fokus auf die Demokratisierung traditioneller Gesellschaften präsentiert sich innerhalb der Modernisierungstheorie tendenziell eher als Ausnahme: Demokratische Konsolidierung wird bei zahlreichen Autoren als Nebenschauplatz beziehungsweise in extremeren Fällen sogar als Entwicklungsblockade perzipiert, was in der kritischen Rezeption zum Vorwurf eines elitären oder sogar pro-autoritären Bias geführt hat (Ish-Shalom 2006, S. 293; Gilman 2007, S. 10–11).
 
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