Dependenztheorie

Im Verlauf der 1970er mehrten sich kritische Stimmen gegenüber der Modernisierungstheorie. Durch die hohe Politisierung des Gegenstandes – als extremster Fall sei hier Rostow genannt, der in seiner Position als ranghoher sicherheitspolitischer Berater des US-amerikanischen Präsidenten Johnson eine Eskalation des Vietnamkrieges befürwortete, weil er bis zuletzt auf den Beginn eines südvietnamesischen Take Off hoffte (The Editors of Encyclopædia Britannica 2015; Ish-Shalom 2006) – resultierte das Scheitern zahlreicher Entwicklungsprojekte in einer gewachsenen Skepsis gegenüber den Grundannahmen der Modernisierungstheorie als solche. Zudem beanstandeten Kritiker die Stilisierung des Westens zum Leitsystem und Orientierungsmaßstab für andere Nationen und distanzieren sich von der Annahme einer Unvereinbarkeit von Moderne und Tradition (Lienkamp 1992, S. 99; Peet und Hardwick 2009, S. 131–134; Sylvester 1999, S. 707).

In Lateinamerika formierte sich mit der Dependencia als „a critique, emanating directly from the Global South[1], of dominant theories of development“ (Heller et al. 2009, S. 289–290) die größte Herausforderung für die Modernisierungstheorie innerhalb des Entwicklungsdiskurses. Sie entstand im Kontext eines sich immer stärker destabilisierenden südamerikanischen Subkontinents: Auf ökonomischer Ebene manifestierten sich tiefgreifende Strukturdefizite. So zeigten sich erste Symptome einer Krise der Importsubstitution, während der immer lauter werdende Ruf nach Landreform soziale Spannungen spiegelte. Auch politisch sahen sich viele lateinamerikanische Staaten zum einen mit der Machtergreifung von Militärregimen konfrontiert, die gesellschaftsinterne Spaltungen einmal mehr verstärkten, und zum anderen – primär bedingt durch die Strahlkraft der kubanischen Revolution – mit einer gestiegenen Mobilisierungskraft sozialistischer Gruppierungen. Trotz innenpolitischer Krisenanfälligkeit wuchs aber auf weltpolitischer Ebene gleichzeitig ihre Thematisierungsmacht, insbesondere im Kontext der Bewegung der Blockfreien Staaten (Werz 2005, S. 119–128, 242; Menzel 1993, S. 141).

Betrachtet die Modernisierungstheorie den Westen noch als zu adaptierendes Leitbildmodell, so fällt das Urteil der Dependenzforschung weitaus kritischer aus. Sie perzipiert ihn vielmehr als die Ursache für die Entwicklungsdefizite nichtwestlicher Staaten und entwirft dabei das Konzept der Dependenz, um die Machtbeziehung zwischen dem Westen und dem ‚Rest'[2] zu konzeptualisieren. Jene wird dabei definiert als „a situation in which the economy of certain countries is conditioned by the development and expansion of another economy to which the former is subjected. The relation of inter-dependency between two or more economies, and between these and world trade, assumes the form of dependency when some countries […] can expand and be self-sustaining, while other countries […] can do this only as a reflection of that expansion […]“ (Dos Santos 1970, S. 231).

Diese Diagnose eines einseitigen Abhängigkeitsverhältnisses, das auf die nichtwestlichen Staaten entwicklungshemmend wirkt, bildet das konzeptionelle Fundament der Dependenztheorie. Darüber hinaus lassen sich vier Grundannahmen identifizieren, die trotz der Heterogenität des Forschungsfeldes von nahezu all ihren Vertretern geteilt werden: Erstens sei Unterentwicklung nicht das Ergebnis traditioneller Gesellschaftsstrukturen, sondern vielmehr das Resultat kapitalistischer Expansion. Zweitens existiere eine bipolare Globalstruktur, in der sich ein industrialisiertes Zentrum und die unterentwickelte Peripherie gegenüberstünden. Drittens seien die Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie von einem hohen Maß an Ungleichheit geprägt, ein gerechter Austausch finde nicht statt, vielmehr bilde die Armut innerhalb der Peripherie eine unabdingbare Voraussetzung für den Wohlstand der industrialisierten Staaten. Viertens etablierten sich in den politischen Gemeinwesen der Peripherie auch über die Ökonomie hinausgehende Abhängigkeitsstrukturen in allen sozialen Subsystemen (Bath und James 1976, S. 5; Angotti 1981, S. 126–127).

Noch deutlicher als im Fall der Modernisierungstheorie manifestiert sich bei der Dependencia eine Fusion von wissenschaftlicher Beschäftigung und politischem Aktivismus. Das Ziel ihrer Vertreter ist es nicht nur, einseitige Abhängigkeitskonstellationen zu identifizieren, sie verknüpfen dies bewusst mit einem Impetus zur sozialen Veränderung (Caporaso 1980, S. 613).[3] Während die Zielvorstellung ihrer Repräsentanten – ein Ende von Unterentwicklung – sich nicht fundamental von jener der Modernisierungstheoretiker unterscheidet, markiert der politische Ordnungsrahmen, innerhalb dessen dieses Ziel implementiert werden soll, einen deutlichen Bruch mit vorangegangenen Modellen. Es ist nicht zuletzt auch die variierende Radikalität der Lösungsvorschläge für eine Überwindung der Dependenz, die bei sozialdemokratischen Reformen beginnen und mit dem sozialistischen Systemumsturz enden, die die größten Differenzen innerhalb der Dependencia offen legen.

Stellvertretend für die sozialrevolutionäre Strömung der Dependenztheorie sind die Arbeiten des deutschstämmigen Andre Gunder Frank und des Brasilianers Theotonio dos Santos zu nennen (Namkoong 1999, S. 137–139). Frank argumentiert, dass die Herausbildung von Zentrumsund Peripherieregionen – in seiner Terminologie werden diese als Metropole und Satellit(en) klassifiziert – ein grundlegendes Strukturmuster des globalen Kapitalismus darstellten. Eine erfolgreiche Entwicklung der ‚Satellitenstaaten' sei demnach nur als Konsequenz sozialistischer Systemtransformation möglich (Frank 1966, S. 18–19; Namkoong 1999, S. 138–139). Dos Santos stimmt mit diesem Lösungsansatz überein, differenziert in seiner Diagnose jedoch stärker zwischen historisch sich wandelnden Formen der Abhängigkeit. Während globale Arbeitsteilung für ihn ein kontinuierliches Problem kapitalistischer Entwicklung bildet, sei nach dem Ende des Kolonialismus die offene Dominanz des Westens durch subtilere Formen der Kontrolle abgelöst worden, deren Kulminationspunkt eine zunehmende Kapitalinvestition der industrialisierten Staaten in die Volkswirtschaften Lateinamerikas darstelle (Dos Santos 1970, S. 231–232; Peet und Hartwick 2009, S. 166–168).

Einen gemäßigteren und differenzierteren Ansatz entwickeln der spätere brasilianische Präsident Fernando H. Cardoso und der Chilene Enzo Faletto. Sie richten ihr Augenmerk primär auf konkrete Abhängigkeitskonstellationen in den Staaten des Cono Sur und zeigen sich skeptisch gegenüber einer Generalisierbarkeit ihrer Thesen (Caporaso 1980, S. 615). Obgleich globale Strukturmuster des Kapitalismus auch für sie von Interesse sind, ergibt sich der wissenschaftliche Mehrwert ihrer Arbeit aus der Analyse gesellschaftsinterner Prozesse. So beleuchten sie, inwieweit auch innerhalb eines dependenten Szenarios bestimmte soziale Gruppen, oftmals die Mittelschicht, oder einzelne Wirtschaftssektoren oder Regionen von einem begrenzten Entwicklungsprozess profitierten. Grundsätzlich ändere dies jedoch nichts an der Machtverteilung zwischen Zentrum und Peripherie und zudem schüre eine einseitige Bevorzugung einzelner Akteure gesellschaftliche Konflikte (Cardoso und Faletto 1979, S. xviii; Cardoso 1973, S. 149–163). Auch Cardoso und Faletto perzipieren den Sozialismus als Ausweg, allerdings ist ihr Ansatz dezidiert anti-revolutionär und insbesondere Cardoso spricht sich in späteren Schriften deutlicher für eine Politik des Dritten Weges aus (Heller 2009, S. 291).

Noch moderater präsentiert sich der Lösungsansatz des Argentiniers Raúl Prebisch, der sich als Generalsekretär der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik für die Integration der südamerikanischen Märkte, Ressourcentransfer und ökonomischen Protektionismus einsetzte, um die einheimische Industrien zu stärken (Namkoong 1999, S. 130). Ähnlich wie Cardoso und Faletto sieht auch er eine Dualität zwischen Zentrum und Peripherie gegeben, die nachrangige Position Lateinamerikas innerhalb dieses Systems sei dabei ursächlich für seine Entwicklungsdefizite. Prebisch differiert vom Mainstream der Dependencia primär dadurch, dass er dem Kapitalismus keine pauschale Absage erteilt, sondern vielmehr das Potenzial des Nationalstaats, einen autonomen Entwicklungspfad einzuschlagen, beschwört (Prebisch 1980, S. 26; Peet und Hartwick 2009, S. 65–67).

  • [1] Da die meisten lateinamerikanischen Dependenztheoretiker ihre Erstüberlegungen in spanischer Sprache publizierten, erfolgte die globale akademische Rezeption erst mit dem Vorliegen einer englischen Übersetzung, die im Regelfall schlussendlich in der wissenschaftlichen Debatte auch als Referenzpunkt herangezogen wurde (Caporaso 1980, S. 606). Aus diesem Grund wird bei der nachfolgenden Vorstellung der einzelnen Autoren immer auch mit der englischen Ausgabe gearbeitet.
  • [2] Insbesondere die lateinamerikanischen Dependenztheoretiker fokussieren primär auf eine lokalisierte Analyse ihrer Heimatländer und deren Wechselbeziehungen mit dem Westen und äußerten, wenn überhaupt, nur einen sehr zögerlichen globalen Geltungsanspruch ihrer Thesen. Ein anderes Vorgehen zeigt sich dagegen bei Dependenztheoretikern nordamerikanischer oder europäischer Herkunft, deren Theorien von einem universellen Erklärungsanspruch gekennzeichnet sind (Caporaso 1980, S. 606–608)
  • [3] Dieser reformistischen Ausrichtung ist es auch geschuldet, dass die lateinamerikanische Befreiungstheologie vielfach auf die Thesen der Dependenztheorie rekurriert, wenngleich sie nicht alle Grundannahmen der Dependencia unkritisch übernimmt (Lienkamp 1992, S. 102–105).
 
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