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5.3 Postcolonial Studies

Entfaltete die Dependenztheorie gerade auf die politische Entwicklungsdebatte eine extrem einflussreiche Wirkung, so stießen doch auf wissenschaftlicher Seite sehr schnell viele ihrer Grundannahmen auf Kritik: Nicht nur wurde eine unzurei-

chende Operationalisierung zentraler Termini sowie – im Fall derjenigen Ansätze mit einem globalen Erklärungsanspruch – das Ausblenden der extremen Heterogenität nicht-westlicher Entwicklungspfade kritisiert. Der Aufstieg der südostasiatischen Tigerstaaten in den 1990er Jahren ließ auch die pessimistischen Vorhersagen der Dependecia über das fehlende Entwicklungspotenzial der peripheren Staaten obsolet wirken (Smith 1981, S. 756–760; Heller 2009, S. 290).[1]

Die Dependencia ist jedoch nicht die einzige Theorieströmung, die gegenüber dem Westen eine kritische Position einnimmt, auch die Postcolonial Studies, die sich während der 1990er Jahre entfalteten, beurteilen die Rolle des Westens höchst ambivalent. So bilanziert auch Kapoor, dass „what brings dependency and postcolonialism together is their shared commitment precisely to critique; in their own fashion, both are counter-modernist and critical of Western liberalism“ (Kapoor 2002, S. 653).

Den historischen und politischen Hintergrund ihrer Genese bilden die Erfahrungen des Dekolonialisierungsprozesses in Afrika und Asien: Die großen Hoffnungen der ersten Unabhängigkeitsjahre kontrastieren vielerorts schmerzhaft mit enttäuschten ökonomischen und politischen Erwartungen. Auch die Frage nach einer konsensfähigen nationalen Identität bildet oftmals einen Gegenstand extremer sozialer Sprengkraft (Sivanandan 2004, S. 47, 57–60). Zudem erleben gerade frühe Vertreter der Postcolonial Studies, wie der in Palästina geborene Edward Said und der Algerier Frantz Fanon, koloniale Herrschaft auch persönlich und sind zudem in anti-koloniale Befreiungsbewegungen involviert (Kastner 2012, S. 85–86; Schmitz 2012, S. 109–111).

Anders als im Fall der oben diskutierten Theorien ist es vergleichsweise schwer, im Fall der Postcolonial Studies einen einheitlichen inhaltlichen Wesenskern herauszuarbeiten. So spricht bereits Goss pointiert von einem „mishmash of deeply confusing elements“ (Goss 1996, S. 244) und Huggan kritisiert das Forschungsfeld für seine „inclination to choose itself as the principal object of its own debates“ (Huggan 2008, S. 1). Allein der Begriff des Postkolonialen erfährt eine sehr weit gefasste Definition und kann folgende Sujets umfassen: „The study analysis of European territorial conquest, the various institutions of European colonialisms, the discursive operations of empire, subtleties of subject construction in colonial discourse and the resistance of those subjects, and, most importantly perhaps, the differing responses to such incursions and their contemporary colonial legacies in both preand post-independence nations and communities“ (Ashcroft et al. 2000, S. 169).

Deutlich wird bei dieser Definition jedoch, dass Postkolonialismus keine rein historische Gegenstandsbeschreibung der Zeit nach der Unabhängigkeit ehemaliger kolonialer Gemeinweisen und Subjekt darstellt, sondern auf einen weitaus komplexeren Sachverhalt verweist: Die Konsequenzen beziehungsweise das Erbe kolonialer Herrschaft auf materieller und intellektueller Ebene (Ashcroft et al. 2000, S. 168–173).

Da das Gros der Vertreter des Forschungsfeldes – zumindest in der Entstehungsund Konsolidierungsphase der Postcolonial Studies – in den Literaturund Kulturwissenschaften zu verorten sind, bildet dabei die Frage nach dem kulturellen Einfluss des Westens auf die Identitätskonstruktion (post)kolonialer Subjekte und Objekte ein zentrales Interessengebiet. Da kulturelle Produktion niemals nur „world-disclosing“ sondern auch „world-constituting“ (Lazarus 2004, S. 11) sei, habe die Deutungsmacht westlicher Autoren schwerwiegende Konsequenzen, da jene eine Weltsicht forcierten, in dem sich ein zivilisierter, rationaler und altruistischer Westen mit dem irrationalen, undisziplinierten und zügellosen ‚Other', den indigenen Subjekten ihrer Kolonien, konfrontiert sahen.

Die Konstruktion einer solchen Überlegenheit des Westens auf allen Ebenen diene dabei als Rechtfertigungsgrundlage imperialistischer Expansion und Ausbeutung (Kapoor 2002, S. 650–653). Ziel des Postkolonialismus ist es in diesem Kontext, „[to] insert the periphery, the marginal, the non-expert into their own destinies. Its work finds memories of the past and recent present that are meant by imperial historians to be forgotten, over, prehistory of sorts, or fixed up. To dig them out requires acts of remembering and recovering […] the painful, dismembered and traumatic“ (Sylvester 1999, S. 711).

Frühe Analysen der Postcolonial Studies thematisieren primär diese ‚weiche' kulturelle Identitätskonstruktion, was ihnen den Vorwurf einbrachte, konkrete Machtbeziehungen dabei aus dem Auge zu verlieren (Parry 2004, S. 76). Autoren wie Aram Ziai und Uday Chandra nehmen diese Kritik auf und entwickelten dabei Leitlinien einer postkolonialen Politikwissenschaft, die ‚westliche' Konzepte wissenschaftlicher Objektivität ambivalent beurteilt, eine Universalisierung von ideengeschichtlichen und politischen Modellen – etwa dem Nationalstaat als unhinterfragtes Strukturmuster politischer Organisation – eine Absage erteilt und eine postkoloniale Perspektive in einzelne Policy-Felder, etwa die Entwicklungspolitik, einbringt (Ziai 2012, S. 284–288; Chandra 2013, S. 484–490).

Aufgrund der bereits thematisierten extremen Heterogenität des Forschungsfeldes ist es schwer, klar abgrenzbare Strömungen zu identifizieren. Deshalb sollen an dieser Stelle stattdessen die drei Autoren Edward W. Said, Gayatri C. Spivak und Homi K. Bhabha in ihrem Werk skizziert werden, da sie als „quasi-heilige Trinität der Postcolonial Studies“ (Schmitz 2012, S. 109) bei aller kritischen Aufarbeitung doch eine große Strahlkraft entfaltet haben.[2]

Said bereitet mit seiner Orientalismus-Studie das Fundament für die Disziplin als Ganzes, indem er mithilfe des Orientalismus-Begriffes die intellektuellen Machtbeziehungen zwischen dem Westen und den ‚Anderen' konzeptualisiert. Orientalismus sei „the enormously systematic discipline by which European culture was able to manage – and even produce – the Orient politically, sociologically, militarily, ideologically, scientifically, and imaginatively during the post-Enlightenment period“ (Said 2003, S. 3). Die Konstruktion einer orientalischen Identität – charakterisiert als ‚Other', das als Gegenpol zu einer perzipierten westlichen Superiorität dient – erfolge dabei extern durch europäische Wissenschaftler und Schriftsteller (Ashcroft et al. 2000, S. 153; Schmitz 2012, S. 112–115). Die Konsequenz: „Orient was not (and is not) a free subject of thought or action“ (Said 2003, S. 3).

Spivak, Tochter einer wohlhabenden indischen Brahmanen-Familie, verbleibt dagegen anders als Said nicht auf der Makroebene der sozialen und interkulturellen Machtbeziehungen, sondern fokussiert bewusst auf die individuellen Biographien marginalisierter Gruppen, wie beispielsweise „subsistence farmers, […] peasant labor, the tribals and […] communities of zero workers“ (Spivak 1988, S. 288), und stellt dabei die Frage nach der ‚Sichtbarmachung' dieser subalternen Stimmen ins Zentrum ihres Oeuvre. Im Rahmen ihrer bekanntesten Analyse, die überlappende indische und britische Perspektiven auf die Sati, die Witwenverbrennung, thematisiert, kommt sie jedoch zum ernüchterten Fazit, dass marginalisierte Stimmen weiterhin ‚ungehört' bleiben müssen, da sie zwischen zwei dominanten Diskursen gefangen sind (Nandi 2012, S. 123–126).[3]

Auch Bhabha zeigt Interesse am Widerstandpotenzial marginalisierter sozialer Gruppen und Akteure. Er identifiziert im politischen, kulturellen und sozialen Austausch zwischen Kolonialherren und Kolonialisierten eine Situation der Hybridität, die er charakterisiert als „komplexe[.] kulturelle[.] Formation[.], die in einer asymmetrischen Konstellation entsteh[t] und diese Konstellation zugleich destabilisier[t]“ (Kerner 2014, S. 357). Ein solcher Dialog lege auch die Widersprüche und Schwächen kolonialer Identitätskonstruktion offen und entfalte dadurch subversives Potenzial (Bhabha 1994, S. 82). In diesem Kontext trägt paradoxerweise auch die Adaption westlicher Verhaltensmuster – von Bhabha als Mimikry charakterisiert – zur Destabilisierung kolonialer Machtbeziehungen bei, da sie der herrschenden Elite die Fragilität ihres Repräsentationsanspruches offen legt (Kerner 2014, S. 358–359).

  • [1] Trotz dieser Kritikpunkte haben jedoch im Zug der Globalisierungsdebatte Grundideen der Dependencia eine Renaissance erlebt. Vgl. dazu Herath (2008).
  • [2] Vgl. für eine detailliertere Analyse der Genese und Entwicklung des Forschungsfeldes Parry (2004).
  • [3] In ihren späteren Schriften vertritt Spivak jedoch hinsichtlich des Potenzials einer „demokratischen Option des subalternen Sprechens“ zunehmend optimistischere Positionen (Hidalgo 2014, S. 332).
 
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