Rezeption und Kritik

Diverse Preise sowie über 1,5 Mio. verkaufte Exemplare des in 36 Sprachen übersetzten Werkes geben bereits erste Hinweise darauf, dass Guns, Germs, and Steel bei einer breiten Leserschaft auf Anklang stieß (Diamond 2013, S. 7; Burkeman 2014). Auch die nichtwissenschaftliche Publizistik sparte nicht mit positiver Kritik des Buches (statt vieler: Disch 1997, S. 19; The New Yorker 1997, S. 101; The Economist 2005), sodass die National Geographic Society im Jahr 2005 auf Grundlage des Buches gar eine dreiteilige Dokumentation für den US-Fernsehsender PBS produzierte (Lovgren 2005; PBS 2005).

Doch Diamonds interdisziplinärer Zugang sorgte gerade für eine fächerübergreifende – auch hier wieder weitgehend positive – Rezeption seines Werkes: Aus den Geisteswissenschaften wie u. a. der Geschichtswissenschaft, Anthropologie und Archäologie, stammen Lobeshymnen, die das Werk als „an important contribution to world history“ (Grew 2006, S. 885) und als „artful, informative, and delightful book“ (McNeill 1997a, S. 48) bezeichnen, welches durch seine „originelle, neue Antwort“ (Gorissen und Meissner 2007) auf eine schon lange gestellte Frage über das Potenzial verfügt, ein Klassiker seiner Gattung zu werden (Mazlish 1999, S. 245; Renfrew 1997, S. 339–340). Besonders der Umstand, dass Diamond detailliert biogeographische Faktoren herausarbeitet (Dawson 2002, S. 48; Carling und Nolan 2000, S. 217) und somit rassistische Erklärungen für einen unterschiedlichen Entwicklungsstand ablehnt (Townsend 2003, S. 662), wird positiv hervorgehoben. Ein Anthropologe bemängelt an dem Buch des Physiologen Diamond schließlich lediglich: „It is a shame that it took a physiologist to write it“ (Ferguson 1999, S. 901).

Auch in den Naturwissenschaften löste die breite interdisziplinäre Fundierung von Guns, Germs, and Steel positive Reaktionen aus, indem es als „work of immense scholarship“ (Hurst 2003, S. 58), als Goldmine voller Ideen und Meisterwerk (York und Mancus 2007, S. 161) und dessen Autor als „superb organizer of information“ (Leidy 1999, S. 565) bezeichnet wurde. Daneben zeigen sich auch Ökonomen von der Argumentation Diamonds begeistert (McCloskey 2001; Block 2002, S. 282) und sehen bei einigen seiner Erkenntnisse gar Transferpotenzial auf die eigene Disziplin (Lewis 2002, S. 43).

Als wiederkehrende Gründe dieser positiven Rezeptionen werden besonders die Strukturierung des Buches und der Schreibstil seines Autors (Renfrew 1997,

S. 339; Lamal 1999, S. 76; Leidy 1999, S. 565; McAnany und Yoffee 2010, S. 4) sowie dessen interdisziplinärer Zugang genannt (Miller 2002, S. 208; Morris 2002,

S. 399; Drummond 1999), wobei gerade seine biogeographische Argumentation besonders hervorgehoben wird (McNeill 1997a, S. 49; Dawson 2002, S. 48).

Während einige Disziplinen die Ideen und Argumentationen Diamonds somit weitgehend positiv aufnahmen, fällt auf (Martis 2003, S. 119), dass nur wenige Rezensionen des Buches aus der Geographie und somit aus der Disziplin stammen, der Diamond sich inhaltlich in Guns, Germs, and Steel und mittlerweile auch professionell an der UCLA nahe fühlt. Judkins et al. (2008, S. 24) stellen allerdings fest, dass „many geographers embraced Diamond's work (accepting him into the academic community and attending his lectures in droves)“.

Trotz dieser Lobeshymnen darf aber nicht ignoriert werden, dass das Buch auch eine Vielzahl an kritischen Stimmen hervorrief. Dazu sind einige Rezensenten zu zählen, die das Werk grundsätzlich positiv bewerten, aber dennoch auch Fehler,

Oberflächlichkeiten und logische Inkonsistenzen in Diamonds Werk bemängeln

(Coelho 1998, S. 1179; Ferguson 1999, S. 901; McNeill 2001; York und Mancus

2007, S. 157; Andrade 2010, S. 168).

Die Kritik an Diamonds Positionen motivierte einige Autoren dazu, sich in unterschiedlichster Form kritisch mit dessen Argumenten und Thesen auseinanderzusetzen: So bieten z. B. Frederick K. Errington und Deborah B. Gewertz (2004) in ihrer Monographie Yali's Question eine alternative Antwort auf eben jene Frage, und das der Kritischen Geographie zuzuordnende Journal Antipode publizierte im Jahr 2003 ein Review Symposium zu Guns, Germs and Steel, das Kritiker Diamonds, aber auch ihn selbst zu Wort kommen ließ. Auch mehrere Tagungen anthropologischer Assoziationen befassten sich mit Jared Diamonds Werken (Johnson 2007; Lewis 2010), und nicht zuletzt auch eine Vielzahl kritischer Rezensionen, deren Kritikpunkte im Folgenden zusammengefasst werden sollen, und sich inhaltlich wie folgt kategorisieren lassen:

• Methodische und editorische Kritik

• Kritik an unzureichender Rezeption des Forschungsstandes

• Kritik an einer eurozentrischen Perspektive

• Kritik an der geodeterministischen Argumentation

Methodisch wird zunächst Diamonds Herangehensweise in Form eines natural experiments kritisiert, die eine zu große Zahl von möglichen Variablen unbeachtet lässt (Blaut 2000, S. 152; Fetter 2002, S. 434) und die James M. Blaut (2000, S. 152) als Vergleich „puffed up to sound more scientific than it really is“ zu entlarven versucht. Zudem blendet in den Augen einiger Rezensenten Diamonds zu starker Fokus auf kontinentale Entwicklungen der Weltgeschichte innerkontinentale Unterschiede weitgehend aus (McNeill 2001) und sorgt dadurch für eine nur geringe Fallzahl, sodass seine Generalisierungen mit Skepsis betrachtet werden (Tomlinson 1998), gerade weil ihm mit Eurasien auch nur ein Erfolgsmodell zur Verfügung steht (Cowell 2003, S. 810). Einige Autoren sehen sich zudem durch einige Redundanzen gestört, die zu Lasten einer Weiterentwicklung von Diamonds Argumenten gehen (Mazlish 1999, S. 240). Gerade in Kap. 4 sind diese wohl durch die Faszination Diamonds für den pazifischen Raum zu erklären, da er hier extrem detailliert Entwicklungen in Australien und Neuguinea beschreibt (Ferguson 1999, S. 900; Martis 2003, S. 119; dazu weniger kritisch: McNeill 1997a, S. 49).[1]

Auch wenn das Buch an ein vornehmlich breites Publikum adressiert ist, ergibt sich aus der mangelnden Nachweisführung durch Diamond ein Problem: Da dieser selbst bei direkten Zitaten ohne Beleg des Originals auskommt (Carling und Nolan 2000, S. 260) und auf den letzten Buchseiten nur weitere Lektüreempfehlungen, aber keine vollständige Literaturliste anfügt, bleiben Herkunft von und Kontroversen um die im Buch abgedruckten Gedanken oftmals im Unklaren (Shreeve 1997; Rushton 1999, S. 106; Sprinkle 2001, S. 176; weniger kritisch: Mazlish 1999, S. 240).

Diese Intransparenz korrespondiert auch mit der Kritik an unzureichender Rezeption des Forschungsstandes und dort vorhandener Kontroversen, die aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen an Diamond adressiert wird. So wird Diamond grundsätzlich dafür kritisiert (Kaveney 1997; Drummond 1999; Carling und Nolan 2000, S. 218; Carter 2004, S. xii), dass er viele Autoren, die bereits mit ähnlichen Publikationen inhaltliche Vorarbeiten leisteten, nicht deutlicher würdigt, nur selektiv rezipiert (Dawson 2002, S. 46–47) oder gar ignoriert: „Although Diamond offers much that is original, […] it would nonetheless have been appropriate for Diamond to acknowledge the scholarship of other important scholars“ (York und Mancus 2007, S. 159), wie Franz Boas (1965), Robert MacArthur und Edward Wilson (1967), Marvin Harris (1977), Alfred W. Crosby (1986) oder James M. Blaut (1993).

Aber auch spezifischere Versäumnisse unterschiedlichster fachlicher Herkunft

– angefangen von der Lokalisierung der ersten Agrargesellschaften (Blaut 1999) bzw. deren Ausbreitung (Merrett 2003, S. 804), über die Rolle und Eigenschaften der zuerst domestizierten Pflanzen (Tedlock 1997; Mitterauer 2000, S. 425–426) und Tiere (Blaut 1999, S. 394 und 399) bis hin zu Bevölkerungszahl (Dawson 2002, S. 45) und Entwicklungsstand (York und Mancus 2007, S. 159–160) der amerikanischen Urbevölkerung – werden ihm aufgrund mangelnder Rezeption des jeweiligen Forschungsstandes vorgeworfen, auf die hier nicht im Einzelnen eingegangen werden kann. Uneinheitlich erfolgt die Bewertung von Diamonds Einschätzung der germs für den Verlauf der Menschheitsgeschichte: Während Philip Coelho (1998, S. 1181) deren Bedeutung in Guns, Germs, and Steel für noch untertrieben dargestellt hält, zweifeln andere Autoren an den von Diamond vorgelegten Zahlen zur Stützung seiner Argumentation (Dawson 2002, S. 45) und werfen ihm im Gegenzug einen „leukocytic and lymphocytic determinism“ (Fetter 2002, S. 435) vor, den sie durch den Forschungsstand nicht gestützt sehen (ausführlich hierzu: Fetter 2002).

„Given the magnitude of the task he has set himself, it is inevitable that Professor Diamond uses very broad brush-stokes to fill in his argument“ (Tomlinson 1998). Diese Vorgehensweise führt aber dann zu einem Problem, wenn diese (dem Projekt geschuldete) Oberflächlichkeit eine zu einseitige Perspektive annimmt, die Jared Diamond die Kritik des Eurozentrismus einbrachte.[2] Diese setzt einerseits an der zu starken Konzentration auf europäische Verhältnisse zu Lasten anderer Kontinente an: Dass Diamond das Schicksal anderer ‚Agrarfrühstarter', die heute nicht wie die Europäer und deren Nachfahren global dominieren, viel zu knapp und widersprüchlich (China) bzw. überhaupt nicht (Sumerer, Indien[3]) erklärt, ist für Michael B. Brown (1998, S. 290–291) ein Hinweis darauf, dass Diamonds Argumente bei anderen Fallbeispielen bei weitem nicht so überzeugend sind wie im Falle Europas. Auch wenn diese ersten Agrargesellschaften in dessen Werk tatsächlich recht knapp thematisiert werden, wird der Vorwurf, das Buch thematisiere zu stark die Rolle des europäischen Kontinents, nicht von allen Rezensenten geteilt und seine Betrachtung gerade auch außereuropäischer Entwicklungen lobend hervorgehoben (Mazlish 1999, S. 240; Carling und Nolan 2000; Sprinkle 2001; Dawson 2002, S. 45).

Auch Diamonds Begründung für die innerhalb des eurasischen Kontinents unterschiedlichen Entwicklungsverläufe rief nicht nur Kritik wegen deren zu knapper Abhandlung (Ferguson 1999, S. 900–901; Dawson 2002, S. 46) und wegen Zweifeln an dessen Erklärungsgehalt (Laibman 2003) hervor, sondern auch wegen einer zu eurozentristischen Vorgehensweise: Dies betrifft einerseits Diamonds Methode, retrospektiv bestimmte Erfolgskriterien und -standards zu formulieren, dabei aber ausschließlich eine europäische Perspektive einzunehmen (Tedlock 1997) und anschließend andere Kulturen als weniger fortschrittlich abzuwerten (Blaut 1999, S. 402–403). Andererseits macht sich diese Kritik an vornehmlich nicht vorhandenen bzw. fälschlicherweise postulierten Vorteilen des europäischen Kontinents fest (Blaut 1999, S. 392, 2000, S. 200), die im Falle von Guns, Germs, and Steel besonders an Diamonds Begründung für die unterschiedliche Entwicklung der frühen Agrargesellschaften innerhalb Eurasiens adressiert wird:

Gerade der ungleiche Fragmentierungsgrad, den Diamond zur Begründung der Unterschiede zwischen dem chinesischen und den europäischen Völkern heranzieht, wird auf mannigfache Weise hinterfragt,[4] sowohl was deren Ausprägung in China (Merrett 2003, S. 804) wie auch in Europa betrifft (Blaut 1999, S. 402). Auch die grundsätzliche Frage, „at what scale terrain fragmentation, once a liability, turns into an asset in regional evolution“ (Merrett 2003, S. 804; ähnlich kritisch: Brown 1998, S. 291) sehen einige Autoren unbeantwortet, wenn Diffusionshürden im ganzen Buch als innovatorisch nachteilig, im Epilog dann aber plötzlich und knapp als Vorteil für die Europäer ausgemacht werden. Als „outdated European beliefs“ (Blaut 1999, S. 402; ähnlich auch Pomeranz 2010, S. 74) wird zusätzlich Diamonds Annahme, Europa habe China im Mittelalter überholt, ebenso disqualifiziert wie dessen pauschale Behauptung, Chinas Absolutismus habe Innovationen verhindert (Blaut 1999, S. 401).

Kontrovers wird auch die zentrale Bedeutung der Achsenausrichtung für Diamonds Erklärungsmodell diskutiert, von der wiederum gerade die Europäer besonders profitiert haben sollen: Auch wenn es grundsätzlich als innovativ gelobt wird (McNeill 1997a, S. 50), äußern einige Autoren Kritik an einer Überbetonung dieses Aspektes in seiner Argumentation, indem sie auf diverse historische und geographische Fehler und Widersprüche in Diamonds Argumentation hinweisen (Sharpe 1998, S. 123; Blaut 1999): Besonders hervorzuheben sind hierbei gerade dessen langes Ausblenden von möglichen innerkontinentalen Diffusionshürden wie Gebirgen und Wüsten auf einer Ost-West-Achse (McNeill 1997a, S. 50; Blaut 1999, S. 395, 2000, S. 153–154; McNeill 1997a, S. 50), aber auch seine Charakterisierung von Afrika und Australien als Kontinente mit Nord-Süd-Achse (McNeill 2001). Dies lässt bei einigen Autoren Zweifel aufkommen an der Gültigkeit von Diamonds Behauptung, Diffusionsprozesse verliefen auf Kontinenten mit horizontaler Achse stets schneller und umfangreicher als auf vertikalen Achsen (Blaut 1999, S. 399; Carling und Nolan 2000, S. 261–262),[5] während andere Autoren in eigenen Forschungsarbeiten Diamonds Aussagen bestätigt sehen (Turchin et al. 2006; Bang Petersen und Skaaning 2010; Laitin et al. 2012).

Gerade was die Überbetonung biogeographischer Vorteile im Falle Europas aber auch in Guns, Germs, and Steel insgesamt betrifft, steht die Kritik an einer zu eurozentristischen Perspektive (Blaut 1999, S. 391–392, 2000, S. 15 und 149) in einer engen Beziehung zum wohl umfangreichsten Kritikpunkt an diesem Werk, der sich im Vorwurf des Geodeterminismus abzeichnet: Diese geographische Denkrichtung basiert auf der Annahme, wonach „the physical, geological and climatic conditions of a region determine the thoughts and the actions of inhabitants“ (Mises 2007, S. 324) und ist unter einigen Geographen und Historikern aufgrund dessen sozialdarwinistischer Wurzeln und Nutzung als Legitimation für Kolonialismus, Imperialismus und Rassismus verpönt (Merrett 2003, S. 802; neutraler verwendet bei Disch 1997) und wird als eigentlich überholt und überwunden betrachtet (Begley 1997, S. 47; McNeill 1997a, S. 48).

Jared Diamond wird hierbei vorgeworfen, vor dem Hintergrund seines deutlichen Fokus auf geographische Determinanten als Erklärung für historische Verläufe (Mokyr 2014), menschliches Handeln (Tedlock 1997; Mazlish 1999, S. 242–243; Jarosz 2003, S. 823–824; Hanson 2006; Judkins et al. 2008, S. 23) und kulturelle Unterschiede (Dawson 2002, S. 47) als weitgehend „irrelevant“ (Errington und Gewertz 2010, S. 339) zu betrachten. Durch dessen Annahme, geographische Faktoren hätten solche ultimative Determinationswirkung, impliziert Diamond einen von Umweltbedingungen vorbestimmten Entwicklungsverlauf der Geschichte (Judkins et al. 2008, S. 24; Tedlock 1997), ignoriert damit aber die Vorstellung, „that the very idea of ‚development' might be culturally conditioned“ (Dawson 2002, S. 46; ähnlich auch McNeill 1997a, S. 50).

Ein solcher Kulturrelativismus (Duchesne 2011, S. 44–45; Clark 1999; weniger kritisch: Drummond 1999), der kulturelle Unterschiede lediglich als „automatic product of their environment“ (McNeill 1997b, S. 69; ähnlich auch Cowell 2003,

S. 810) betrachtet, zog in der Folge eine Vielzahl an unterschiedlichen kritischen Reaktionen nach sich:[6] Hierzu gehört zunächst die von Diamond unzureichend thematisierte Möglichkeit von Gesellschaften, sich einem Wettbewerb um Macht und Reichtum grundsätzlich auch entziehen zu können (Blaut 1999, S. 396–397; McNeill 2001; Errington und Gewertz 2010, S. 339–340). Aus diesem Festhalten an einer deterministischen Entwicklungslogik resultiert auch die von vielen Autoren als problematisch betrachtete Annahme, dass in der Konsequenz „those whose environments have provided them with the greatest advantages will necessarily come to dominate all others societies, by whatever means are at their disposal“ (Judkins et al. 2008, S. 24; ähnlich auch: Cowell 2003, S. 811). Entstehung, Verlauf und Intensität von Krieg, Kolonialismus und ökonomischer Ungleichheit könnten folglich als „just accidents of geography, and their after-effects“ (Burkeman 2014) betrachtet werden, was aber in der Folge auch zur gefährlichen Annahme verleiten mag, dass zur Erklärung dieser Aspekte Kultur und Geschichte keine entscheidende Rolle spielen (McAnany und Yoffee 2010, S. 14): „Once we find the ‚ultimate' cause we may think the job is done and no more questions need be asked“ (Dawson 2002, S. 59). Armut in Folge ökonomischer Ausbeutung oder das Verschwin-den ganzer Kulturen aufgrund ‚kollidierender Hemisphären' wären demnach ein unausweichliches Schicksal[7] aufgrund biogeographischer Gegebenheiten. Diese Sichtweise begründet aber eine kritisierte „perverse justification“ (Errington und Gewertz 2004, S. 9) jeglicher historischer Ereignisse, wenn sich niemand mehr für diese verantwortlich fühlen müsste (Sluyter 2003, S. 813; Brown 1998, S. 295), da deren eigentliche Ursachen „were set in motion long ago, just beyond the effective reach of his sympathetic reader“ (Wilcox 2010a, S. 99): „It's no one's fault, it's all geography“ (Disch 1997, S. 19).[8]

Einige Autoren betrachten die Gefahren dieser Denkweise dann als besonders immanent, wenn sie aus der Wissenschaft auch von Öffentlichkeit und Politik übernommen wird (Judkins et al. 2008, S. 18 und 26; Sluyter 2003, S. 813), worauf bereits einige Publikationen, wie die von Jeffrey Sachs (2005), John Luke Gallup et al. (1999) und anderen (Überblick bei Sluyter 2003, S. 815) schließen lassen. Ähnliches gilt für den durch diese Denkweise begründeten fatalistischen Blick in die Zukunft (Coelho 1998, S. 1181; McNeill 2001; Merrett 2003, S. 804–805).

Geographische Faktoren mögen zwar durchaus erklären können, warum bestimmte Gesellschaften in den vergangenen Jahrtausenden eher einen technologischen Vorsprung gegenüber anderen aufbauen konnten (Blaut 2000, S. 165; ähnlich auch Cowell 2003, S. 811), aber eben nicht warum und in welchem Ausmaß sie diesen in der jüngsten Vergangenheit auch (aus)nutzten (Ferguson 1999, S. 900–901). Hierfür dürfen deshalb auch keinesfalls nichtgeographische Triebkräfte wie Machtund Profitstreben (Sharpe 1998, S. 124; Errington und Gewertz 2004, S. 12) ausgeblendet werden, dessen Verständnis wiederum erst bei Kenntnis der bei Diamond kaum betrachteten innerkontinentalen und -gesellschaftlichen Dynamiken wie beispielsweise Klassenformierung und -kampf, Urbanisierung und Globalisierung verstanden werden können (Drummond 1999; Carling und Nolan 2000, S. 259; Laibman 2003). Somit wird auch die Rolle von durch menschliches Handeln etablierten politischen und ökonomischen Institutionen, wie Marktwirtschaft, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, als zu rudimentär kritisiert (Block 2002, S. 284; Grew 2006, S. 885–886; Bratland 2009). Die hiermit zusammenhängende Frage, ob die Ursachen heutiger Unterschiede in der globalen Machtund Reichtumsverteilung eher in solchen Institutionen oder weiterhin in biogeographischen Rahmenbedingungen zu suchen sind, führte 2012 in der New York Review of Books zu einem akademischen Schlagabtausch zwischen Diamond (2012b, c) auf der einen sowie Daron Acemoğlu und James A. Robinson (2012b, S. 86)[9] auf der anderen Seite.[10]

Jared Diamond geht auf einige der hier beschriebenen Kritikpunkte auch ein, und nutzt seine Homepage, Aufsätze und ein seit den Auflagen ab 2003 ergänztes Nachwort in Guns, Germs, and Steel, um bestimmte Positionen zu präzisieren und aktualisieren, aber auch um noch ungeklärte Fragen offen zu kommunizieren (Diamond 2011, S. 450–464, 2015c): Gerade was den Vorwurf des Geodeterminismus betrifft, meint er jedoch eine Obsession mit dieser Thematik zu erkennen, „that causes people to shut down and refuse to consider how geography actually does influence human societies“ (Diamond 2003b, S. 830). Bereits in der Einleitung des Buches betont er explizit, dass seine Argumentation eine Erklärung, keineswegs aber eine Rechtfertigung bestimmter Geschichtsverläufe darstellt (Diamond 2011, S. 17). Was die Rolle menschlichen Handelns betrifft, zeigt er sich auch im Epilog grundsätzlich „sensitive to the issue“ (Mazlish 1999, S. 241), indem er dieses als „history's wildcard“ (Diamond 2011, S. 418) bezeichnet, die Geschichte in Teilen unvorhersehbar macht.

Auch in späteren Veröffentlichungen und Interviews, in denen er auf diese Kritik eingeht, betont er die Relevanz nichtgeographischer Faktoren wie Kultur und Institutionen und verweist darauf, dass Biogeographie eine ergänzende Erklärung für Geschichtsverläufe darstellt (Diamond 2011, S. 462, 2012c, S. 86) und „geographical factors furnish part, but not all, of the ultimate answer“ (Miller und Diamond 2006, S. 411): „Today, no scholar would be silly enough to deny that culture, history, and individual choices play a big role in many human phenomena“ (Diamond 2014b).[11] Nichtsdestotrotz weist er unreflektierte Determinismusvorwürfe gegen sich zurück und hält weiterhin am starken Einfluss biogeographischer Erklärungen für den Verlauf menschlicher Geschichte fest (Diamond 2011, S. 463, 2014b, c; Burkeman 2014), wobei er auch Unterstützung in Form empirischer Studien erhält (Bockstette et al. 2002; Hibbs und Olsson 2004; Beck und Sieber 2010; Bang Petersen und Skaaning 2010).

Aufgrund des von Jared Diamond gewählten breiten, interdisziplinären Zugangs sowie des umfangreichen zeitlichen Fokus äußert sich aber eine Vielzahl an Rezensenten grundsätzlich verständnisvoll für etwaige Fehler und Oberflächlichkeiten in Guns, Germs, and Steel (Renfrew 1997, S. 340; Tomlinson 1998; Coelho 1998, S. 1181; Mazlish 1999, S. 240 und 245) und empfiehlt, Kritik daran nicht allzu stark überzubewerten und sie vielmehr als Anlass für weitere Forschungsarbeiten[12] zu verstehen (York und Mancus 2007, S. 157; Woodson 2010, S. 272): „Such a bold approach cannot help but draw criticism, and the controversy surrounding Diamond's work, particularly in geography and the social sciences, is more a sign of its relevance and originality than its shortcomings“ (York und Mancus 2007, S. 161).

  • [1] Brian Ferguson (1999, S. 900) befindet im Gesamtkontext mit Kap. 2 gerade das als „unnecessary“, welches auch keine Aufnahme in die deutsche Ausgabe von Guns, Germs, and Steel fand.
  • [2] Gerade James M. Blaut (2000) geht in dieser Frage hart mit Jared Diamond in das Gericht, den er in seiner gleichnamigen Monographie als einen von Eight Eurocentric Historians bezeichnet.
  • [3] Grundsätzliche Kritik am Ausblenden Indiens äußern u. a. auch Mazlish (1999, S. 240) und Dawson (2002, S. 46).
  • [4] Während gerade Blaut (1999, S. 403) Diamonds Erklärung, Europa habe seinen Vorteil aus seiner fragmentierten Topographie und somit heterogenen Sprachund Kulturvielfalt gezogen, hart kritisiert, finden Bang Petersen und Skaaning (2010, S. 224) Belege für diese These.
  • [5] Autoren wie Joel Mokyr (2014) und David Laibman liefern hierzu die Überlegung, dass gerade Herausforderungen durch hohe Diffusionshürden „would better reward diversity and creativity“ (Laibman 2003).
  • [6] Ausgehend von einer Rezension von William H. McNeill (1997a) entspann sich 1997 zwischen diesem (1997b) und Jared Diamond (1997b) ein Briefwechsel über diese Frage in der New York Review of Books.
  • [7] Blaut (2000) und Correia (2013, S. 3) verweisen hier explizit auf den Untertitel von Guns, Germs, and Steel: ‚The Fates of Human Societies' (Hervorhebung durch A. F.).
  • [8] Gerade in Zeitschriften mit einer eher linken politischen Ausrichtung fiel diese Kritik besonders harsch aus: Andrew Sluyter bezeichnet Diamonds Werk geradeheraus als „junk“ (2003, S. 813), während David Correia (2013) seine Rezension unter dem Titel „F**k Jared Diamond“ (sic!) veröffentlichte.
  • [9] Acemoglu und Robinson (2012a, S. 52–54) widmen sich in ihrer Monographie Why Nations Fail Diamonds Thesen auch in einem Kapitel mit dem Titel „Theories that don't work“.
  • [10] Vgl. hierzu auch die empirische Auseinandersetzung mit dieser Frage durch Hibbs und Olsson (2004).
  • [11] In seinem Guns, Germs, and Steel nachfolgenden Buch Collapse, stellt Diamond menschliche Entscheidungen in das Zentrum seiner Erklärung für den Untergang von Kulturen. Allerdings wird auch dieser Schritt kritisiert, da nunmehr die „have-nots“ (Errington und Gewertz 2010, S. 348; ähnlich auch Wilcox 2010b, S. 124) für ihr Schicksal ausschließlich selbst verantwortlich gemacht werden.
  • [12] Hier sei nochmals auf die Arbeiten u. a. von Turchin et al. (2006), Beck und Sieber (2010), sowie Bang Petersen und Skaaning (2010) verwiesen
 
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